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Paralympische Spiele 2016, Heiko Kröger © Richard Langdon/Ocean Images
Segeln mit Handicap

Yes We Can!

Nach dem Paralympischen „Aus“ für Segler ruft Heiko Kröger eine neue Initiative mit ins Leben. Float hat über Sail United mit dem Champion gesprochen.

Michael Kunst
von in
8 Minuten

Die Nachricht schockierte: Das Internationale Paralympische Komitee hat den Segelsport erneut von den Paralympischen Spielen 2024 in Paris ausgeschlossen. Die Entscheidung fiel im September 2018, just während der Weltmeisterschaften aller paralympischen Klassen in den USA.

Ausgerechnet Segeln! In vielen Behindertenverbänden Europas und der USA gilt Segeln als eine der inklusivsten Sportarten. Bei kaum einem anderen Sport können sich behinderte und nichtbehinderte Menschen so gut miteinander messen – ohne komplizierte Vergütungen und Vor- und Nachteilsberechnungen. Und nur wenige Sportarten bieten derart gute Möglichkeiten, körperliche Defizite im wahrsten Sinne der Worte „mit Köpfchen“ auszugleichen.

Para World

Para World Sailing Championships 2018 © Cate Brown/World Sailing

Es geht auch ohne Olympische Ringe

Als einen der Hauptgründe für den Rauswurf nannte das Paralympische Komitee damals die „nicht ausreichende weltweite Verbreitung des Segelns unter behinderten Sportlern“. Die benötigten 32 Nationen auf drei Kontinenten waren vom Weltsegelverband nicht erreicht worden. Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken, zeigten weltweit bekannte behinderte Segler in den darauf folgenden Monaten, dass es auch ohne die Olympischen Ringe vorwärts geht beim Segeln als inklusive Sportart.

Der Franzose Damien Seguin – mit zwei Goldmedaillen und einmal Silber bei den Paralympics und vierfacher Weltmeister im 2.4 mR – nahm den Begriff „Einhandsegeln“ wörtlich. Er segelte auf seiner 60-Fuß-IMOCA bei der Transatlantik-Regatta Route du Rhum auf einen hervorragenden Gesamtrang 6 seiner Klasse und auf Rang 11 im Scratch.

Damien Seguin, 1er skipper handisport en IMOCA – Groupe APICIL

Seguin wurde ohne linke Hand geboren und hat sich in den letzten 15 Jahren neben seiner paralympischen auch eine Hochsee-Karriere aufgebaut, unter anderem in der Class 40. Sein nächstes Ziel heißt Vendée Globe 2020. Für diese Einhand-Weltumseglungsregatta will sich auch die britische Paralympics-Seglerin Hannah Stodel (dreimal Gold, dreimal Silber, zweimal Bronze bei der WM) qualifizieren.

Konsequente, engagierte Basisarbeit

In Deutschland hat sich ebenfalls einiges getan – auch wenn weder spektakuläre Hochsee-Regattaerfolge von behinderten deutschen Seglern eingefahren wurden noch solche Abenteuer zur See in Planung sind. Vielmehr kann man sich bei uns über konsequente und engagierte Basisarbeit wie beim FC St. Pauli freuen. Das ist ein Thema, das für die Zukunft des Behindertensegelsports mindestens genauso wichtig ist wie medienwirksame Weltumsegelei oder das Medaillenzählen bei den Paralympics.

Heiko Kröger

Heiko Kröger bei der Para World 2018 © Richard Langdon/Ocean Images

Keiner kann das besser beurteilen als Heiko Kröger. Er ist der beste deutsche Paralympics-Segler, zweifacher Paralympics-Medaillengewinner und zehnfacher Weltmeister in der Klasse 2.4mR und erfolgreicher Inklusions-Coach.

Im Gespräch mit float gibt Heiko Kröger seine Einschätzung der Lage in Sachen Segeln und Wassersport mit behinderten Menschen.

float: War der Rauswurf der Seglerinnen und Segler bei den Paralympics auch ein Rückschlag für den Behinderten-Wassersport?

Heiko Kröger: Ich denke schon. Wir haben sowieso seit jeher Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden. Auch im „normalen“ Segelsport ist es so, dass die Jugendlichen nicht mit Füllhörnern in die Vereine gegossen werden. Ich glaube wirklich, dass man als Jugendlicher – behindert oder nicht – Ziele wie die Paralympics oder die Olympischen Spiele braucht, um bei der Stange zu bleiben.

Als man mich mit Ende 20 fragte, ob ich Lust hätte ins Behindertensegeln einzusteigen, habe ich erst abgelehnt. Als dann die Spiele in Sydney stattfinden sollten und erstmals Segelmedaillen verliehen wurden, bin ich erst in die Sonar und dann aus Überzeugung in die 2.4mR gewechselt.

Paralympics

Paralympische Spiele 2016 in Rio, Brasilien © Cate Brown/World Sailing

Und für die Paralympics konnten Sie sich dann begeistern.

Klar, das war dann richtig was – bei den Paralympischen Spielen dabei sein! Na hör mal!

