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Liebe zum Detail gehört für Kaufberater Jens Böckmann dazu © Roland Wildberg
Kaufberatung

Sucht ein float-Redakteur ein Segelboot …

Unser Autor, mit Seebeinen von Jugend an, macht die Probe aufs Exempel. Er sucht mit Yachtverstand ein neues Boot.

von
Roland Wildberg
in
7 Minuten

Ein gebrauchtes Boot ähnelt der oft zitierten „Black Box“: Für Käufer ohne viel Erfahrung ist es sehr schwierig, eine Einschätzung über Pflegezustand und Wert zu treffen. Hier hilft der „Yachtverstand“ von Jens Böckmann. Roland Wildberg, freier float-Redakteur mit Segel-Seebeinen aus frühester Jugend, macht die Probe aufs Exempel. Nach seinem Reportage-Interview „Wer nicht handelt, ist doof“ schilderte er Jens Böckmann seinen „Use Case“, und der Hamburger machte sich Gedanken.

Böckmann verfolgt mit seiner Kaufberatung einen ganzheitlichen Ansatz: Er hilft Bootskäufern bereits bei der Auswahl des passenden Bootstyps, inspiziert in Frage kommende Exemplare und begleitet auch die Kaufverhandlungen.

Boot kaufen mit ganzheitlichem Ansatz

Roland hat früher Kielzugvogel auf der Alster gesegelt und damit sehr viel Erfahrung. Später machte er einige Seetörns auf Küstenrevieren. Nun lebt er in Berlin, und die Kinder werden größer. O-Ton ab …

Roland Wildberg: Und da denken wir an ein Boot auf der Ostsee – mehr erleben, stärkeren Wind, längere Törns als eben nur im Binnenrevier. Was musst Du noch wissen?

Yachtverstand Jens Böckmann aus Hamburg
Das Folkeboot ist ein sehr seetüchtiges Schiff, aber zugleich relativ klein © Roland Wildberg

Jens Böckmann: Welche Segelerfahrungen hast Du gemacht? Hast Du Scheine gemacht?

Ich habe die Sportbootscheine See und Binnen und ein paar Dutzend Seetörns gemacht, aber war ansonsten hauptsächlich Binnen unterwegs.

Wie viele Kinder hast Du, und wie alt sind die?

Das sind zwei, 14 und 16.

Also brauchst Du Platz für vier Personen, oder ist noch ein Hund dabei?

Drei bis vier. Kein Hund.

Yachtverstand Jens Böckmann aus Hamburg
Mit Hammer und Taschenlampe sucht Jens Böckmann den Rumpf nach Schwachpunkten ab © Roland Wildberg

Also der Klassiker – im Sommer drei Wochen Ferientörn und ansonsten die Wochenenden. Oder hast Du etwas längere Törns vor, wie eine Ostseerunde?

Ja, das spukt mir auch durch den Kopf: ein Sabbatical für ein halbes Jahr über die Ostsee. Aber sonst primär die großen Ferien und Wochenenden. Ein fester Liegeplatz ist sicher schon wegen der Größe nötig. Ab sieben Metern ist Trailern kein Thema mehr, oder?

Richtig. Du müsstest gucken, wo Du von Berlin aus einigermaßen schnell hinkommst, da wäre Rügen oder Stralsund ganz gut. Zwischen 34 und 36 Fuß sollten es sein, wenn ihr zu viert unterwegs seid, und zwei abgeschlossene Kabinen. Und wenn ihr mal Gäste habt, kannst Du noch zwei Leute im Salon unterbringen. Das hängt natürlich vom Budget ab.

Das ist ja eine heikle Frage …

Normalerweise sind die Kunden immer relativ ehrlich damit, was sie zur Verfügung haben. Mit jedem Meter wächst der Kostenaufwand, was Liegeplatz und Unterhalt betrifft. Ich habe das mal für mein Schiff mit 31 Fuß durchgespielt. Im Vergleich zu einem 34-Fuß-Schiff waren das pro Saison fast 2.500 Euro Unterschied.

Yachtverstand Jens Böckmann aus Hamburg
Jeder Kratzer wird registriert und kann in die Preisverhandlung eingebracht werden © Roland Wildberg

Ist es richtig, die jährlichen laufenden Kosten mit rund zehn Prozent des Anschaffungswerts zu kalkulieren?

Das hängt vom Schiff ab. Wenn es neuer und wenig dran zu machen ist, wie im Frühjahr zu polieren, dann kommt das hin. Das kann schnell mehr werden, abhängig davon, was man mit dem Schiff anfangen will und wie gut es in Schuss sein soll. Zehn Prozent sind jedenfalls eine gute Hausnummer.

