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Menschenschmuggel

Zwei Flüchtlinge pro Fuß Bootslänge

Der Diebstahl von Yachten im Mittelmeer nimmt zu. Mal werden sie für den Menschenschmuggel missbraucht, mal nach Russland gebracht. Auch Charteryachten sind betroffen.

von
Jens Brambusch
in
8 Minuten

Es ist ein Bild, das jedem Bootseigner unter die Haut geht. Eine Bavaria 50 liegt mit Schlagseite in der Brandung an der italienischen Südküste, nur wenige hundert Meter entfernt von Santa Maria di Leuca. Wellen schlagen über das Boot, werfen die Yacht gegen die schroffen Felsen.

Die Küstenwache konnte die „Ananke“ nicht mehr retten. Mittlerweile wurde die Bavaria geborgen. Ein Sachverständiger ermittelt die Schadensumme.

Der Alptraum begann für Jens Jacobsen am ersten Advent. Der Pensionär aus Oslo lebt auf seiner „Ananke“. Hunderte Stunden Arbeit hat er in das Boot investiert, es autark gemacht für ein sorgenfreies Leben an Bord. Seine neue Heimat ist Lefkada, eine griechische Insel im Ionischen Meer. Die Nacht zum ersten Advent verbringt er an Land.

Bavaria 50
Die Ananke, eine Bavaria 50, Baujahr 2005, Marktwert rund 130.000 Euro © MCS

Als er am nächsten Morgen zurück auf seine Yacht im beschaulichen Fischerort Nydri an der Ostseite der Insel will, ist seine Yacht verschwunden. Sein Sohn, der 1992 für Norwegen bei den Olympischen Spielen segelte, bittet die Segelcommunity in der Region auf Facebook, die Augen nach der auffälligen Bavaria mit der stattlichen Solaranlage auf den stabilen Davits aufzuhalten. Doch die Hoffnung, das Boot unbeschadet wiederzufinden, währt nur 24 Stunden.

Schon am nächsten Mittag wird die Yacht 120 Seemeilen entfernt vor der italienischen Küste aufgebracht. An Bord: 56 Flüchtlinge, darunter einige Kinder. Die Schlepper haben die Kurden, Syrer und Iraker samt Boot sich selbst überlassen, kurz bevor die „Ananke“ die italienischen Gewässer erreichte. Darüber berichtete Spiegel-Online zuerst.

Geflüchtete werden vom Roten Kreuz versorgt
Geflüchtete werden vom Roten Kreuz © Croce Rossa
Geflüchtete werden vom Roten Kreuz versorgt
... in Lecce versorgt © Croce Rossa

Anstieg der Diebstähle

Eine gängige Praxis, wie ein Fahnder des Marine Claims Service (MCS) berichtet. Das Hamburger Unternehmen betreibt unter anderem die Webseite stolenboats.info, fahndet im Auftrag von Versicherungen weltweit nach gestohlenen Booten, stellt Gutachter und Bergungsexperten. Auch im Fall der „Ananke“ wurde MCS von der Versicherung mit der Abwicklung beauftragt.

Offizielle Zahlen, wie viele Flüchtlinge mit Yachten nach Italien gebracht werden, gibt es allerdings nicht. Die Statistik erfasst lediglich „Flüchtlinge und Migranten, die über den Seeweg“ nach Italien gekommen sind. Laut Statista waren es in den vergangenen zwölf Monaten 10.000, knapp die Hälfte davon allein im September und Oktober. Plus Dunkelziffer.

Lefkada
Das italienische Rote Kreuz versorgt die Geflüchteten. Im Hintergrund liegt die Bavaria 50. © Facebook

Der MCS-Fahnder, der ungenannt bleiben möchte, weil er eng mit den Behörden zusammenarbeitet, bestätigt, dass der Diebstahl von Yachten in den vergangenen Jahren, besonders im östlichen Mittelmeer, stark zugenommen hat.


„Noch vor wenigen Jahren wurden im Mittelmeer kaum Segelyachten gestohlen“, sagt der Fahnder. Diebe konzentrierten sich eher auf hochpreisige Motoryachten, die auf Bestellung entwendet wurden. Mit Beginn der Flüchtlingswelle habe sich das geändert.

