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Die MSC ZOE nach Containerverlust in der Nordsee Die MSC ZOE nach Containerverlust in der Nordsee © Haveriekommando
Giftiges Treibgut

270 Seecontainer gefährden die Nordsee

Megafrachter MSC Zoe verliert im Sturm vor Borkum Fracht mit Gefahrgut. Experten und Havariekommando suchen die drei gefährlichsten Container.

float Redaktion
von in
6 Minuten

Bis zu 270 Seecontainer treiben seit vorgestern in der Nordsee. Das fast 400 Meter lange, unter der Flagge von Panama laufende Schiff „MSC Zoe“ hatte die Fracht auf der Fahrt von Antwerpen nach Bremerhaven im Sturm verloren. Dabei ging auch Gefahrgut über Bord. Das teilte das für maritime Notfälle zuständige Havariekommando heute morgen mit.

Von drei Gefahrgutcontainern ist nach Angaben der niederländischen Küstenwache die Rede. Geladen sind darin, so zitieren Medienberichte Angaben der Werft, auch Fässer mit gefährlichem Dibenzoyl-Peroxid, das zur Kunststoffherstellung verwendet wird. Dieser Stoff ist brennbar und hochgiftig. Konkret geht Gefahr aus von einem gelben Container mit der Nummer MSCU3713629, einem blauen Container mit der Nummer CXDU2077321 and einen rostbraunen Container mit der Nummer TCLU41747408. Das berichtet der maritime Trackingdienst Fleetmon.

Mehrzweckschiff Neuwerk bei einem Container der MSC Zoe © Haveriekommando

Heute Nacht legte die „MSC Zoe“ gegen 0:35 Uhr in Bremerhaven an, begleitet vom Mehrzweckschiff „Neuwerk“ des Havariekommandos. Unterdessen geht die Suche nach den verlorenen Container weiter, die vor Borkum ins Wasser gingen. Die „MSC Zoe“ ist mit 396 m Länge und 59 m Breite einer der größten Megafrachter der Welt. Die schweizerische Werft MSC hat nach eigener Aussage ein Bergungsunternehmen beauftragt.

Autokindersitze, Felgen und Kleidung wurden bereits am niederländischen Nordseestrand angespült. Außerdem sind Möbel angeschwemmt worden. Ganze Strandabschnitte sind vermüllt. Seit Dienstag wurden 21 Container an der niederländischen Küste angeschwemmt. In deutschen Gewässern wurden bisher sechs der von Bord gefallenen Container gesichtet.

Weltgrößtes Containerschiff verliert Container in der Nordsee

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Verlorene Container bedrohen Schifffahrt

Was für das Weltall der Schrott ausgedienter Satelliten, sind für die Weltmeere Unidentified Floating Objects, kurz UFOs. Dieses großes Treibgut gefährdet den Schiffsverkehr.

Der containerisierte Seehandel ist nach einer Studie des amerikanischen Office of National Marine Sanctuaries allein von 1985 bis 2007 auf das Achtfache gewachsen. Weltweit sind in diesem Moment rund fünf bis sechs Millionen Container auf See unterwegs. Die Angaben dazu, wie viele davon während der Reise verloren gehen, variieren je nach Quelle und Interessengruppe.

Die niedrigste offizielle Zahl stammt vom World Shipping Council (WSC), wo man von 350 bis 675 über Bord gegangenen Seebehältern pro Jahr ausgeht. Diese Zahl dürfte untertrieben sein, ebenso wie die von manchen Umweltorganisationen ins Spiel gebrachte Zahl zu hoch sein dürfte, wo von 20.000 verlorenen Containern die Rede ist. Recherchiert man Aussagen diverser Versicherer und Reedereien und addiert Angaben in Meldungen, kommt man auf 7.500 bis 10.000 Container pro Jahr, die verloren gehen. Die Aussage „ein paar Tausend“ ist also wohl die verlässlichste.

