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© Bootswerft Freest
Frau im Bootsbauer-Handwerk

Wie man eine Werft wachküsst

Die pommersche Jarling-Werft schien am Ende zu sein. Doch eine mutige Frau wagte den Neubeginn. Heute restauriert Kirsten Dubs hier Klassiker.

von
Tommy Loewe
in
6 Minuten

Der alte Fischkutter hat seine Fahrenszeit eigentlich hinter sich: In Planen eingehüllt steht sein bauchiger Eichenrumpf weit weg vom Wasser auf dem Werftgelände. Doch diesen Sommer soll das ehemalige Arbeitsschiff im Hafen von Wolgast als schwimmender Imbiss dienen.

Nebenan in der Halle ist der 100er-Seekreuzer „Storch“ von 1936 aufgepallt, in der Luft liegt der Geruch von Bootslack. Ein Langzeitprojekt, dass wie viele historische Boote von der Liquidität der Eigner abhängig: Haben sie Geld, geht die Arbeit voran.

Bootsbauerin Kirsten Dubs aus Freest
Bootsbauerin Kirsten Dubs hat die ehemalige Jarling Werft erfolgreich wiederbelebt © Tommy Loewe

Im Moment aber ist Pause: Die acht Mitarbeiter sitzen zu Tisch an dem ein großen Eichenmöbel im Büro. In ihrer Mitte: Kirsten Dubs, Meisterin und Chefin der Bootswerft Freest in Vorpommern.

Frau in einer Männerdomäne

Seit knapp 13 Jahren steuert die Bremerin die Geschicke des Unternehmens am Greifswalder Bodden. „Es ist ein dynamisches Auf und Nieder. Dafür habe ich mir hier einen Traum erfüllt“, sagt Kirsten Dubs. Ganz einfach klingt das.

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Jaring Werft in Freest
Die alte Halle dominiert die Szenerie. Davor ein starker Jeep zum Boote Ziehen © Tommy Loewe

Aber natürlich ist es das nicht, war es nie: Schon der Start ihrer Laufbahn verlangt Durchsetzungskraft – einer Frau wird es in der Männerdomäne Bootsbau bis heute nicht leicht gemacht.

Ursprünglich hat sie Schifffahrtskauffrau gelernt, doch Büroarbeit ist nicht ihr Ding. Bootsbauerin will sie werden. Doch das ist vielen unbequem – eine Werft lehnt ihre Bewerbung sogar mit dem Hinweis ab, es gebe nur Sanitäranlagen für Männer!

Wanderjahre auf Windjammer

Schließlich klappt es, im Jugendkutterwerk Bremen. Nach der Lehrzeit dann die Wanderjahre auf einem Windjammer: Sie heuert unter anderem an Bord des Kreuzfahrt-Großseglers „Star Clipper“ als Matrosin und Schiffszimmerin an. In der Karibik begegnet sie Detlev Löll. Der sucht gerade jemanden auf seiner Fridtjof-Nansen-Werft für Großsegler in Wolgast.

  • Bootswerft FreestBandsäge in der Werkstatt © Tommy Loewe
  • Bootswerft FreestDie Jolle wartet auf Restauration © Tommy Loewe
  • Bootswerft FreestHandsägen für alle Fälle © Tommy Loewe

1999 macht Kirsten Dubs ihren Meister. Gute Jobs mit Kleinkind bleiben rar; sie arbeitet mal hier, mal da. 2005 ist sie in Wolgast als Ausbilderin tätig, als sie von der Zwangsversteigerung der Jarling-Werft in Freest hört. Das ist die Chance zur Selbstständigkeit!

Eine der ältesten Werften

Kirsten Dubs fährt nach Freest und verliebt sich sofort – in die alte Werft und den kleinen Fischerort nahe der Peene-Mündung, wo der Fluss in den Greifswalder Bodden übergeht.

Die Werft, gegründet 1889, ist eine der ältesten an der Küste – und so sieht sie auch aus. Die Halle windschief, aber darinnen dämmern Handwerker-Schätze wie die Bandsäge von 1878, ein Sägegatter und ein Dickenhobel aus den 1940er Jahren.