Halb zerstörte Yachten

Der Schweizer Segelaussteiger Oliver Didier Zachus, der mit seiner Familie durch das Mittelmeer segelt, war vor wenigen Wochen an der italienischen Südküste. In mehreren Häfen hat er gestohlene Yachten entdeckt, mit denen Flüchtlinge nach Italien gebracht wurden.

  • Menschenschmuggel auf Yachten © Barbara Timmermann
  • Menschenschmuggel auf Yachten © Barbara Timmermann
  • Menschenschmuggel auf Yachten © Barbara Timmermann
  • Menschenschmuggel auf Yachten © Barbara Timmermann

„Die Boote“, berichtet Zachus, „sind nur notdürftig in den Häfen festgemacht.“ Teilweise stünden die Luken auf, wären nicht einmal die Fender ausgebracht. „Nach ein oder zwei Wochen mit schwerem Wetter sind die Boote halb zerstört.“ Zachus wundert sich, warum die Eigner nicht informiert würden und ihre Boote sicherten. Er erinnert sich an deutsche, belgische und US-Flaggen.

Der MCS-Fahnder kennt das Problem. Auch wenn jedes Boot registriert ist, ist es für die Behörden nicht einfach, die Eigner ausfindig zu machen. „Es gibt bei Booten kein einheitliches Register – wie beispielsweise bei Autos.“ Der internationale Datenaustausch bei gestohlenen Booten sei katastrophal. Deshalb gebe es auch keine offiziellen Zahlen, wie viele Yachten gestohlen würden.

Diebstahl von Yachten
Die Guardia Finanza untersucht ein gestohlenes Boot © Barbara Timmermann

Allein in Deutschland gebe es mehrere Möglichkeiten, sein Boot zu registrieren, über den DSV, den Motoryacht-Verband, den ADAC und auch die Wasser- und Schifffahrtsämter. Und in den Niederlanden könne jeder, auch Ausländer, das Boot registrieren. Sogar an Automaten in Postfilialen. Innerhalb des Schengenraums habe sich der Datenaustausch zuletzt zwar etwas verbessert, auch erfasse Interpol seit kurzem gestohlene Yachten, aber kaum jemand habe Zugriff auf die Daten.

Menschenschmuggel auf Yachten
Der Menschenschmuggel mit Yachten hat im vergangenen Jahr stark zugenommen © Barbara Timmermann

Eine Viertelmillion pro Fahrt

Dass der Menschenschmuggel mit Yachten in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat, bestätigen auch die italienischen Behörden. Gegenüber der Tagesschau sagte im Sommer ein Offizieller aus Brindisi, pro Woche kämen durchschnittlich ein bis zwei Yachten mit manchmal 50 oder mehr Flüchtlingen an Bord in seinem Bezirk an. Für die Menschenschmuggler, meist Banden aus der Ukraine oder Russland, ein gigantisches Geschäft. Laut dem MCS-Fahnder, der sich auf Informationen aus Polizeikreisen beruft, zahlten die Flüchtlinge zwischen 3.000 und 4.000 Euro für eine Passage.

Andere Quellen berichten sogar von 5.000 bis 7.000 Euro. „Die Faustformel lautet“, so der Fahnder, „pro Fuß Bootslänge zwei Flüchtlinge“. Mit einer Fahrt, von Griechenland nach Italien, oder der Türkei auf eine griechische Insel, können die Kriminellen schnell eine Viertelmillion Euro oder mehr verdienen. Die Gefahr, von der Küstenwache oder den Booten der Grenzschützer von Frontex entdeckt zu werden, ist gering. In der Masse der Freizeitsegler fallen die Yachten kaum auf, außer sie liegen ob der menschlichen Fracht zu tief im Wasser.

Das Live-Video vom 1. September zeigt die Ankunft von 35 kurdischen, iranischen und irakischen Migranten, die vom Hafenmeister in Santa Maria de Leuca an Land geschleppt und der Guardia di Finanza übergeben wurden.