Können denn Events wie die Para World Sailing Championships nicht die gleiche Aufgabe erfüllen?

Ich werde dieses Jahr nicht nach Cadiz zu den Para-Worlds fahren. Ich habe keine Lust, gegen Leute zu segeln, die sehr weit vom paralympischen Niveau entfernt sind. Das wird eine erweiterte Spanische Meisterschaft, mehr nicht.

Und wie soll nun der Segelsport behinderten Menschen in Deutschland in Zukunft näher gebracht werden?

Wir arbeiten auf zwei Ebenen. Zunächst einmal ist die 2.4mR (die unter anderem bei den Paralympics eingesetzt wurde und auf der Kröger segelt – die Red.) ja keine Bootsklasse für Behinderte, sondern wird auch von behinderten Menschen gesegelt. In Deutschland haben wir mittlerweile die weltweit größte Flotte dieser Bootsklasse. Andererseits sind bei Regatten allerhöchstens 20 Prozent der Teilnehmer behindert.

In Skandinavien, Italien, Spanien, den USA oder Kanada wächst die Klasse ebenfalls. Hier kann also, mit den steigenden Teilnehmerzahlen, insgesamt die Anzahl behinderter Segler wachsen. Die 2.4mR ist gelebte Inklusion. Und das wird sich in Zukunft noch verbessern.

Heiko Kröger

Paralympische Spiele 2016 in Rio, Brasilien © Cate Brown/World Sailing

Aber das gilt ja nur für behinderte Menschen, die bereits die Segelei für sich entdeckt haben. In eine 2.4 mR setzt man sich nicht einfach so rein, um mal eben schnell Segeln zu lernen. Egal, ob mit oder ohne Behinderung.

Bestimmt nicht. Hier setzt unsere zweite Initiative an. Wie woanders auch bewegt man sich in Behinderten-Kreisen gerne in Bereichen, die bekannt und gewohnt sind – wie Rolli-Basketball, Handbike-Marathon, Bogenschießen etc. In den Wassersport wird man eher seltener gelotst, weil es nur wenige Angebote gibt. Und weil der Weg zum Wasser mitunter ziemlich weit sein kann. Es ist jetzt wichtig, dass der DSV und der Deutsche Behindertensportverband DBS gemeinsam das Thema „Inklusives Segeln“ auf die Agenda nehmen.

Es gibt als kompetente Unterstützung eine vielversprechende Initiative, die sich wirklich hinter das Thema klemmt. Seit über einem Jahr bin ich nun Mitglied des Lübecker Vereins Sail United e. V., der übrigens kürzlich beim „Goldenen Stern des Sports“ den zweiten Platz belegt hat.
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Wir wollen den Umgang mit Menschen mit Behinderungen vermitteln. Das ist aber nur ein kleiner Ausschnitt. Es geht um die Kommunikation, medizinische Informationen, die spezielle fachliche Ausbildung, technisches Equipment und infrastrukturelle Rahmenbedingungen. Dieses Wissen soll in die Vereine gebracht und nachhaltig verankert werden. Inklusion soll selbstverständlich gelebt werden.

Sail United Vorstellungsvideo Sterne des Sports 2018

Eine klasse Initiative, bei der behinderte Menschen in fast alle Wassersportarten schnuppern können. Sail United hat über den Goldenen Stern ja deutschlandweit Aufmerksamkeit bekommen.

Stimmt. Doch fast wichtiger zu erwähnen ist, dass wir bei Sail United zudem Menschen ausbilden, die in ihren Clubs als Behinderten-Verantwortliche interessierte Behinderte betreuen. Von der simplen Ansprache bis hin zum Verhalten in seglerisch oder sportlich heiklen Situationen. Wir bringen den Interessierten den richtigen Umgang mit Behinderten bei, die am Wassersport interessiert sind.

  • Sail United © Sail United
  • Sail United © Sail United
  • Sail United © Sail United

In Großenbrode an der Ostsee arbeiten wir mit einer Segel- und Wassersportschule zusammen, wo wir zeigen, wie es mit den Behinderten funktioniert! Wir vermitteln das nicht nur fürs Segeln, sondern auch beim Stand-Up-Paddeln, Rudern, Kajakfahren und sogar Kitesurfen für Rolli-Fahrer.

Klasse. Aber mal ehrlich: Glauben Sie wirklich, dass Vereine aus Bayern oder Baden-Württemberg ihre Leute nach Großenbrode an die Ostsee schicken werden?

Das ist unser nächster Schritt. Wir wollen in die Vereine gehen und direkt vor Ort allen Beteiligten zeigen, wie’s geht. Und möglichst alle Fragen beantworten, die im Umgang mit Behinderten erfahrungsgemäß auftreten. Wie fasse ich Behinderte an? Darf ich dem mal sagen: „Du Idiot“? Wie helfe ich in welchen Situationen? Was mache ich, wenn jemand ins Wasser fällt? Wie kriege ich die Person zurück ins Boot? Darf ich einfach so helfen oder muss ich immer fragen? Müssen wir jetzt den ganzen Club umbauen? Das kostet doch Unsummen! Fragen über Fragen.