Okay, ich habe ein Budget von ungefähr 20.000 Euro.

Wenn Du damit eine Schiffsgröße für drei bis vier Personen suchst, muss man ehrlicherweise sagen: Da wirst Du nichts finden, was in einem Zustand ist, dass Du sofort lossegeln kannst und sorgenfrei die Saison verbringst.

Ein Folkeboot würde es dafür doch geben?

Ja, das kannst Du machen. Aber da Du von vier Personen sprichst … Ein Folkeboot ist ein wunderbares Schiff, ich empfehle es gern als Einstiegsboot, und Du kannst es trailern.

Aber?

Aber es hat nur zwei Kojen, das Vorschiff ist sehr schmal und es ist seeeehr eng.

Wenn man mit der Familie entspannt segeln und Spaß dabei haben will, ist ein Folkeboot schwierig.

Yachtverstand Jens Böckmann aus Hamburg
Holzrümpfe sind ein Spezialfall, der Pflegeaufwand ist erheblich höher © Roland Wildberg

Der große Vorteil des Folkeboots, gerade für Familien: Das Ding ist mega-sicher. Durch den Langkiel hast Du ein extrem großes Wetterfenster. Ich bin damit bei 7 bis 8 Windstärken auf der Flensburger Förde gefahren, das geht super. Tolles Seeschiff. Und Du kannst es trailern.

Führt zur nächsten Frage, wie Du segeln willst: Möchtest Du sportlich segeln, dicht am Wasser sein, oder geht’s um Komfort und Tourensegeln mit viel Hafenaufenthalt?

Eher sportlich. Wieviel müsste ich anlegen?

Bei 34 Fuß liegt man komfortabel zwischen 30.000 und 50.000 Euro. Wieviel willst Du selbst an dem Schiff tun? Ist es okay, ein Bastelboot zu kaufen und es selbst hochzurüsten? Dann wirst Du sicher noch Günstigeres finden.

Angesichts des demographischen Wandels und Nachwuchsmangels beim Segeln hätte ich angenommen, dass der Markt voll ist mit alten Segelbooten, die keiner haben will …

Im Bereich zwischen 30 bis 36 Fuß ist der Markt wie leergefegt. 2020 haben viele Leute Wohnmobile und Boote gekauft – wegen Corona oder warum auch immer. Ob das aber Leute sind, die langfristig dabeibleiben, wage ich zu bezweifeln. Ich schätze, dass in zwei Jahren ein Drittel sagt: „Da habe ich mir ja was aufgehalst, bloß weg damit.“ Davor war der Markt groß. Du kriegtest alles und auch recht günstig. Aber Schnäppchen gibt’s nie! Für gute Boote gibst Du immer relativ viel aus.

Yachtverstand Jens Böckmann aus Hamburg
Schäden wie diese Delle müssen kein Problem sein, wenn sie ordentlich repariert wurden © Roland Wildberg

Wenn es günstig ist, hast Du meist auch irgendwas daran zu tun. Entweder 15.000 Euro für ein neues Teakdeck, oder Du hast eine marode Maschine. Es gibt auch Schiffe, die substantiell in Ordnung sind, nur eben mies gepflegt wurden. Das ist Abwägungssache, Bastelbude ist nichts für jeden.

Wie ist es im Ausland?

Ich würde immer „bandbreit“ suchen, und es kommt ein bisschen aufs Schiff an. Skandinavische Marken wie Hallberg-Rassy oder das Folkeboot findest Du eher in Dänemark oder Schweden. Aber wenn Du im Ausland suchst, musst Du wissen: Anderswo ist man eben anders. Die Schweden und Norweger pflegen ihre Boote nicht so sehr wie wir hierzulande. Die sagen immer: „Geht doch segeln anstatt zu putzen!“

Ich würde kein Schiff aus dem Mittelmeer kaufen. Die Schiffe sind dort unten deutlich stärker belastet, was UV-Licht und Temperatur betrifft, und Du musst sie hochbringen. Sie sind faktisch fünf Jahre älter.

Geht es etwas komfortabler als im Folkeboot?

Ein klassisches Schiff aus Holland ist die Friendship 25 bis 28, die ist zwischen 20.000 und 25.000 Euro in gutem Zustand zu haben. Mit Toilette an Bord und vier ernstzunehmenden Kojen. Du hast ein bisschen mehr Stehhöhe, und die Segeleigenschaften sind auch okay. Die gibt’s mit kürzerem und längerem Kiel und auch mit Kielschwert, für die Ostsee nicht schlecht.