Herrenloser Container © US Coast Guard

Obwohl die Container gegen Überbordgehen mehrfach gesichtert sind, gehören Verluste zur Tagesordnung. Selten verabschiedet sich ein einzelner Behälter: Meistens kippen gleich ganze Türme ins Wasser, da sie über sogenannten Twistlocks miteinander verbunden sind. Die „Svendborg Maersk“ meldete 2014 nach einem Sturm rund 500 verlorene Boxen. Viele davon gehen sofort nach dem Überbordgehen auf Tiefe.

Manche jedoch werden zur lauernden Gefahr und schwimmen tage-, wochen- oder gar monatelang knapp unter der Wasseroberfläche und sind so kaum zu sehen. Es ist davon auszugehen, dass treibende Container wohl die meisten UFOs ausmachen, und sicher verursachen sie auch die größten Schäden. Ein Carbon-Racer hat bei den hohen Geschwindigkeiten, die heute beim Hochsee-Segeln erreicht werden, keine Chance gegen die stählernen Ungetüme.

Die MSC ZOE nach Containerverlust in der Nordsee © Haveriekommando

Besonders gefährdet sind Hochseesegler

Bei fast jeder Hochseeregatta gibt es Kollisionen mit sogenannten UFOs, der Abkürzung für Unidentified Floating Objects, sprich Nichtidentifizierte schwimmende Objekte. Bei der Vendée Globe erwischte es 2016/2017 hat es wieder einige Teilnehmer erwischt. Alex Thomson fuhr sich bereits ein paar Tage nach dem Start auf dem Atlantik, in Führung liegend, einen Foil ab.

Thomas Ruyant erwischte es im Pazifik noch schlimmer: Nach einer Kollision mit einem UFO drohte seine Yacht „Le Souffle du Nord pour Le Projet Imagine“ auseinanderzubrechen. Mit Mühe konnte er sich zur australischen Küste retten. Zuvor bereits musste Kito de Pavant von seiner Rennyacht abgeborgen worden, weil durch eine Kollision mit einem unbekannten Objekt fast der ganzen Kiel abgerissen wurde.

Die Liste der Kollisionen von Booten mit Gegenständen, die im Meer treiben, wird immer größer: Vincent Riou traf es erneut, Sebastien Jossé konnte nach einem UFO-Crash sein Ruder erst reparieren, musste dann die Vendée jedoch aufgeben. Das gleiche widerfuhr auch Morgan Lagravière. Diese Ausfälle durch UFOs sind kein Wunder, denn die Gefahren, die unter der Wasseroberfläche warten, nehmen stetig zu.

Unidentified Floating Objects

Schäden durch UFO © Thomas Ruyant / Vendée Globe

Unidentified Floating Objects

Schäden durch UFO © Thomas Ruyant / Vendée Globe

Wandernde Wale

Die statistische Chance, mit einem Wal zu kollidieren, erscheint auf den ersten Blick gering. Es passiert jedoch immer wieder – und immer häufiger. Im September 2016 stieß ein deutscher Segler auf seinem 7-Meter-Boot mit einem Buckelwal zusammen – und zwar nicht auf dem offenen Ozean, sondern ein paar Seemeilen vor der Insel Rügen. Der Wal, der sich als Irrgast im Greifswalder Bodden aufhielt, hatte das Boot bei rauem Seegang offenbar nicht bemerkt.

Im Gegensatz zur verbreiteten Annahme, dass Meeressäuger langsame Segelyachten orten und so rechtzeitig ausweichen können, haben wissenschaftliche Untersuchungen das Gegenteil bewiesen. Wale hören nur nach vorne: Sie sind nach hinten hin „taub“ und erkennen keinen Unterschied zwischen Seegang und Schiffsbewegungen.

Immer häufiger hört man, dass Wale durch den von Menschenhand verursachten Geräuschpegel unter Wasser vermehrt orientierungslos sind. Manche Walarten können nicht schneller als drei Knoten schwimmen, Pottwale schlafen bei den Auftauchphasen ein, und die Hälfte des Gehirns wird inaktiv – lauter Faktoren also, die Meeressäuger aus Sicht von Bootsfahrern zu UFOs werden lassen.

