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Segelberater Oliver Ochse Windrichtungen © Kerstin Zillmer Segelberater Oliver Ochse sucht den wahren Wind. © Kerstin Zillmer
Tipps

Woher kommt der wahre Wind?

Fäden lügen nie, aber der Verklicker tut’s. Wie man den wahren Wind an Bord eines Segelboots effektiv bestimmt.

float Redaktion
von in
4 Minuten | 6 Kommentare

Segelberater Oliver Ochse gibt uns heute – nach fünf grundlegenden Tipps zum Segeln – eine Theorielektion in Sachen Windkunde. Denn bevor wir demnächst mit der Auswahl und Bedienung der verschiedenen Segel an Bord eines Segelboots fortfahren, sollten wir zunächst noch ein wenig tiefer in die Segeltheorie einsteigen.

Dafür sehen wir uns zunächst an, wie Wind auf ein Boot wirkt: Sobald ein Boot in Fahrt ist, spüren wir an Bord nicht mehr den atmosphärischen, den „wahren“ Wind. Wir haben es statt dessen mit dem so genannten „scheinbaren Wind“ zu tun. Dieser setzt sich vektoriell zusammen aus dem wahren Wind und unserem eigenen Fahrtwind, der je nach Bootsgeschwindigkeit die scheinbare Windrichtung stärker oder weniger stark verändert.

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Wahrer Wind, Fahrtwind und scheinbarer Wind

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© CC-0

Vektorrechnung ist essentiell für Segler

Der scheinbare Wind ist immer ein Resultat aus Richtung und Stärke der beiden anderen Winde. Dieser physikalische Effekt macht es uns mitunter schwer, genau zu identifizieren, woher der Wind eigentlich gerade kommt, mit dem wir segeln. Insbesondere dann, wenn der Wind böig weht und sich die Vektoren von einer Sekunde auf die andere verschieben, können die daraus resultierenden „scheinbaren“ Winddreher sehr irritieren.

Aus der Abbildung wird klar: Der scheinbare Wind fällt immer vorlicher ein als der wahre Wind, außer man fährt genau vor dem Wind – dann fallen wahrer und scheinbarer Wind auf einer Achse zusammen. Auch gilt: Je schneller ein Boot segelt, um so stärker wird der Fahrtwind – und um so vorlicher fällt der scheinbare Wind ein. Am Seglerstammtisch wird dann schnell von einem Hoch-am-Wind-Kurs um die 25 Grad gesprochen, der sich mit einem Blister ja auch ganz prima fahren lässt. Und auf einmal ist das eigene Segelboot ein perfekter Racer, der jede Regatta gewinnen kann. Ein Irrtum: Denn die Bootsgeschwindigkeit, von der der scheinbare Windwinkel abhängt, verfälscht am Ende das Ergebnis.

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Regatta: So hoch am Wind wie möglich © pxhere

Wenn der Verklicker keine Hilfe ist

An Bord eines Segelboots ist es aus verschieden Gründen wichtig zu wissen, woher der atmosphärische Wind wirklich weht. Der Verklicker oder eine Windex sind uns aufgrund der oben erklärten physikalischen Effekte keine Hilfe. Der Fahrtwind „drückt“ den an Bord relevanten Wind Verklicker nach vorne, was auch Verklicker oder Windex so anzeigen – selbst der Pfeil auf einer elektronischen Anzeige wandert nach vorn, wenn diese auf AWA („Apparent Wind Angle“, also Winkel des scheinbaren Winds) eingestellt ist.

Um den exakten Einfallswinkel und die genaue Stärke des wahren Windes bestimmen zu können, benötigt man eine gut kalibrierte Elektronik an Bord. In die Elektronik müssen die Kompassdaten eingepflegt sein und – ganz wichtig – die Geschwindigkeitsmessung für die Fahrt durchs Wasser.

Wenn der Geschwindigkeitsmesser nicht genau in Fahrtrichtung eingesetzt wurde, wenn er verschmutzt ist oder wenn falsche Korrekturwerte hinterlegt wurden, stimmen auch die Angaben zum wahren Wind nicht mehr. Dadurch scheint ein Segelboot dann auf dem einen Bug schneller zu sein beziehungsweise mehr oder weniger Höhe fahren zu können.

Es geht auch ohne Elektronik

Auch wenn auf einem Segelboot elektronische Anzeigen die einzigen ganz exakten Hilfsmittel sind, um die Richtung des wahren Windes zu ermitteln, kann man diese näherungsweise auch noch mit anderen Mitteln bestimmen. In einem strömungsfreien Revier kann man in der Regel die Windrichtung von den Wellen ablesen. Diese laufen im 90-Grad-Winkel zur Windrichtung vor dem Wind.