Yachtverstand Jens Böckmann aus Hamburg
Die Geräusche beim Abklopfen zeigen Jens Böckmann, ob die Wellenlager verschlissen sind © Roland Wildberg

Wie sieht’s mit einer alten Dehler aus, zum Beispiel einer Varianta? Oder sind die unbezahlbar?

Nein, überhaupt nicht. Eine Varianta ist fürs Binnenrevier ganz nett, man kann auch mal einen Küstentörn machen. Sie hat vom Komfort her nicht viel mehr zu bieten. Es gibt nur eine kleine, ausziehbare Pantry unter der Koje.

Selbst die alte Dehler 31, die ja ein sehr guter Segler ist, hat vernünftige Unter-Deck-Ausbauten mit Toilette und Pantry. Auch die alten Bavarias sind nicht zu verachten, mit 7,60 oder 8,20 Metern Länge. Die haben eine gute Qualität und sind auch einigermaßen seegehend.

Wenn Du vom Kielzugvogel kommst, bist Du ja auch Tempo gewohnt.

Es gibt auch noch ein paar Solitäre, eine alte Victoire 26er, zum Beispiel, aber da bist du mit 20.000 Euro an der absoluten Unterkante. Da gibt es eben Friendship, Dehler, Bavaria, bei den Franzosen vielleicht alte Dufour.

Kann ich Liegegebühren sparen, indem ich ein Trailerboot habe?

Langfristig nicht. Das Boot nur für einen Törn an die Küste zu fahren, Auf- und Abriggen, das macht niemand lange. Und der Liegeplatz für ein Boot unter neun Metern ist ja auch nicht sooo teuer. Da bist Du bei 500 bis 800 Euro für einen Sommerliegeplatz. Es gibt bis 28 Fuß einiges an Kleinkreuzern.

Zwischenfrage: Bavaria und Grand Soleil gibt es ja unglaublich viel in Charterflotten. Wo gehen die alle hin? Gibt es da nicht billigen Nachschub?

In den letzten drei Jahren sind die Flottenbetreiber etwas verhalten. Davor wurden alle zwei bis drei Jahre die Charterflotten getauscht. Und: Bei Charterschiffen weißt Du nie, was mit dem Schiff passiert ist.

Welche Rolle spielen Eigenbauten aus Stahl, die ja als sehr solide gelten? Würdest Du von so etwas grundsätzlich abraten?

Nein, im Gegenteil. Das ist ein spezielles Thema, weil Du von Schiff zu Schiff unterscheiden musst. Und: Da ist immer was zu tun! Schiffe, die makellos sind, sind entsprechend teuer – auch Eigenbauten.

Yachtverstand Jens Böckmann aus Hamburg
Aufgequollene Kanten am Steuerruder zeigen Undichtigkeit an © Roland Wildberg

Wie lange dauert eine Suche normalerweise?

Wenn ich auf den Punkt suche: eine Woche. Wenn man Montag telefoniert, gibt es am Freitag das Paket der auszuwählenden Boote. Das ist die Momentaufnahme von einer Woche, und man kann dann weiter beobachten, ob noch was reinkommt.

Tut Eile not?

Nein. Man sagt dem Anbieter: „Wir überlegen es uns. Bitte informieren Sie uns, wenn es einen anderen Interessenten gibt.“ Man darf sich nicht unter Druck setzen lassen. Es ist wie auf dem Gebrauchtwagenmarkt: Es kommt immer ein anderes Schiff vorbei.

Yachtverstand Jens Böckmann aus Hamburg
Jens Böckmann hat selbst zahlreiche Boote gekauft und gesegelt © Roland Wildberg

Wie lohnt sich der Yachtverstand für dich?

Ich nehme keine Provision. Du kannst entweder sagen: Such’ mir zehn Schiffe, und dann mache ich alles selbst. Oder ich komme später wieder dazu. Es sind Einzelposten. Wenn Du das volle Paket buchst – mit Suchen, Boot angucken, Preisverhandlung, beim Kauf dabei sein oder beim Aufriggen –, bist Du bei 28 und 36 Fuß Bootslänge ungefähr bei 1.000 bis 1.500 Euro.

Dein Rat für alle, die vom eigenen Boot träumen?

Einfach machen! Man muss sich nur über eins im Klaren sein: Du kriegst das Geld nicht wieder raus. Dafür bekommst Du aber vieles andere, das für Geld nicht zu haben ist.

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