Apropos: Die Kosten für euch, also Sail United und Heiko Kröger, sind auch nicht zu unterschätzen.

Logisch. Deshalb suchen wir Unterstützung, etwa bei der Aktion Mensch oder dem Land Schleswig-Holstein. Dort werden unsere Vorschläge gerade geprüft. Doch wir haben noch viel mehr vor. Zwei meiner Mitstreiter bei Sail United sind Kamera- und Medienfachleute. Und ich habe zum Thema kürzlich ein Handbuch geschrieben. Nun werden wir alles, was in dem Handbuch beschrieben wurde, nochmals als kurze Videos drehen, fürs E-Learning aufbereiten und online auf ein Portal stellen. Dort soll dann das ganze Thema „Inklusion und Wassersport“ ein Zuhause finden.

Hat es nicht bereits eine Initiative von Ihnen gemeinsam mit dem Sailing Team Germany e. V. gegeben?

Richtig, das ist aber vom Prinzip her anders aufgebaut. Wir hatten feste Stützpunkte, an die sich Interessierte wenden können. Segelclub Prien am Chiemsee, Plauer Hai Life, Yachtclub Berlin-Grünau und der Segelclub Münster sind zum Teil schon sehr gut aufgestellt. Dorthin können sich Interessierte weiterhin wenden.

Ein anderes Thema: spezielle Boote für Behinderte. Neben den international auf Regattabahnen eingesetzten Klassikern – wie die 2.4mR, die Hansa 2.3 und 3.03, das High-Performance-Skiff Skud 18, die Sonar und der Weta-Trimaran – sind mittlerweile andere Boote auf dem Markt. Wir sahen auf der boot 2019 die „Venture“ von RS oder die „SV14“ von Fareast. Was halten Sie von diesen Konzepten?

  • Fareeast SV14Die SV14 in Aktion vor Kapstadt © Rob Kamhoot
  • Fareeast SV14 © Rob Kamhoot
  • Fareeast SV14 © Rob Kamhoot

Grundsätzlich finde ich es gut, dass es solche Initiativen seitens der Werften gibt. Beide genannten Boote machen einen prima Eindruck und scheinen durchdacht. So tritt die RS etwa mit verschiedenen Rigg-, Schwert- und Kielvarianten auf, mit einem oder zwei Sitzen oder ganz ohne. Die Konzeptionen sind sinnvoll für Vereine, die Behinderte oder Behinderte gemeinsam mit Nichtbehinderten aufs Wasser bringen wollen und die sich eine derartige Investition leisten können.

  • RS SailingDie Venture Connect SCS © RS Sailing
  • RS Sailing © RS Sailing
  • RS SailingBildbeschreibung © RS Sailing
  • RS Sailing © RS Sailing

Ich persönlich setze mich auch gerne für improvisierte Lösungen ein. Denn es gibt in fast jedem Verein Boote, aus denen man per se mit relativ wenig Bastelarbeit gute Boote für behinderte Segler und Seglerinnen machen kann. Diese Boote sollten ein offenes Cockpit mit möglichst wenigen Stolperfallen haben.

Das geht sogar so weit, dass auf Booten wie etwa der J22 Rolli-Fahrer beim Wenden alleine die Seiten wechseln können. Die Umbauarbeiten sind meist minimal, und es müssen sowieso keine Löcher ins Boot gebohrt werden. Wenn man mir heute also sagt „Endlich gibt es Boote für Behinderte.“, dann antworte ich gerne: Leute, Boote für Behinderte hat’s schon immer gegeben. Ihr müsst euch in eurem Club bloß umschauen!

Vielen Dank für das informative Gespräch – und toi toi toi für das neue Projekt!

Nur wenige Tage nach unserem Interview hat das Land Schleswig-Holstein das Okay zur Unterstützung des oben beschriebenen Behinderten-Projekts von Sail United und Heiko Kröger gegeben. Der klingende Titel lautet: Yes we can!

Die Legende: 2.4mR

Die 2.4mR ist das kleinste und jüngste Mitglied aus der Familie der Metre-Rule-Boote, zu deutsch: der Meter-Klasse. Ihre großen Schwestern sind der 6mR, 8mR und der ehemalige America’s Cupper 12mR – oder schlicht 12er. Die erste 2.4mR wurde 1983 in Stockholm gezeichnet. 1992 erhielt die Klasse ihren Status als International Class vom Weltseglerverband ISAF, seit 1998 ist sie Paralympische Bootsklasse. Offene Weltmeisterschaften werden mit bis zu 115 Booten gesegelt. Dabei liegt der Anteil der Segler mit Behinderungen bei rund 25 %.

Das 2.4mR bietet jedem Segler absolute Chancengleichheit. Denn weder Größe, Gewicht oder Kraft spielen hier eine entscheidende Rolle. Auch Behinderungen in dieser Klasse völlig nebensächlich. So wurde die offene Weltmeisterschaft der 2.4mR schon mehrmals von Seglern mit Behinderungen gewonnen.

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