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Die Anlegesituation des gewagten Manövers © Maik Ulmschneider
Hafenkino

Wer zuletzt lacht … parkt am besten

Ein Video von einem gewagten Anlegemanöver kursiert auf Facebook – Hauptdarsteller ist unser Autor, und er hatte seine Gründe.

von
in
5 Minuten

Geschafft! Erschöpft, aber zufrieden halte ich die Autorización de Arribo, das finale Dokument der Einklarierung, in meinen Händen. Wer schon mal in Mexiko einklariert hat, weiß, wie beschwerlich das ist, insbesondere nach einer anspruchsvollen Überfahrt.

Ich kam heute aus Key West. Der südlichste Zipfel der USA ist ein beliebtes Ziel, um Ersatzteile zu kaufen. Hier in Mexiko sind sie nur sehr schwierig zu bekommen. Drei Tage dauert die Überfahrt nach Isla Mujeres, was so etwas wie mein zweiter Heimathafen geworden ist. Der Wind passt, mit gut zwanzig Knoten weht es aus Nord. Eine für diese Jahreszeit übliche Kaltfront versorgt mich mit raumem Wind über die gesamte Strecke von rund 350 Seemeilen.

Straße von Yucatan
Die Überfahrt der Straße von Yucatan ist eine Waschküche im Schleudergang © Maik Ulmschneider

Die letzten 24 Stunden, also die Überfahrt der Straße von Yucatan, sind allerdings rau und beschwerlich. Das war zu erwarten, schließlich trifft dort der kräftige Nordwind auf den nach Norden setzenden, mächtigen Yucatan-Strom. Eine Waschküche im Schleudergang, wie ich schon am eigenen Leib erfahren habe. Auch von den für diese Breiten üblichen angenehmen Temperaturen ist wenig zu spüren.

Als mir dann während der Ansteuerung im Morgengrauen noch der Keilriemen reißt, ist das einer dieser Momente, in welchen der Gedanke an ein normales Landleben durchaus an Attraktivität gewinnt. Aber zum Glück nur kurz.

alternativetextJosh Green spielt im Skull’s Landing © Josh GreenDenn jetzt sitze ich im Skull’s Landing, dem gemütlichen Segler-Hangout direkt am Strand von Isla Mujeres. Ich höre Josh, einem befreundeten Segler, beim Singen zu, schlürfe an meiner Cola und lasse den Tag ausklingen. Der Sonnenuntergang ist wunderbar. Doch dann mache ich einen Fehler: Ich öffne Facebook, klicke mich gewohnheitsmäßig durch die einschlägigen Seglergruppen und stolpere schließlich über ein Video.

Es zeigt einen Segler mit dichtgeholten Segeln hart am Wind aus der betonnten Fahrrinne herauskommen, der quer über ein markiertes Flach steuert. Seine Geschwindigkeit ist beachtlich, das Wasser ruppig, es weht ordentlich. Im Hintergrund überschlagen sich Stimmen: „Der spinnt doch!“, „Gleich knallt’s!“ und „Wieso bleibt der nicht im Fahrwasser?“.

Mein Fehler: Ich öffne Facebook

Es knallt jedoch nicht, und die Segelyacht erreicht ohne Probleme wieder tiefes Wasser. Das Boot hält auf die Marina zu. Kurz vor der Boxengasse kommen die Segel runter. Es scheint einen Moment unkontrolliert zu driften, bevor es, viel zu langsam für den starken Wind, unter Motor in die Boxengasse einfährt. Oder besser, hineintaumelt wie besoffen. Immer wieder scheint der Skipper die Kontrolle über sein Boot zu verlieren. Der Wind drückt ihn schließlich gnadenlos an die leeseitigen Dalben, wo er unsanft zum Stehen kommt.

Im Hintergrund wird das unglückliche Manöver dieses scheinbar rücksichtslosen Anfängers mit Unverständnis und auch ein bisschen Häme kommentiert. Irgendwie scheint der Kameramann beinahe ein bisschen enttäuscht darüber zu sein, dass gar nichts passiert ist. Kein im Flach abgerissener Kiel, keine Schneise der Zerstörung, irgendwie schade. Stattdessen beginnt sich das Boot nun langsam Richtung Box zu verholen.

Wenn man genau hinschaut, sieht man eine Leine, die der Skipper während des Videoschnitts ausgebracht haben muss. Dann endet das fragwürdige kinematische Werk abrupt, und ich scrolle durch die Kommentare.

Alles äußerst erfahrene Hochseekapitäne ohne Fehl und Tadel, die aber trotzdem sehr erleichtert darüber zu sein scheinen, dass es da draußen wohl jemanden gibt, der noch schlechter segelt als sie.