Auch klappt es in den meisten Fällen, wenn man hoch am Wind segelt und vom abgelesenen Kompasskurs 45 Grad abzieht – oder hinzurechnet. Dies ist ungefähr der Winkel zum wahren Wind, den ein Segelboot erreichen kann.

Wofür es nützlich ist

Es gibt zahlreiche Situationen an Bord, die es erforderlich machen, die tatsächliche Windrichtung zu kennen – vom Einparken eines Bootes unter Motor mal ganz abgesehen. Wenn ich beispielsweise einem kleineren oder größeren Hindernis ausweichen muss, genügt ein Blick auf den Kompass, um zu erkennen, ob ich mit einem Hoch-Am-Wind-Kurs tatsächlich daran vorbeikomme oder ob noch eine Wende erforderlich sein wird. Vorausgesetzt, ich kenne die genaue Richtung, aus der es weht.

Andere denkbare Situationen sind das Anlegen an einer Boje oder – im Ernstfall – das Bergen einer über Bord gefallenen Person. Beim MoB-Manöver (Mensch über Bord) muss das Boot möglichst genau neben der Person im Wasser zum Stehen kommen. Ebenso exakt möchte man auch beim Anlegen an einer Boje oder am Steg aufstoppen. Zum Stehen kommt ein Segelboot nur, wenn das Boot genau in den Wind gerichtet ist und die Segel frei im Wind killen können, also keinen Vortrieb erzeugen.

Das Dasein auf dem Vordeck ist deutlich entspannter, wenn einem die killende Fock nicht um die Ohren schlägt.

Idealerweise fährt man das Manöver, indem man das Boot in einem Winkel von rund 60 bis 80 Grad zum wahren Wind an den Zielpunkt heran steuert und erst im letzten Moment in den Wind stellt. So besteht die Möglichkeit, durch Dichtholen oder Fieren die Geschwindigkeit bis zum letzten Augenblick zu kontrollieren. Am besten benutzt man hierfür nur das Großsegel. Um den richtigen Winkel zu Ansteuern zu finden, sollte man genau darüber orientiert sein, woher der wahre Wind kommt. Durch das ständige Anpassen der Bootsgeschwindigkeit bei diesem Manöver verändert sich auch der scheinbare Wind. Am Verklicker kann man in diesem entscheidenden Moment die genaue Windrichtung nicht ablesen.

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Zum Anlegen muss das Boot aus Lee kommen ... © Kerstin Zillmer

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... und im Winkel zwischen Am-Wind- und Halbwind-Kurs auf den Anlegepunkt zu fahren. © Kerstin Zillmer

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Mit der Großschot die Geschwindigkeit kontrollieren. © Kerstin Zillmer

Vorschoter bei Laune halten

Übrigens freuen sich die Vorschoter, wenn ein solches Manöver gleich ganz ohne Vorsegel gefahren wird. Denn das Dasein auf dem Vordeck ist deutlich entspannter, wenn einem die killende Fock nicht um die Ohren schlägt. Zudem ist so die Grundgeschwindigkeit von vornherein geringer. Das Anlegen läuft viel entspannter, und auch die Vorschoter fahren das nächste Mal gerne wieder mit.

Zur Belohnung nehmen wir uns als Nächstes die großen bunten Zusatzsegel vor. Da wir jetzt wissen, wie sich der Winkel des wahren Windes definieren lässt, schauen wir uns in der nächsten Folge an, für welchen Winkel welches Segel optimal eingesetzt werden kann.

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6 Kommentare

Moin Oliver,

binnen ohne Strom passt das natürlich, aber eben nur da. Überall, wo du Strom dabei hast, also zumindest an der Nordsee und den Flüssen, in der Ostsee teilweise in den Belten, passt es nicht mehr. Da beeinflusst die Stromversetzung auch den scheinbaren Wind. Wenn man auf der Elbe bei 0kn TWS mit 3kn FüG umhertreibt, merkt man das schon („Fahrtwind“). (Genau hier zeigt sich ja der Sinn der von dir angesprochenen Vektorrechnung.)

Meinen Speedo kann ich nicht herausnehmen, dann säuft das Boot ab (mechanisches VDO Sumlog) und mein Windmesser ist ein Hand-Anemometer von DEUTA, muss wohl aus den 1970ern sein… Vernetzt ist da bisher gar nichts. (Ein schönes Hobby für lange Winterabende, aber im Küstenrevier ohne besondere Regattaambitionen auch nicht erforderlich.)

Viele Grüße
rw

Antwort

Moin Oliver,

ich gestehe, dass ich, nachdem ich beim Überfliegen nichts zum Subtitel gefunden hatte, keine Lust zum detaillierten Weiterlesen mehr hatte. Habe ich gerade nachgeholt.

