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Im Schlepp der Seenotretter © Stephan Boden
Reportage

Wenn die Seenotretter kommen

Erfahrungsbericht über einen Einsatz der DGzRS

Stephan Boden
von in
5 Minuten | 3 Kommentare

Man weiß, dass dieser Moment jederzeit kommen kann, doch man rechnet nie damit. Der Moment, in dem man mit eigenen Mitteln auf dem Wasser nicht mehr voran kommt und auf die Hilfe anderer, in diesem Falle der Seenotretter angewiesen ist. Dann, wenn man entscheidet: Nun muss ich Hilfe holen. Plötzlich hatten wir ihn – diesen Moment.

Seit zweieinhalb Wochen sind wir auf der Nordsee unterwegs. Da dieser Sommer sehr kapriziös ist, treten wir die Rücktour mit der Etap 28i „Belletap“ durch die geschützten Kanäle Hollands auf der Staande-Mast-Route an (Revierbericht folgt). Von Groningen soll es dann in einem Schlag rund 140 Seemeilen nach Cuxhaven gehen. Das Wetter scheint weniger mitzuspielen, dafür aber der Wind. Und der entscheidet, nicht Sonne oder Regen.

Kurz hinter der Ausfahrt aus den niederländischen Kanälen in Delfzijl trifft uns die gegenläufige Tide. Da wir Zeitdruck haben, nehmen wir das in Kauf und setzen zum Motor Genua und Kegel. Gegen knapp drei Knoten Tidenstrom kämpfen wir uns bei 20 Knoten Wind aus etwa 70 Grad mit Segel und Diesel durch. Es läuft gut. Fahrt durchs Wasser 6,5 Knoten, Fahrt über Grund 3,5 bis 4 Knoten. Das reicht.

Ein Regenschauer nach dem anderen rauscht über uns hinweg. Teilweise ist nur wenige Meter weit etwas zu sehen, und der Regen tut in den Augen weh. Dazu Böen um 30 Knoten. Ich gehe unter Deck und rufe das Wetter für die nächsten zwölf Stunden ab. Das erste, was ich sehe, ist eine amtliche Böenwarnung (mit 8 und 9 Beaufort) für die kommende Nacht, dazu Gewitter und Schauer. Nach einer kurzen Besprechung entscheiden wir, nach Borkum zu laufen und erst am nächsten Morgen weiter zu fahren. Im Boot steht mittlerweile etwas Wasser. Wir vermuten, dass es beim Platzregen durch den Niedergang gelaufen ist. Die Bilgenpumpe saugt es weg.

Im Schlepp der DGzRS

Während ich unter Deck den neuen Kurs anlege, reffen Jochen und Gregor im Cockpit die Genua, da es mittlerweile stark aufbrist. Plötzlich höre ich unter Deck deutlich, wie die Motordrehzahl nach unten geht. Bei Manövern passiert das ab und zu, wenn man mit seinem Fuß aus Versehen an den Motorhebel kommt. Als ich hinaussehe, ist dort aber kein Fuß in der Nähe – und auf einmal ist der Motor ganz aus. Die beiden anderen im Cockpit hören das wegen des Windes nicht.

Ich gebe Jochen Bescheid, der verwundert guckt und versucht, die Maschine zu starten. Vergebens. Der Volvo schweigt. Zunächst checken wir, ob wir den Kurs unter Segeln halten können und im Fahrwasser bleiben. Das funktioniert zum Glück: Gegen die Tide laufen wir immer noch 0,5 bis 1 Knoten über Grund. Es besteht also keine Gefahr. Während Gregor im Cockpit sitzt und den Kurs hält, versuchen Jochen und ich, das Motorenproblem zu ergründen. Ich schraube die Verkleidung im Niedergang auf und sehe: Wasser. Überall steht Wasser. Im Sanitärraum schwappt es bereits durch die Bodenbretter. Jochen und ich sehen uns an.

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Wassereinbruch © Stephan Boden

„Ich glaube, nun ist der Punkt gekommen, Hilfe zu holen. Wir kommen zwar noch bis Borkum, aber wir kommen da nicht mehr ins Fahrwasser rein. Das Wasser und der Motorausfall werden zusammenhängen, und ohne Motor schaffen wir das bei den Bedingungen nicht.“ Jochen nickt. Wir entscheiden, keinen Notruf über Funk abzusetzen. Niemand von uns ist in Gefahr, und wir haben noch die Kontrolle über das Boot. Also ruft Jochen Bremen Rescue über Handy an. Nun ist er also gekommen, dieser Moment – bisher waren es immer die anderen. Nun sind wir selbst dran. So schnell erwischt es einen also. „Motorenschaden und Wasser im Schiff“ – liest man so etwas nicht ständig?