Jaring Werft in Freest
Herbststimmung an der Peene © Tommy Loewe

Dennoch gehört eine Menge Mut und eine kleine Portion Wahnsinn dazu, sich so ein Projekt anzulachen. Aber Kirsten Dubs hat ihren Traum. Sie erstellt einen Business-Plan, leiht sich Geld von Freunden und Verwandten und klappert die Banken ab.

Auf die Frage der Bankberater: „Wer soll denn der Meister sein?“ entgegnet sie trocken: „Der steht vor Ihnen.“ Der selbstbewusste Auftritt überzeugt offenbar: Sie erhält den Zuschlag.

Bald laufen alle Maschinen

Zwölf Jahre hat der Werftbetrieb stillgelegen, vieles muss nach Kirsten Dubs’ Kauf erneuert werden. Doch mit persönlichem Einsatz und fleißigen Helfern hat sie die Anlage nach kurzer Zeit wieder betriebsfähig und die ersten Aufträge an Land gezogen.

Die Halle wird statisch ausgesteift und mit neuer Elektrik versehen. Der TÜV und die BG geben ihren Segen, und schon bald laufen alle Maschinen wieder.

Jaring Werft in Freest
Das Skylight ist fertig, am Rumpf es noch was zu tun: 6,5 KR-Yacht „Mutafo“ © Tommy Loewe

Die nötigen Umbauten haben dem nostalgischen Charme des Betriebs nicht geschadet. Wer hier reinkommt, fühlt sich in eine andere Zeit versetzt.

Auch von den Fischern akzeptiert

Es ist wohl Kirsten Dubs’ positive, optimistische Ausstrahlung, die sich auf die Leute in ihrem Umfeld überträgt und zum Erfolg beiträgt. Nach anfänglicher Skepsis haben auch die ansässigen Fischer, natürlich sämtlich Kerle, eine Frau als Werftchefin akzeptiert.

Fischereihafen in Freest
Der Fischereihafen von Freest © Tommy Loewe

„Offene Werft“, „Kinderwerft“, die Teilnahme am Freester Fischerfest und andere Aktionen werden von der Nachbarschaft inzwischen gern angenommen. Und nicht zuletzt gibt Dubs auch einigen Leuten Arbeit, die vom Niedergang der gewerblichen Fischerei betroffen sind.

Liegeplätze im Museumshafen

Heute, gut 15 Jahre nach dem Neustart, lässt sich sagen: Die Wiederbelebung der alten Jarling-Werft ist geglückt.

Das gelingt – wie so oft – mit einer Mischkalkulation: Das kleine Werft-Hafenbecken, bereits 1992 mit festen Holzstegen und Heckdalben ausgebaut, hat 30 vermietete Liegeplätze vermietet. Auch im Sommer findet sich immer noch ein Platz für zahlende Gäste.

Auf zwei Slips mit Winde können Schiffe bis 100 Tonnen und 30 Meter Länge aufgenommen werden. Der kleinere Holzschuppen direkt an der Werfthalle steht voll mit klassischen Holz-Booten in verschiedenen Stadien der Restaurierung, dazwischen steht als Denkmal ihrer selbst die Kirchner-Bandsäge von 1878, nebenan wird gearbeitet.

Jaring Werft in Freest
Konzentriert beim Lackieren: Klara und Julius © Tommy Loewe

Schulungszentrum Feuerwache

Das Schmuckstück der Werftanlage ist das Feuerwehrhaus, wo derzeit Schulungsräume und Schlafkojen entstehen. Das Häuschen wird auf charmante umgenutzt, mit selbstgebauten Holztüren und Backsteinboden. Hinter einer original Schiffsschott-Tür aus Stahl verbirgt sich die Teeküche.

Wie ein Ölgemälde von Caspar David Friedrich schmückt das riesige Foto die Wand, darauf im Morgenlicht ein vor Rügens Kreidefelsen gestrandeter Fischkutter. Die „Palemon“ wurde auf der Freester Bootswerft in den 1930ern gebaut. Jetzt dienen ihre Planken als Tisch und Sofa.

