float Magazine

Dinghi manövrierunfähig © Jürgen Albrecht
Seemannschaft

Wer segelt, hilft!

Hilfsbereitschaft und Segeln gehören zusammen. Oder nicht?

Thomas Stasch
von in
3 Minuten | 4 Kommentare

Ich selbst kann mich noch an diese Situation in Klintholm Havn erinnern: Wir saßen mit unserer Crew an Deck und tranken unser Feierabendbier, als ein historischer Zweimaster den Hafen ansteuert und versucht, unter Segeln einzulaufen. Das Manöver war einem Maschinenausfall geschuldet und endete in der Hafeneinfahrt auf Grund.

Sofort sprang der Eigner der neben uns liegenden, ziemlich teuren Halberg Rassy ans Ruder und warf die Leinen los, um Schlepphilfe zu leisten. Ein weiterer Segler legte ebenfalls ab und alle anderen naheliegenden Crews machten sich bereit, vom Kai her bei der Leinenarbeit zu helfen, um das rund 30 Meter lange Schiff sicher in den Hafen zu bekommen.

So kenne ich es – und so sollte es sein. Dann stolperte ich am Wochenende mit blankem Entsetzen über den Bericht von Jürgen Albert. Schon beim Lesen sträuben sich mir die Nackenhaare. Jürgen beschreibt seine Situation so:

„Ich bin nun 44 Jahre auf dem Wasser. Meist segele ich allein. Hin und wieder geht es mal zum Fischessen nach Lemmer (NL). Meinen Kat lasse ich dann draußen in der Bucht vor Anker und fahre mit dem Dinghi in die Stadt. Heute dann, bei etwa 6 Beaufort (in Böen) stirbt mir plötzlich auf der Rückfahrt zum Kat mein 6-PS-Jockel ab. Mein Schlauchboot wird abgetrieben. Zum Glück nicht aus dem Hafen heraus, sondern ‚nur‘ gegen die Bordwand eines großen Dampfers. Rudern ist völlig zwecklos, der Wind ist zu stark. Sprit ist genug drin, aber nichts geht mehr. Festmachen – keine Chance. Von der Bordwand wegkommen – unmöglich.

‚Kein Problem‘ ist mein erster Gedanke, hier fahren laufend Segler vorbei. Einer hilft bestimmt und zieht dich die knapp 150 Meter zu deinem Kat zurück. Wie oft habe ich in den vielen Jahren schon Segler abgeschleppt?

Der Wind pfeift, ich lasse die ersten Holländer vorbeifahren und rufe wegen der Verständigung dem ersten deutsch beflaggten Segler zu, ob er mich bitte abschleppen kann. Seine Antwort: ‚Keine Zeit, ich hab noch einen Termin.‘ Der Zweite ruft mir zu: ‚Ich bin allein, das ist mir zu gefährlich.‘ Der Dritte wiederum hat es zu eilig: ‚Nee, jetzt nicht, die Schleuse macht gleich auf, und wir wollen zeitig nach Hause.‘ Ein Paar dreht um, kommt auf mich zu, fährt dann aber wieder weg und lässt mich ungläubig mit meinem Tampen in der Hand zurück. Das Schlauchboot klatscht weiter gegen die Bordwand. Ein erwachsener Mann mit vier Jungs im Alter von 16 bis 18 winkt ab. Er ruft: ‚Nee, sowas machen wir nicht. Sie sind schließlich selbst schuld, wenn Ihr Motor nicht läuft‘ und fährt kopfschüttelnd weiter. Der Sechste winkt gleich ohne Antwort ab.

Inzwischen sind bald anderthalb Stunden vergangen. Ich versuche es bei den Niederländern, gestikuliere und rufe laut. Ein junges Paar dreht endlich bei. Sie wirft mir eine Leine rüber, und beide ziehen mich das kurze Stück zu meinem Kat. Ganz einfach. Ich bedanke mich – froh, endlich wieder in Sicherheit zu sein. Und empfinde echte Dankbarkeit.

Es ist seit 44 Jahren das erste Mal, dass ich selbst – aus völlig heiterem Himmel – Hilfe nötig hatte.

Ich war sehr erstaunt, und: ja, auch sehr traurig darüber, wie sich das Verhalten vieler Mitmenschen, nun erkennbar auch Segler, offenbar verändert hat. Vielleicht liegt es ja an meinem fortgeschrittenen Alter, aber was sagt mir das? Muss ich nun mein eigenes Verhalten dem Mainstream, den ich heute am eigenen Leib spüren durfte, anpassen?“


Nein, Jürgen, ändere deine Haltung bitte nicht

Auch ich bin sprachlos, wie so etwas passieren kann. Gerade wer anderen schon einmal aus einer prekären Situation geholfen hat, weiß, wie gut sich ein Dankeschön anfühlt. Ich persönlich kann nur hoffen, dass die Situation von Jürgen eine Aneinanderreihung von dummen Zufällen gewesen ist. Aber ich muss zugeben: Es liest sich nicht so. Wie gut, dass er in keiner lebensbedrohlichen Situation war, sondern „nur“ mit seinem Dinghi an eine Bordwand klatschte. Bitte, liebe Wassersportler, besinnt Euch der alten Tugenden und helft einander!

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4 Kommentare

Gunnar Gehrke /

Mein Lebensmotto:
„Helfen macht Freu(n)der!!!!!!!!“
Das nimmt mir trotz aller Schicksalschläge keiner!!!!

Antwort
Jürgen /

Und das sollte sich nicht nur auf’s Segeln beschränken. Einfach 5 Minuten seiner Zeit opfern und jemanden auch auf der Autobahn aus der Misslichen Lage befreien.

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