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Maik Ulmschneiders Ketch Seefalke © Maik Ulmschneider

Und dieser Jemand bin dann wohl ich. Denn das Boot ist meins, und der Skipper bin ich selbst. Das Video zeigt mein Anlegemanöver von heute Morgen. Ich fand es eigentlich gar nicht so schlecht, richtig gelungen, würde ich sogar sagen. Und der einzige Fehler, den ich mir vorzuwerfen hatte, war der, dass ich den Keilriemen vor Abfahrt nicht überprüft hatte.

Der Drehzahlmesser zeigt null RPM

Ich bin bereits in der engen Fahrrinne, als das Quietschen des Keilriemens mit einem Schlag verstummt und der Drehzahlmesser abrupt 0 rpm anzeigt. Mist! Ausgerechnet jetzt! Ich brauche nicht nachschauen, ich weiß, was das bedeutet: Der Keilriemen ist gerissen, die Kühlwasserpumpe steht still. Ich könnte mir in den A… beißen.

Wie immer, wenn so etwas passiert, passiert es im schlechtestmöglichen Augenblick, auch ohne Crew. Murphy ist immer an Bord. Das Fahrwasser selbst ist zu eng zum Kreuzen, und natürlich kommt der Wind genau von vorne. Unmöglich ohne Kühlung da gegenanzumotoren.

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Der schräge Kurs über das Flach © Maik Ulmschneider

Ich habe nur eine einzige Chance: Segel wieder hoch, hart am Wind mit möglichst viel Krängung über das Flach und dann direkt auf die Marinaeinfahrt zu. Ein bisschen gewagt, ja. Aber was wäre die Alternative? In der Fahrrinne notankern, den Fährhafen blockieren und um Schlepphilfe betteln? Das kann ich immer noch tun, sollte ich auf der Sandbank sitzen bleiben.

Ich kenne das Flach. Es ist rund 1,20 m tief – Sand, keine Steine. Mein Tiefgang ist 1,50 m. 30 Zentimeter muss ich also durch Krängung rausholen, bei 20 Knoten Wind ist das machbar. Ich kenne mein Boot. Ich muss dann nur rechtzeitig vor der Boxengasse zum Stehen und mit der Motorrestlaufzeit bei niedriger Drehzahl irgendwie an meinen Liegeplatz kommen.

Im Sprint über das Flach

Ich erinnere mich an die Dalben gegenüber meinem Liegeplatz, auf der Leeseite der Gasse. Sonst immer lästig beim Manövrieren, bieten sie jetzt eine willkommene Gelegenheit für einen Zwischenstopp. Und während ich über das Flach sprinte, mache ich Fender und Fenderboard an der Steuerbordseite klar.

Erleichtert, dass ich problemlos über die Flachstelle gekommen bin, merke ich schnell, dass ich mit dem Motor in Leerlaufdrehzahl unmöglich gegen den starken Wind ankommen kann. Der kommt nun von Backbord voraus. Langsam drifte ich wieder aus der Gasse in die Bucht. Ich mache den Anker klar, nur für alle Fälle.

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Die rettenden Dalben, rechts im Bild © Maik Ulmschneider

Dann wage ich trotz des nervigen, ohrenbetäubenden Alarms noch einen kurzen Gasstoß, der mich tatsächlich bis an die erwähnten Dalben bringt. Mittlerweile dringen Dampfschwaden aus dem Motorraum ins Cockpit, Schweiß brennt in meinen Augen. Aber es ist geschafft.

Der Rest ist Kindergarten: Nur noch die Vorleine über den Poller der Box werfen und mich mit der Ankerwinsch langsam in die Box verholen. Dass das Lassomanöver erst beim geschätzt 15. Versuch klappt, sieht man auf dem Video ja zum Glück nicht.

Likes für die Heimat

Alles in allem bin ich im Reinen mit mir und der Welt. Das Boot liegt trotz des Missgeschicks mit dem Keilriemen sicher und ohne fremde Hilfe an seinem Liegeplatz. Selbst der Motor scheint die heiße Belastungsprobe ohne Schaden weggesteckt zu haben.

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Seefalke ist wieder gut vertäut am Liegeplatz © Maik Ulmschneider

Ich setze also zu einem zugegebenermaßen recht unflätigen Kommentar an, als mich eine Fehlermeldung von Facebook darüber informiert, dass der Post mittlerweile gelöscht wurde. Schade eigentlich.

Später erfahre ich, dass der ambitionierte Hafenkinoproduzent im Laufe des Tages sage und schreibe vier Besucher an seinem Boot hatte. Die haben ihn wohl mal mehr und mal weniger freundlich daran erinnert, dass er so zwar Likes zu Hause sammelt, aber sicher keine Freunde in der Ferne. Während also das Hafenkino im Zeitalter der sozialen Medien geradezu groteske Formen annimmt, ist auf die Solidarität unter Seglern im echten Leben also nach wie vor Verlass. Gut zu wissen!

Mein Kommentar

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