Die Werfteignerin veranstaltet hier Workshops für Mitarbeiter und Eigner, die bei der Restauration ihres Bootes selbst tatkräftig mit anpacken wollen. Doch nicht nur die: Kirsten Dubs bildet auch aus.

Viele weibliche Auszubildende

16 Lehrlinge haben sich seit den Anfangstagen hier verdingt. Darunter viele junge Frauen, die Gefallen an dem Traditions-Handwerk haben.

  • Bootswerft Freest in VorpommernDer 100er Sefahrtskreuzer „Storch“ erstrahlt in neuem Glanz © Tommy Loewe
  • Bootswerft Freest in VorpommernDer alte Dickenhobel, gut abschmieren! © Tommy Loewe
  • Bootswerft Freest in VorpommernNeu aufgeplankt und kalfatert: der Fischbrötchen-Kutter © Tommy Loewe

Außerdem kooperiert die Meisterin mit Werften und Betrieben in der Umgebung wie dem Ingenieurbüro ihres alten Arbeitgebers Detlev Löll das weltweit Riggs betreut, z.B. das des Großseglers „Peking“, und dessen Ehefrau Uschi Latus, die in Peenemünde eine Werft mit Boots-Workshop für den Kanubau betreibt. Und mit der benachbarten großen Marina Kröslin arbeitet sie ebenfalls zusammen.

Die Eisen der Bootswerft Freests
Eisen für das „Branding“ der fertigen Boote, die die Werft verlassen © Tommy Loewe

Schwerpunkt Klassiker-Refit

Der Fokus der Bootswerft Freest liegt auf der Restauration klassischer Yachten und Kutter. Auch moderne Projekte wie der Modul-Bau eines 6,50 m Jollenkreuzers aus werden angeboten.

Azubis lernen hier alle Facetten des Bootsbaus vom traditionellen Vollholzbau bis zum Bau verleimter Formteile und Masten mit modernen Verbund- und Klebematerialien.

Bootsbauerin Kirsten Dubs
Die Werftchefin an Bord einer Grand Banks © Tommy Loewe

Die Risiken der Ausbildung

Eines macht der Bootsbauerin Sorge: „Es wird immer schwieriger Lehrlinge auszubilden. Durch den gesetzlichen Mindestlohn steigen die Kosten.“ Im ersten Jahr seien sie wegen der vielen Unterrichtsblöcke kaum verfügbar, und wenn sie – wie kürzlich passiert – nach zwei Jahren die Lehrstelle wechseln, wäre viel Zeit und Geld umsonst investiert.

Azubis rechnen sich, so erklärt Kirsten Dubs, wenn sie im dritten Lehrjahr selbstständig Projekte betreuen können und nach der Ausbildung möglichst ein paar Jahre im Betrieb bleiben.

Job zu vergeben in Freest

Aktuell sucht die Werft Personal: Eine motivierte Bootsbauergesellin oder -geselle würde sofort eingestellt werden. Voraussetzung: Erfahrung im Holz-Bootsbau und Lust an der Arbeit.

  • Bootswerft Freest in VorpommernDer Uwe, mit seinem Haikutter Dauerlieger und helfende Hand © Tommy Loewe
  • Bootswerft Freest in VorpommernFSJler Arne beim Pechkratzen an Deck © Tommy Loewe
  • Bootswerft Freest in VorpommernDie Werkzeugkisten der Bootsbauer © Tommy Loewe

Was die Neue/ den Neuen erwartet: Gute Stimmung auf der Bootswerft Freest, offensichtlich hat das ganze Team Spaß an der Arbeit mit häufig wechselnden Projekten und Auftraggebern.

Und Kirsten Dubs selbst? Sie spricht es mit ihrem verschmitzten Lächeln aus: „Die Arbeit an alten Holzschiffen, die alle eine eigene Geschichte haben, umgeben von Gleichgesinnten, und immer wieder glückliche Eigner üben eine Faszination aus, die ich nicht missen möchte – trotz aller Herausforderungen“.

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