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Brambusch macht blau Jens sitzt wegen Murphy auf dem Trockenen © Jens Brambusch
BRAMBUSCH MACHT BLAU

Wo ist dieser Murphy?

Jens Brambusch sitzt seit Tagen auf dem Trockenen, ständig gibt es Probleme. Wenn nur das Kranen nicht so teuer wäre.

von
in
6 Minuten

Das Gute vorweg. Ich bekomme mittlerweile Rabatt. 20 Prozent auf das letzte Kranen. Ich überlege gerade, ob ich im Marina-Büro mal nach einer Zehnerkarte fragen soll. Wie damals im Freibad. Zum dritten Mal in vier Wochen sitze ich auf dem Trockenen. Auch frage ich mich, ob es sich vielleicht lohnen würde, einen eigenen Kran anzuschaffen.

Über 600 Euro verlangt die Marina für das Ein- und Auskranen meiner Moody 425. Jedes Mal. Aber sie hat das Monopol im Hafen – und ich habe damit keine Chance. Gerade wenn die Maschine muckt, ist auch die Möglichkeit minimal, in einen anderen Hafen auszuweichen. Ja, die Dilly-Dally ist ein Segelboot. Aber selbst beim Segeln, wenn die Schraube mitdreht, heult das Getriebe wie ein räudiger Rüde, wenn nebenan die Hündin läufig ist.

Murphy
Jens am Ruder auf seiner Moody 425 © Jens Brambusch

Alles begann so schön

Das Dumme ist: Ich kann nicht wirklich jemandem böse sein, niemanden für die Misere verantwortlich machen. Also niemand anderem als mir selbst. Also hake ich diese Erfahrung als Lehrgeld ab. Ein bisschen komme ich mir vor wie diese Rapper in den Musikvideos, die durch einen Club stolzieren und Fuffis in die Menge feuern. Der Unterschied ist lediglich, dass in den Videos reichlich Champagner fließt und die Puppen tanzen. Bei mir sind es eher Tränen, die fließen. Und die Puppen sind Mechaniker, die einen sehr langsamen Walzer tanzen. An manchen Tagen habe ich den Eindruck, sie bewegen sich kaum – und wenn, dann nur im Kreis.

Alles begann so schön. Mitte März holte ich mein schwimmendes Zuhause das erste Mal seit dem Kauf im September aus dem Wasser. Das Unterwasserschiff grünte nach drei Jahren im Meer so frisch wie eine Wiese im April. Aber der Rumpf war tipptopp. Abstrahlen, Schleifen, Streichen. Ein bisschen Polieren. Fertig. Die unappetitliche Anekdote mit den verstopften Schläuchen zum Fäkalientank habe ich längst verdrängt.

Murphy
Verstopfte Schläuche sind längst verdrängt © Jens Brambusch

Ich tauschte noch schnell die Anoden, dann kam die Dilly-Dally auch schon wieder ins Wasser. Ruhe für die nächsten drei Jahre. So hatte ich mir das vorgestellt. Und weil alles so schön problemlos verlief, orderte ich gleich noch eine neue Bimini, eine neue Sprayhood und dazu passend neue Polster für das Cockpit. Das langweilige maritime Blau wird künftig silbergrau glänzen – passend zum UV-Schutz meiner neuen Segel aus Schleswig.

“Anything that can go wrong will go wrong – Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“

Anfang April war die Dilly-Dally fertig zum Auslaufen. Freunde aus Deutschland hatten sich angekündigt, verteilt über den gesamten Monat. Diesen Murphy, der überall sein schreckliches Gesetz von Pleiten, Pech und Pannen installiert, hatte ich allerdings nicht eingeladen. Wer ihn als blinden Passagier an Bord brachte und vor allem, wo er sich die letzten Wochen versteckt hält – ich habe keine Ahnung. Aber ich weiß, dass er da ist. Den Beleg dafür sehe ich auf meinem Kontoauszug.

Murphy
Cool bleiben bis zu sieben Windstärken © Jens Brambusch

Murphys erste Attacke

Die ersten Besucher waren zwei Freundinnen aus Hamburger und Berliner Tagen. Es war nicht klar, wie weit und wie viel wir segeln würden. Denn schon bei Ausflügen mit meinem Jollenkreuzer auf dem Müggelsee hatte sich bei einer der beiden Frauen selbst bei Flaute das flaue Gefühl von Seekrankheit eingeschlichen. Aber wider Erwarten trotzten die beiden dem Meer und zollten mir gehörig Respekt ab. Denn selbst als uns sieben Windstärken überraschten, blieben die beiden cool und genossen den Törn. Trotz eines Autopiloten, der eine Vorliebe für Kreise entwickelte, und verstopften Duschabflüssen. Alles kein Problem.

Was sie allerdings nicht mitgekommen hatten, war Murphys erste Attacke. Beim einem Hafenmanöver, wie von Murphy bestellt, preschten gerade bis 40 Knoten Wind von den Bergen. Es krächzte plötzlich die Maschine im Rückwärtsgang. Und irgendwas hämmerte an den Rumpf.

Am nächsten Tag lief die Maschine wieder ganz normal. Zumindest im Vorwärtsgang. Trotzdem blieb ein Gefühl des Unbehagens. Nur im Rückwärtsgang muckte die Maschine immer mal wieder. Und als wir nach ein paar Tagen wieder zurücksegelten, begleitete uns ein permanentes Klopfen am Rumpf. Auch wenn die Maschine nicht lief. Ich vermutete, dass ein Lager defekt war.

Murphy
Alles auseinander genommen © Jens Brambusch

Hatte Murphy die Finger an der Anode?