Also: Das erste große Problem habe ich mit dem Absatz: „Um den exakten Einfallswinkel und die genaue Stärke des wahren Windes bestimmen zu können, benötigt man eine gut kalibrierte Elektronik an Bord. In die Elektronik müssen die Kompassdaten eingepflegt sein und – ganz wichtig – die Geschwindigkeitsmessung für die Fahrt durchs Wasser.“ NEIN, du brauchst die FüG, und das ist nun wirklich mal etwas, wo das GPS helfen kann (NICHT beim Bootsspeed, da brauchst du die Logge, aber das wird in Plotter- und GPS-Zeiten gerne mal velwechsert).
Wenn man in den Tidengewässern groß wird, merkt man das, 2-3kn Strom machen da schon was aus (und bei Cux kann es auch schon mehr sein, im Ausland ohnehin…; zwei Absätze später bringt ihr ja auch die Strömung ins Spiel, aber oben ist es auch relevant.)
Mal abgesehen davon: Wofür braucht man Messwerte? Man braucht eine Einschätzung über das, was los ist, wenn man nicht gerade eine Wetterwarte ist.

Ein paar Absätze weiter: „Wenn ich beispielsweise einem kleineren oder größeren Hindernis ausweichen muss, genügt ein Blick auf den Kompass, um zu erkennen, ob ich mit einem Hoch-Am-Wind-Kurs tatsächlich daran vorbeikomme oder ob noch eine Wende erforderlich sein wird.“ NEIN, dafür musst du – auch in strömungsfreien Gewässern – auch die Abdrift deines Bootes kennen. Die ist bei den meisten Dingern, die wir segeln, nicht unerheblich. Lernt man auch schon in der einfachen Navi (BW, Beschickung für Wind). Und da, wo man nicht mit Karte arbeiten muss und auf Sicht fährt, sieht man es ja auch so halbwegs an Hand der Peilung über’s Vorstag (oder besser: über das Want auf Seite des Rudergängers).

Der Hinweis auf den wahren Wind beim Aufschießer ist richtig, aber in der Regel fährt man den wohl weniger nach Kompasskurs bis zum letzten Moment, sondern ich kenne es so, dass man sich vorher an die Grenze des Im-Wind-Stehens bewegt, dann wieder etwas abfällt usw. und sich so allmählich ans Ziel herannoggert.

Gut gefallen haben mir der Hinweis auf den Wendewinkel (auch wenn der mit der Kettensäge geschnitzt ist und der Begriff fehlt, den man aber immer wieder hört und liest) und mit der Sinnhaftigkeit der Vektorenrechnung.

Viele Grüße
rw

Antwort

Hallo RW,
vielen Dank, das Du Dir noch einmal die Zeit genommen hast, zu antworten. Zunächst zum Thema Wahrer Wind berechnen, denn wenn kein GPS in die Anlage eingepflegt ist, wie bei Booten auf Binnengewässern häufig, bekomme ich trotzdem unterschiedliche Werte bei AWS und TWS angezeigt. Da geht das dann auch mit der Logge allein…. Und wenn die Logge mal richtig schief eingesetzt ist, oder ziemlich verdreckt, gibt es auch noch unterschiedliche Werte, auch wenn die nicht mehr stimmen. Deutet ja darauf hin, das die Werte der Logge zur Berechnung genommen werden, und nicht die GPS Werte, die ja immer „stimmen“
Kannst Du vielleicht mal probieren, oder den Speedo mal ganz raus nehmen und schauen, welche Werte Du dann angezeigt bekommst. Müßte nach Deiner Meinung dann ja immer noch die richtigen Werte geben.
Freue mich da auf jeden Fall über Dein Feedback. Welchen Hersteller nutz Du an Bord?

Antwort

Ooops, In der Überschrift geht’s um Fäden, im Text kommen sie nicht mehr vor. Und warum soll die Physik, die den Verklicker beeinflusst, eine andere sein, wenn sie Fäden beeinflusst?
Ganz schlecht gemacht.

Antwort
Stefan Gerhard /

In den vorigen Folgen ging’s um die Fäden, heute geht’s tatsächlich um den Wind im allgemeinen. Es war also ungünstig formuliert und ist in der Unterzeile jetzt korrigiert.

Antwort

Hallo rw,
bezieht sich Dein “ Ganz schlecht gemacht“ auf den gesamten Artikel, oder lediglich auf die Überschrift? In den nächsten Teilen geht es in dem Sinne auch nicht mehr um die Fäden in den Segeln, soll aber als Überschrift und zum Wiedererkennen wohl taugen.
Freue mich auf Dein Feedback.
Oliver Ochse

Antwort

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