Die freundliche Dame am Telefon fragt sofort die wichtigsten Daten ab. Wie ist die Position? Wieviele Personen sind an Bord? Gibt es Verletzte? Besteht Gefahr? „Okay, ich schicke jemanden los.“ Wie gut das klingt.

Eine Viertelstunde später klingelt das Handy. Der DGzRS-Rettungskreuzer „Alfried Krupp“ ist bereits ausgelaufen und zu uns unterwegs. Wir sollen nichts machen, sondern einfach weiter im Fahrwasser bleiben. Ach ja, und dann werden wir darüber informiert, dass man eine Haftungsverzichtserklärung unterschreiben muss, damit für etwaige Schäden bei der Bergung nicht die Seenotretter in die Pflicht genommen werden können. Das ergibt Sinn.

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Wurfleine © Stephan Boden

Mit dem Fernglas versuche ich, das rettende Boot zu sichten. Erst nach einer Weile gelingt es mir. Der 23 Meter lange Kreuzer steuert direkt auf uns zu. Wieder ruft man uns an: Wir sollen nun die Genua wegrollen und einen Mann aufs Vorschiff schicken. Ein paar Minuten später lässt die „Alfried Krupp“ das kleine Beiboot „Glückauf“ zu Wasser. In Lee kommen sie zu uns gefahren. Was dann folgt, ist höchst professionell. Zunächst wird mir rübergerufen, was als nächstes passiert, damit ich auf alles vorbereitet bin. Man werde mir eine Leine zuwerfen, und die solle ich sofort durchholen, bis das Drahtauge der Schleppleine erreicht ist. Dies dann über die Klampe legen. Und schon fliegt eine Affenfaust mit roter Leine zu mir. Während ich ziehe, ruft mir jemand zu: „Durchholen, schnell durchholen, weiter, weiter, ganz durchholen! Jetzt das Auge auf die Klampe. Ist das fest? Dann sofort nach hinten!“

Ich krabbele nach achtern ins Cockpit, und schon beginnt die Rauschefahrt ohne eigenen Antrieb in Richtung Borkum-Schutzhafen. Alles macht einen entspannten Eindruck. Seit die Dieselpest ein immer stärkeres Problem ist, müssen immer mehr Boote geschleppt werden, erfahre ich später. Dieses Rettungsmanöver ist wie Pommes Rot-Weiß: Standard. Bei uns ist offensichtlich nicht die Pest an Bord. Wir haben ein Problem mit einem Durchlass. Denn auch ohne Maschine kommt weiterhin etwas Wasser ins Schiff. So werfen wir alle zwei Minuten die Pumpe an.

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Seenotrettungskreuzer Alfried Krupp © Stephan Boden

Eine gute Stunde später kommen wir an. Am Steg wartet bereits die Besatzung der „Alfried Krupp“, die schon wieder fest ist. Freundlich und mit vielen spaßigen Worten nimmt man unsere Leinen an. Die Stimmung ist gelöst, auch bei uns. Dann bittet man Jochen als Eigner aufs Rettungsschiff, um die Unterschrift zu leisten. Das war es. Mehr nicht. Wir dürfen diese Nacht noch am Notsteg liegen bleiben, am kommenden morgen verholen wir das Boot mit Leinen in eine Box.

Service fürs Bootsfahrer und Segler gibt es auf Borkum nicht. Beim Yachtservice Emden, den wir informieren, vermutet man am Telefon, dass der Kühlwasser- und Abgasschlauch defekt ist. Das Boot wird nun nach Emden geholt und dort repariert, bevor wir es nach Hause zurücksegeln können.

Fazit: Es sind nicht immer die anderen, manchmal ist man selbst ein Rettungsfall. Und: Die Seenotretter der DGzRS sind großartig. Das ist zwar nichts Neues, aber wir sollten dankbar sein, dass es diese Jungs und Mädels überall an der Küste gibt. Ach ja, und die App hätte ich besser gehabt…

Seenotrettungskreuzer nimmt Rettungsboot auf

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3 Kommentare

Interessanter Artikel und die gesamte Situation ist sehr gut nachvollziehbar. Sehr gut finde ich den Aspekt Bremen Rescue über Handy anzurufen. Eine gute Alternative, wenn nicht gleich Leben bedroht ist und nicht gleich alle über UKW über die Situation informiert werden sollen. Hilfreich auch für (Jollen) Segler ohne UKW oder im Ausland, wo UKW Kommunikation machmal nicht einfach ist.

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