Zurück in der Marina verständigte ich die Mechaniker. Die waren umgehend an Bord, trennten Welle von Motor und diagnostizierten, dass das Getriebe in Ordnung sei. Am nächsten Morgen sollte ein Taucher der Ursache genauer auf den Grund gehen. Vielleicht, so mutmaßten die Mechaniker, hätte sich die Anode auf dem Schaft gelöst. Die Anode! Sofort war mir klar, dass sie Recht haben mussten.

Denn die Anode, die ich erneuert hatte, hatte nicht wirklich exakt gepasst. Weil der Bootsausstatter im Hafen mir aber versichert hatte, dass es nur diese eine Art von Anoden geben würde, befestigte ich entgegen einem unguten Gefühl die neue Anode so gut es ging – anstatt mich vernünftig zu informieren. Fehler Nummer 1!

Brambusch macht blau
Die Anode hatte sich gelöst © Jens Brambusch
Brambusch macht blau
© Jens Brambusch

Der Taucher bestätigte am nächsten Morgen die Diagnose. Die Anode war lose. Ich atmete erst auf, nur um Sekunden später in Schnappatmung zu verfallen. Denn der Taucher hatte noch etwas entdeckt. Die Anode war den Schaft zum Rumpf empor gekrochen und hatte beharrlich den Gelcoat abgeklopft. Das Boot musste aus dem Wasser, um den kleinen Schaden schnell zu beheben, ehe er große Folgen nach sich ziehen würde.

Murphy
Dinghi statt Moody © Jens Brambusch

Der widerspenstige Brite

Als das Boot am Abend aufgebockt an Land stand, kam der nächste Besuch. Eine Nacht auf dem Boot an Land, das war zumutbar. Die Werkstatt reparierte den Schaden schnell und günstig und drehte eine neue Anode. Das Problem war, dass in meiner Moody ein Beta-Marine-Motor verbaut ist. Die kräftige Maschine mit 50 PS ist erst fünf Jahre alt. Ein kleiner widerspenstiger Brite, der sich erfolgreich gegen alle gängigen Normen wehrt – mit Inch statt Zentimeter. Und leider in der Türkei sehr selten ist. Sprich, es gibt keine passenden Ersatzteile. Und auch kaum passendes Werkzeug.

Murphy
Trockendock-Puzzle © Jens Brambusch

Nach einem Tag konnte die Dilly-Dally wieder ins Wasser. Eigentlich. Hätten die Mechaniker nicht noch etwas bemerkt. Der Schaft hatte Spiel, die Lagerungen waren ausgenudelt. Ihre Empfehlung: Den Schaden gleich beheben. Allerdings würde das eine Woche dauern.

Heiß auf Segeln und mit schlechtem Gewissen gegenüber den Freunden, die schließlich zum Segeln in die Türkei geflogen waren (vier Tage später sollte der nächste Besuch an Bord kommen), entschloss ich mich, das Boot wieder zu Wasser zu lassen und den Schaden im Spätsommer beheben zu lassen. Fehler Nummer 2.

Murphy ist eine Landratte

Als wir am nächsten Tag die Segel setzten, um gen Antalya zu aufzubrechen, war bestes Segelwetter. Blauer Himmel, drei Windstärken, ruhige See. Noch im Hafenbecken setzten wir die Segeln und kreuzten aus der Bucht von Kaş. Der Beginn eines herrlichen Segeltörns. Aber Murphy ist anscheinend eine Landratte. Denn dieses merkwürdige monotone Geräusch, das ich erst an Land verortete, änderte seinen Sound nicht. Es kam aus dem Motorraum. Und da saß er, der räudige Rüde und jaulte vor sich hin – auch beim Segeln.

Also umdrehen, festmachen, Mechaniker informieren. Ich glaubte noch an einen leicht zu behebenden Defekt. Wahrscheinlich war er entstanden, als die Mechaniker den Schaft wieder ans Getriebe befestigten. Ein bisschen Fett, ein wenig lockern, so hatte ich mir das vorgestellt. Stattdessen baumelte die Dilly-Dally wenig später zum dritten Mal im Kran. Um den Fehler zu finden, so sagten die Mechaniker, müsste der Schaft komplett ausgebaut werden. Das ginge natürlich nur an Land.

Murphy
Trinken gegen Trockenfallen © Jens Brambusch

Zuhause im Trockendock

Regelmäßig tauchte einer der Handwerker auf, schraubte ein bisschen, zog wieder von dannen. In einer Stunde würde er wieder da sein. Aus einer Stunde wurden zwei, dann drei, dann der nächste Morgen, dann der Nachmittag. Mittlerweile lebten wir zu dritt an Bord, zwischen all den anderen Booten, an denen geschliffen und gestrichen wird. Der Vorteil: Niemand wird im Hafen seekrank. Und die Aussicht von einem aufgebockten Schiff ist sehr erhaben. Der Nachteil: Wehe, man muss nachts zur Toilette. Der Weg über die Leiter ist besonders in einem angeheiterten Zustand wenig spaßig.

Fünf Tage lang hofften wir morgens, abends wieder im Wasser zu sein. Und wurden immer enttäuscht. Mittlerweile konnten wenigstens in Istanbul die Ersatzteile aufgetrieben werden: Neuer Schaft, neue Lager, neue Aufhängungen. Wie lange die Lieferung dauert? Keine Ahnung. Mittlerweile sind die Freunde wieder abgereist. Und ich hoffe, dass irgendeiner von ihnen diesen Murphy mitgenommen hat.

Wer mehr über das Austeigerleben auf einem Segelboot lesen will: Brambusch macht blau. Und hier geht’s zum Blog.

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