float Magazine

Helga-Cup-Trainingsgruppe Workshop Tobias Schadewaldt Helga-Cup Teilnehmerinnen: Workshop mit Regattatrainer Tobias Schadewaldt im Berliner Yacht-Club (2020) © privat
Regattatraining

Wie kriege ich den Kopf klar?

Was braucht es, um beim Segeln zu siegen? Den richtigen Flow, sagt Tobias Schadewaldt. Wir waren beim Workshop dabei.

von
Cornelia Gerlach
in
3 Minuten

Es regnet. Es ist so richtig grau und öddelig. „Stellt Euch vor, gleich ist Start und ihr fahrt jetzt raus.“ Entsetzte Blicke bei den 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die an diesem Sonntag im roten Saal des Berliner Yacht-Clubs sitzen. Doch davon unbeeindruckt schickt Tobias Schadewaldt, Steuermann im vierfach siegreichen Bundesliga-Team des NRV und Coach mit Schwerpunkt auf Führung und Team, sie auf eine Gedankenreise.

Wenn sie jetzt zusammen in einem Boot säßen: Was würden sie brauchen, um gut zu funktionieren? Welche Gespräche, welche Themen, welche Stimmung? Grau und flau liegt der See da. Und doch muss es gelingen, auf dem Weg zum Start die Kommunikation im Boot so zu gestalten, dass bald alle im Team nicht mehr aufs Wetter schimpfen oder vom sonnigen Urlaub auf den Kanaren träumen. Warum geht es? Dass sie optimal performen und ganz einzutauchen in das gemeinsame Vorhaben, richtig gut zu segeln.

Helga Cup Trainingsgruppe Schadewaldt
Intensive Unterrichtseinheit: Tobias Schadewaldt im Berliner Yacht-Club © privat

Das mentale Mindset, um an die Spitze zu segeln

Tobias Schadewaldt war am vergangenen Sonntag zu Gast im Berliner Yacht-Club als Dozent bei einem Workshop der Segelakademie Wannsee. Initiiert hatte das Event die Helga-Cup-Trainingsgruppe Berlin, ein vereinsübergreifender Zusammenschluss von Regattaseglerinnen. Sie wollten den trostlosen Wintertag nutzen, um sich für die kommende Saison fit zu machen.

Fast sechs Stunden lang nahm Tobias die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit hinein in seine Überlegungen zu einem mentalen Mindset, das dazu beiträgt, an die Spitze zu segeln. Er erzählte von seinem eigenen Werdegang – von dem Tag, als er zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft ganz vorne lag. Von dem tollen Gefühl, Erster zu sein.

Helga Cup Trainingsgruppe Schadewaldt
Damit an Bord alles glatt geht, müssen die Gedanken fokussiert sein © Kersin Zillmer

Wenn plötzlich nichts mehr glatt geht

Und von dem Desaster, das dann folgte: Weil nämlich plötzlich alles nicht mehr so glatt ging und andere an ihm vorbeizogen. Was nicht daran lag, dass seine seglerischen Fähigkeiten über Nacht geschrumpft waren. Sondern daran, dass sein Kopf nun plötzlich an zu viele andere Dinge dachte und  er noch nicht die mentale Stärke hatte, das „Affengeschnatter“ darin zum Schweigen zu bringen.

Tobias beschrieb die verschiedenen Stimmen im Kopfe einer Seglerin: Eine gehört der Controllerin, die sich in den Details und Problemen verknotet; eine andere der Geschäftsführerin, die versucht den Laden am Laufen hält und Optimismus verbreitet; auch die Logikerin redet da mit und entwickelt Lösungen; und letztlich ist da noch die Macherin, die selbige Lösungen umsetzt und auch noch für Spaß sorgt. Bis der Kontrollfreak wieder sich an irgendwas festbeißt.

Regattatraining Workshop Tobias Schadewaldt
Immer nach vorne Denken: nichts soll den Flow unterbrechen © Kerstin Zillmer

Im Zustand des Flows agieren

Nicht nur auf dem Wasser, sondern auch wissenschaftlich hat Tobias Schadewaldt sich intensiv mit der Frage befasst, wie es gelingen kann, im Zustand des Flows zu agieren. Er hat einen Master of Business Administration und arbeitet als Coach. Er beschreibt, was den Flow unterbricht: Wenn etwas nicht so läuft, wie es soll, geht die Aufmerksamkeit plötzlich auf dieses Detail.

Der Flow reißt ab, man verliert den Überblick, das Problem schiebt sich in den Vordergrund. Man fängt fieberhaft an zu überlegen: Warum ist das passiert? Wie konnte das geschehen? Vielleicht kommt noch Ärger dazu, Wut auf sich oder die anderen.

Beim Regatta-Segeln ist das alles meistens nicht sinnvoll. Vielmehr sei es wichtig, schnell wieder vom Jetzt-Zustand nach vorne zu denken, zu den nächsten Manövern, der nächsten Bö, dem nächsten Boot, das gerade auf Backbordbug heran rauscht. Die Fehleranalyse sollte man besser auf später verschieben.

Helga Cup
Fehleranalyse auf später verschieben © Kerstin Zillmer

Fehleranalyse besser auf später verschieben

Beim Workshop mit dabei waren zum Teil ganze Crews, die gemeinsam trainieren und auch starten, aber auch einzelne interessierte Seglerinnen und Segler. Viele haben im Laufe des Tages ihre Kommunikation im Boot mehrfach reflektiert und an entscheidenden Punkten umgestaltet.

Der Workshop war eine wichtige Ergänzung zu Winterabenden mit Regelkunde, Trimm und Taktik. Die erste gemeinsame Veranstaltung der Segelakademie Wannsee und der Helga-Cup-Trainingsgruppe Berlin war so spannend, dass alle das Februarwetter draußen glatt vergessen haben.

Und wir wissen jetzt, wie wir das Affengeschnatter im Kopf zum Schweigen bringen können.

Mein Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.