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Der alte Messehafen der Interboot © Messe Friedrichshafen
Interboot Friedrichshafen

Wo die Boote aus dem Hallendach guckten

Wie der Wassersport ans schwäbische Meer kam, hat auch mit der Interboot zu tun. Ein Rückblick auf 60 Jahre Bootsmesse am Bodensee.

von
Roland Wildberg
in
5 Minuten

Eigentlich sollte sie „Internationale Bootsausstellung am Bodensee“ heißen. Doch zum Glück für das spätere Internet-Zeitalter einigte man sich vor 60 Jahren auf wenige prägnante Silben: Interboot. Was damals als Ableger einer regionalen Gewerbeschau begann, ist anschließend zu einem machtvollen maritimen Gipfeltreffen der Gegenwart gewachsen. Hier stoßen jeden Herbst die stärksten Flotten der Bodensee-Anrainer aufeinander, ohne auch nur einen scharfen Schuss abzufeuern.

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Die jährliche Vermählung mit dem schwäbischen Meer findet in bemerkenswerter Eintracht statt. Tatsächlich war es eine schweizerisch-schwäbische Initiative, die zur größten Inwater-Bootsmesse nördlich der Alpen führte. Der Friedrichshafener Unternehmer Otto P. W. Hüni, gebürtiger Schweizer, regte maßgeblich die Gründung der Interboot an.

Plakat Interboot
So warb die Interboot im Jahr 1962 © Messe Friedrichshafen

Hüni, heute ein Hidden Champion im Bereich der Kunststoffverarbeitung, war zwar damals als lederverarbeitender Betrieb ohne Bezug zum Wassersport. Sein vermögender Besitzer aber durchaus: Otto Hüni besaß schon vor dem Zweiten Weltkrieg mehrere Motorboote. Mit den Honoratioren dies- und jenseits des Sees war der Mäzen und erste Fabrikant Friedrichshafens folglich nicht nur auf dem Landweg bestens vernetzt.

Man wurde schnell einig – dank Hünis Schweizerdeutsch-Kenntnissen auch mit den Nachbarn aus den Alpen. Die beharrten zwar weiter auf ihren nationalen Leistungsschauen in Zürich, Genf und Basel. Doch sahen Boesch, Brunnert-Grimm und andere Werften das Potenzial eines Schaufensters am Nordufer. „Die Schweizer Aussteller waren durchaus treibende Kraft“, sagt Dirk Kreidenweiß, seit zwanzig Jahren der Projektleiter der Interboot.

Masten stachen aus Dächern

Diese „konstruktive Harmonie“ zwischen Nord- und Südufer hat sich bis heute erhalten. „Schwaben und Schweizer sprechen ja ähnliche Dialekte, das hilft schon viel.“ Auch weltanschaulich sitzt man in einem Boot: Hier ruft der Kuckuck die Zeit bedächtig, aber gründlich aus. Er ruft nicht ein Mal zu viel (lieber zu wenig). Und bevor er jemand anderen zu laut oder zu oft rufen lässt, macht er’s lieber selbst.

Interboot
Gelände Meistershofenerstraße 1971 © Messe Friedrichshafen

Zum Beispiel Platz schaffen, wenn er fehlt. Als sich zeigte, dass die Hallen auf dem alten Messegelände im Stadtkern für Segelboote zu niedrig waren, stieg man den Gebäuden kurzerhand aufs Dach – und riss ein Stück der Deckenplatten heraus. So stachen die Masten der Boote jenseits davon in den Himmel. So sind sie, da unten am schwäbischen Meer: Wenn’s nützt, reißen sie auch was ein.

Mit 50 km/h übern Bodensee

Auch gegen etwas Tempo von Zeit zu Zeit hat man nichts – etwa bei der Präsentation des Wankel-Boots 1976. Das Werk von Felix Wankel, ebenfalls ein Bodensee-Anrainer, war eine Weiterentwicklung seines Rennboots „Zisch“ mit Kreiskolbenmotor und Tragflügeln. Zwölf Kufen ließen es mit bis zu 50 km/h über die meist ruhige Bodensee-Oberfläche zischen. War die unruhig, drehte die Schraube in der Luft. Daher setzte sich Wankels Erfindung trotz viel Resonanz in Friedrichshafen später auch auf dem Wasser nicht durch.

Felix Wankel
Felix Wankel und seine Konstruktionen © Technoseum Mannheim

Was sich dagegen durchsetzte: ein Baumaterial, über das sich eine Zeitung 1968 noch etwas skeptisch äußerte. „Vornehmlich bei den Jollen scheint sich das Kunststoffboot durchzusetzen“, schrieb damals ein Korrespondent nach seinem Messerundgang. Als billigstes Boot in Friedrichshafen identifizierte der Reporter ein Schlauchboot für 140 Mark. Das teuerste war ein Motorkreuzer – aus eben jenem dubiosen „Kunststoff“ – für 150.000 Mark.

Ein Vorläufer der Messe-App

Auch für andere Technologien waren die Interboot-Macher frühzeitig aufgeschlossen. Und sie setzten sie so geschickt ein, dass sie zeitweise zum USP der Messe wurde: der „Interboot-Computer“. In einer Ära, in der Rechner noch Lochkarten ausspuckende Wunderkisten waren, versetzte eine solche Maschine die Messebesucher in Verblüffung.