Aber selbst bei zehn bis 15 Geflüchteten an Bord, ist der Schmuggel noch lukrativ. Im Fokus der Schleuser stehen auch Boote, die zum Verkauf angeboten werden. Wie vor drei Jahren in Kaş an der türkischen Südküste. Da gaben die Schleuser vor, sich für eine Yacht zu interessieren, inspizierten sie. So waren sie vertraut mit dem Boot, wussten, dass kein AIS-Positionssystem an Bord war. In der Nacht stahlen sie die Yacht. Dank der Aufmerksamkeit der Marina konnte die Yacht aber wenig später mit Kurs Rhodos aufgebracht werden. An Bord waren der Schmuggler und zwölf syrische Flüchtlinge.

Diebesbande aus Moskau

Aber nicht alle gestohlenen Yachten werden für den Transport von Flüchtlingen eingesetzt. Auch der „klassische Diebstahl“ boomt wieder. Der MCS-Fahnder berichtet von einem Markt für gestohlene Yachten in Russland. Wenn die gestohlenen Yachten einmal die Dardanellen erreicht hätten, sagt der Fahnder, seien sie quasi verloren.

Denn ein Gesetz aus dem Jahr 1936, der Vertrag von Montreux, regelt den freien Schiffsverkehr zwischen der Meerenge der Dardanellen im Westen des Marmarameeres bis hin zum Bosporus im Osten. Die Passage gilt als internationaler Schifffahrtsweg. Die türkischen Behörden haben nur ein eingeschränktes Handlungsrecht und müssen, bis auf wenige Ausnahmen, freie Durchfahrt gewähren. Sind die Yachten einmal in Russland oder der Ukraine angekommen, sei es fast unmöglich, sie zurückzuholen, sagt der Fahnder.

Wie im Fall einer russischen Diebesbande, die im August in Moskau aufgeflogen ist. Die achtköpfige Gruppe um einen ehemaligen Marineoffizier soll seit vier Jahren im Mittelmeerraum aktiv gewesen sein. Knapp 100 Bootsdiebstähle gehen laut Interpol auf ihr Konto, nur sechs der Yachten konnten aber sichergestellt werden.

Wie die türkische Zeitung „Istanbul Haber“ berichtete, hatte die Gruppe in Marmaris am 13. Juli eine zwei Millionen Dollar teure 64-Fuß-Segelyacht gechartert, das Positionssignal ausgebaut und auf ein Beiboot montiert. Somit wurde dem Vercharterer vorgegaukelt, die Yacht befände sich noch in der Nähe von Marmaris, dabei hatte sie die türkischen Gewässer längst verlassen. Als die Charter am 19. Juli endete, schaltete das Unternehmen die Küstenwache und Interpol ein. Die Russen waren zu diesem Zeitpunkt längst zurück in Moskau. Doch die Ermittler konnten die Bande ausfindig machen.

Eine Segelyacht mit Geflücheteten
Segelyacht mit Geflüchteten in italienischem Hafen © Croce Rossa

Menschenschmuggel mit Charteryachten

Der Menschenschmuggel mit Yachten beschränkt sich nicht nur auf gestohlene Yachten. „Beliebt bei den Schleusern ist auch der Chartermarkt“, sagt der MCS-Fahnder. Im Regelfall würden die Yachten gechartert, für den Schmuggel genutzt und wieder ordnungsgemäß abgegeben. Ein ehemaliger Mitarbeiter einer Basis im türkischen Marmaris bestätigt das. „Wofür die Yachten verwendet wurden, war allen relativ klar“, sagt er.

Die Kunden, meist zu zweit, kamen aus der Ukraine, mieteten gängige Modelle um die 40 Fuß, mehrmals in kurzen Abständen für eine Woche, brachten sie oft aber schon nach wenigen Tagen zurück. „Die Yachten waren sehr verdreckt. Es war klar, dass nicht nur zwei Leute an Bord waren. Aber Hauptsache, die Yachten fuhren Geld ein. Also wurde weggeschaut.“

Nicht immer aber werden die Charterboote ordnungsgemäß zurückgebracht. Der MCS-Fahnder hatte es in diesem Jahr mit mehreren Fällen zu tun, in denen die Yachten entweder mit angeblichem Motorschaden irgendwo hinterlassen wurden oder aber sogar gesunken sein sollten. In allen Fällen hatten sich die Chartergäste abgesetzt. Und noch eine Parallele gibt es: In vielen Fälle hatten die Schmuggler zum gleichen Zeitpunkt in einer Segelschule im russischen Sankt Petersburg ihre Segelscheine erworben.