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© Ail Lynn

Je schneller die Yachten werden, desto häufiger kommt es dann zu Zusammenstößen. Das jedenfalls ist das Ergebnis einer Studie des Wal- und Delfinschutzvereins Meer e. V., für die der Meeresbiologe Fabian Ritter 123 Berichte über Kollisionen oder Beinahezusammenstöße zwischen Booten und Walen ausgewertet hat. In 26 Prozent der Fälle segelten die Yachten zwischen 10 bis 25 Knoten schnell. Das hohe Tempo der Boote erklärt die erhebliche Zunahme von Kollisionen (siehe Grafik) zwischen immer schnelleren Segelyachten und Walen in den letzten Jahren. Die Angaben des Versicherers Pantaenius geben jedoch eher keinen Grund zur Sorge: Dort wird pro Jahr im Schnitt eine Kollision mit einem Wal gemeldet.

Erhebliche Zunahme von Kollisionen © Meer e. V.

Vom Baumstamm bis zum Fischernetz

Der beste Beleg dafür, dass es sich bei UFO-Kollisionen nicht um Einzelfälle handelt, ist wohl Vincent Riou. Bei der aktuellen Vendée Globe zwang den Sieger von 2004 ein Crash mit einem unbekannten Objekt zum Aufgeben. Vor vier zuvor, im Jahr 2012, kollidierte er bei der gleichen Regatta mitten auf offener See mit einer losgerissenen Fahrwassertonne und musste anschließend schon einmal das Rennen beenden.

Alles, was schwimmt, kann ein Boot unterwegs treffen: Fischerboote verlieren in schwerer See Netze, Behälter und anderes Gut. Baumstämme treiben oft wochenlang umher. Auch die in letzter Zeit bekannt gewordenen Müllstrudel auf den Ozeanen können bei leichten und fragilen Rennyachten Schäden hinterlassen. Auch Wrackteile von Schiffen treiben oft lange Zeit auf See und können so zur Gefahr werden.

Stückgutfrachter verlieren bei schwerem Wetter alles Mögliche vom Kanister bis zur Euro-Palette. 2003 sank bei der Daimler Chrysler North Atlantic Challenge die Yacht „Monsun“. Sie war nach einer Kollision leckgeschlagen, vermutlich mit einer Palette. Die Crew konnte aus der Rettungsinsel geborgen werden.

Zurückgelassene Segelyachten

Auch herrenlose Boote, die auf hoher See nach einer Havarie zurückgelassen wurden, können unerwartet wieder auftauchen. So wurde am Silvestertag des Jahrs 2018 ein kieloben treibendes Segelboot vor der Küste von Kangaroo Island nordwestlich von Adelaide in Australien gefunden. Die noch immer in markantem Orange strahlende Yacht wurde als die „Wild Eyes“ identifiziert. Das GFK-Boot trieb für acht Jahre im Indischen Ozean. Skipperin war die seinerzeit 16-jährige Abby Sunderland, die nach einem Sturm von ihrem entmasteten Boot abgeborgen wurde.

Zuletzt waren die Boote der Golden-Globe-Race Segler Abhilash Tomi und Susie Goodall im Southern Ocean manövrierunfähig zurückgelassen worden. Keiner weiß, ob, wann und von wem die Boote abgeborgen werden.

Das Wrack der Wild Eyes trieb acht Jahre auf See © South Australian Police

Effektiver Schutz unmöglich?

Hochseesegler können alle möglichen Situationen trainieren und sich damit auf Szenerien wie Mastbruch, Leckagen oder Mensch-Über-Bord-Situationen vorbereiten. Kollision mit UFOs auf See lassen sich jedoch nicht üben, schon wegen der unterschiedlichen Folgen, die danach auftreten können. Ausgefuchste technische Überwachungssysteme wie Radar und AIS erfassen nur alles oberhalb der Wasserfläche. Sich gegen Treibgut und andere UFOS zu schützen, ist also schlicht unmöglich.

Dennoch gibt es für Hochseesegler keinen Anlass zur Sorge: Die Wahrscheinlichkeit, auf See mit einem unbekannten Objekt zu kollidieren, ist statistisch gesehen sehr gering. Tausende Schiffe segeln jedes Jahr über die Weltmeere, und nur sehr selten kommt es auf See zu Kollisionen – vor allem nicht in den Geschwindigkeitsbereichen von Fahrtenseglern.

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