Besucher konnten nach Eingabe von Preis, Größe und weiteren gewünschten Eigenschaften das für sie passende Boot ausfindig machen. Dann erhielten sie die dazu gehörige Hallen- und Standnummer – ein früher Vorläufer der Messe-App.

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Der Computer empfiehlt: die Trojan Express Aftcabin von Brunnert-Grimm © Messe Friedrichshafen

„In den Computer wurden 1.095 Boote eingespeist, wie es so schön heißt“, berichtet ein Korrespondent launig in der Zeitung „Die Welt“. Davon seien 53,78 Prozent auf Motorboote, hingegen 37,52 Prozent auf Segelboote entfallen.

Diese Präferenz wechselte mit der Zeit, wurde doch „oft, so auf den bayrischen Seen, das Motorengeheul der Sportboote sogar als störend empfunden“, wie ein Interboot-Reporter 1968 anmerkte.

Es folgte der Aufstieg der Segel-Fraktion. Begünstigt durch den Umzug aufs neue Messegelände, fortan musste kein Hallendach mehr geöffnet werden. „Ich erinnere mich, wie wir mit Ausstellern die neuen Messehallen besichtigten“, erinnert sich Dirk Kreidenweiß.

„Von weitem sagten die schon: ‚Durch die kleinen Tore kriegen wir doch kein Boot’…“ Erst beim Näherkommen seien dann die Dimensionen klar erkennbar geworden. Die neuen Hallen waren ebenso wie die Sieben-Meter-Tore eben ein bisschen größer.

Matchrace über zwanzig Meter

Alles wurde größer: die Boote, die Zuschauerzahlen, der Umsatz, sogar die Gewässer. In der alten Anlage gab es nur ein „besseres Schwimmbecken“, vielleicht zwanzig Meter lang. Auf dem wurde an jedem Ende eine Windmaschine postiert. Dort fanden sogar 420er-Matchraces statt. Auch Wasserski-Präsentationen ertrug das „Regattabecken“ geduldig, die Akteure wurden von Jetski gezogen. Heute ist der Messesee 90 Meter lang, gemessen an den Anfängen hat das fast Hochsee-Dimension.

Heute haben übrigens die Motorboote wieder die Oberhand. Obschon Zugeständnisse zu machen waren – wir erinnern uns: „Motorengeheul der Sportboote“. So wurde einer der wahren Heuler der Messe, das Bootsrennen „Liquid Quarter Mile“, nach gut zehn Jahren wieder abgesagt. Zu streng waren die Auflagen der Bundesimmissionsschutzverordnung geworden. Kreidenweiß: „Das fand über neun Tage direkt an der Uferpromenade statt.“ Händler und Bootskäufer hätten eigens Termine in anliegenden Cafés gemacht, um bei dem Wettbewerb zuschauen zu können.

Motorboot auf Wasser
Motorengeheul auf dem Bodensee © Messe Friedrichshafen

Oftmals hatten sie eigene Eisen im Feuer: Das Rennen, das das nördliche Seeufer an neun Tagen im Herbst erzittern ließ, wurde von vielen Händlern persönlich bestritten. Zeitweise waren mehr als 50 Boote in diversen Klassen gemeldet. Auch die Zahlen in den Hallen reflektieren das Wachstum: Was 1962 mit rund 500 Booten begann, übertraf 1990 die 1.200. „Wir profitieren natürlich vom Revier, von der enormen Kaufkraft hier“, sagt Kreidenweiß. Auch wenn die Zahlen heute wieder näher bei der Ausgangsgröße liegen.

Kabale mit Kubanern

Die Nutzung des nahen Bodensees lag zwar schon 1962 nahe. Doch den Impuls gab eine andere Messe. Ein Jahr zuvor eröffnete fern im Norden die „1. Bundes-Fachausstellung – Das Sport- und Gebrauchsboot“. Später kompakt zu Hanseboot verkürzt, erhielt sie erst 30 Jahre später einen Messehafen. Die Präsentation der Boote im Wasser war ein bewusster Gegenpol zu Hamburg, zumal die Messen damals in relativ engem zeitlichen Abstand stattfanden.

Boot auf dem Bodensee
Ein frühes Werbebild auf dem Bodensee © Messe Friedrichshafen

Eine Anekdote von 2008 ist dem Projektleiter in besonderer Erinnerung: Als 2008 Kuba das Interboot-Partnerland war, erreichte Kreidenweiß nachts ein Anruf: „Unser Fahrer hatte Mitglieder der kubanischen Delegation in die Schweiz zu ihren Hotels zurückgebracht. Doch nicht alle hatten gültige Visa.“ Als sie die exotischen Gesichter im Bus sahen, hätten die Schweizer Kontrolleure den braven Chauffeur prompt als Menschenhändler verdächtigt. Die Messe konnte das klären.

Eine Woche Wassersport

Die Jubiläumsausgabe der Interboot findet vom 18. bis 26. September statt. Tickets sind ausschließlich online erhältlich. Alle Besucher, die im selben Jahr wie die Interboot vom Stapel gelaufen sind, also 1962 geboren, erhalten freien Eintritt und ein kleines Geburtstagsgeschenk. Einfach im Online-Shop den Code IB1962 eingeben. Wer als Youngster auf ein Schnäppchen hofft: Das wird am Eingang kontrolliert. Ordnung muss sein.

Wir verlosen 3 x 2 Tageskarten für die Interboot 2021 unter allen, die den float Friday Newsletter abonniert haben, und zwar am Freitag dieser Woche.

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