Yachtdiebstahl
Die gestohlene Promise, eine Beneteau Oceanis 43 © MCS

Der MCS-Fahnder hatte es in diesem Jahr mit mehreren Fällen zu tun, in denen sich die Chartergäste unter dubiosen Umständen abgesetzt haben – und die Yachten verschwunden sind. Wie im Fall der Segelyacht „Promise“, einer Beneteau Oceanis 43, die Aleksei K. und Evgeni K., zwei russischen Staatsbürgern, Mitte November 2019 in Athen gechartert wurde.

Zwei Tage vor der vereinbarten Rückgabe meldeten sich die beiden per Mail bei der Charterbasis in der Alimos Marina. Sie hätte einen Motorschaden, die Maschine lasse sich nicht mehr starten. Sie lägen auf der Insel Andros, im Hafen von Batsi. Um ihren Rückflug nicht zu verpassen, hätten sie die Yacht verlassen. Gesendet wurde die Mail um 16.10 Uhr. Was die Russen nicht bedacht haben: Eine Webcam im Hafen zeigt, wie die „Promise“ um 13.28 Uhr den Hafen unter Motor verlassen hat. Seitdem wurde sie nicht mehr gesehen.

Yachtdiebstahl
Voni, eine Beneteau Oceanis 41 © MCS

Der Fall der „Voni“, einer Beneteau Oceanis 41, ist noch abenteuerlicher. Die Yacht wurde im Sommer 2018 von den Ukrainern Oleksij P. und Andrii Z. in Bormes-les-Mimosa an der französische Südküste gechartert.

Am 3. August wurden die beiden Segler in einer Rettungsinsel vor Ajaccio auf Korsika gefunden. Sie sagten, die Yacht sei gesunken. Radarbilder des französischen Militärs lege allerdings eine andere Version nahe. Die Yacht hat sich nämlich von der angeblichen Position, an der sie gesunken sein soll, in südlicher Richtung entfernt. Wahrscheinlich, mutmaßt der MCS-Fahnder, habe eine andere Crew die Yacht übernommen. Auch sie ist bis heute verschwunden.

Yachtdiebstahl
Das Radarbild des französischen Militärs zeigt die Yacht an anderer Position © MCS

GPS-Tracker installieren

Wie der Fall der gestohlenen Yacht auf Lefkada zeigt, ist es für die professionellen Banden ein Leichtes, Segelboote unbemerkt zu stehlen. Wie Bootsnachbarn auf Facebook berichten, hätten sie von dem Diebstahl nichts mitbekommen. „Boote vor Diebstahl zu sichern, ist sehr schwierig“, weiß auch der MCS-Fahnder. Zumal, wenn es sich um Profis handelt.

Um das Auffinden der Yacht nach einem Diebstahl zu erleichtern, bieten sich GPS-Tracker an, die im Boot an einer schwer auffindbaren Stelle verbaut und an die Batterie angeschlossen werden. Auch wenn die Stromversorgung abgeklemmt wird, haben die Tracker noch genügend Akku, um die nächsten Tage ihr Signal zu senden. Der Nachteil: die Tracker benötigen eine SIM-Karte, monatliche Gebühren werden fällig.

Noch besser, so der MCS-Fahnder, seien bordnetzunabhängige Geräte, die eine Batteriekapazität von mindestens drei Jahren hätten und die auch lokalisiert werden könnten, wenn GPS- und GSM-Signale durch Störsender, sogenannte Jammer, behindert würden.

Ananke
Die Bavaria 50 war nicht das einzige Schiff, das in der Nacht auf Lefkada gestohlen wurde © Facebook

Wo die Bavaria die Flüchtlinge aufgenommen hat, ist bislang ein Rätsel. Möglich ist die Übergabe auf dem Meer von einem anderen Boot oder das Anlaufen einer einsamen Bucht. Seit die Balkanroute für Flüchtlinge kaum noch passierbar ist, scheint die Route über das Ionische Meer ein letztes Ausweg zu sein.

Für Eigner von Sportbooten brechen unruhige Zeiten an, befürchtet der MCS-Fahnder. Denn die Bavaria 50 war in der Nacht zum ersten Advent nicht das einzige Schiff, das auf Lefkada gestohlen wurde, wie er sagt. Vermutlich ist auch die zweite Yacht längst in Italien.

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