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Unser Autor ist mit seiner 40-Fuß-Ketsch Seefalke (Foto) in der Karibik unterwegs Unser Autor ist mit seiner 40-Fuß-Ketsch Seefalke (Foto) in der Karibik unterwegs © Maik Ulmschneider
Stürme

Anker-Rodeo im Tropensturm

Gamma ist einer der vielen Stürme, die dieses Jahr in der Karibik wüten – unser Autor steckte auf 40 Fuß mittendrin.

von
Maik Ulmschneider
in
9 Minuten

Es ist eine Szene wie aus dem Bilderbuch: Ein Segelboot neigt sich elegant in der Abendbrise. Aber irgendetwas stimmt nicht. Keine fliegende Gischt. Kein Bug, der rauschend durch die Wellen schneidet. Keine Bewegung. Nichts ist so, wie es scheint.

Ich stehe im knietiefen Wasser und betrachte das surrealistische Stilleben, dessen Protagonist mein Boot ist. Die SV Seefalke, meine knallorangene 40-Fuß-Ketsch aus bestem Marinestahl, ist gestrandet wie ein Wal. Es ist ihr zweiter Tag auf der Sandbank, und sie sieht traurig aus. Aber auch ein bisschen trotzig, als ob sie ruft: „Ok, diesmal haben wir verloren, aber die letzte Schlacht gewinnen wir!“ Verloren haben wir gegen den Sturm Gamma, der Seefalke und mich im äußersten Osten Mexikos, in der Bahia von Isla Mujeres vor der Halbinsel Yukatan, erwischt hat.

Die Karte zeigt die Richtung, welche der zerstörerische Hurrikan Gamma nahm
Die Karte zeigt die Richtung, welche der zerstörerische Hurrikan Gamma nahm © National Hurricane Center

Gamma wurde vor drei Tagen als harmloses Tiefdruckgebiet geboren. Mit maximalen Windgeschwindigkeiten von sechzig Knoten beinahe schon ein Hurrikan, hält er nun auf Yukatan zu. Mittlerweile können mich Tropenstürme nicht mehr aus der Ruhe bringen. Aber der Haltegrund in der Bahia ist berühmt-berüchtigt. Sobald mehr als zwanzig Knoten Wind darüber wehen, wird das Ankerfeld regelmäßig auf- und durchgemischt.

Ich fiere die Ankerkette auf 50 Meter. 50 Meter bei nur 2,30 Meter Wassertiefe. Viel mehr geht nicht, sonst werde ich bei den vorhergesagten nordöstlichen Winden meinem Nachbarlieger zu nahe kommen. Ich gebe 1.000 Umdrehungen zurück, dann 2.000. Mein 62-PS-Diesel bemüht sich redlich, Wasser quirlt und sprudelt, aber wir bewegen uns keinen Millimeter. So soll es sein.

Hier hatte die „Ankerregatta“ stattgefunden

Dann setze ich meinen zweiten Anker V-förmig, in einem Winkel von ca. 60° zum ersten. 20 Meter starke, zwölf Millimeter dicke Kette und zusätzlich 20 Meter Bleileine müssen reichen. Wenn uns etwas das Genick bricht, dann nicht der kontinuierliche Wind, sondern die Böen. Ich hole mir die Taucherbrille und tauche beide Anker ab. Sind tief eingegraben. Sieht gut aus!

Doch mich befallen Zweifel: Genau dort, wo ich heute ankere, hatte vor ein paar Monaten während des Tropensturms Cristobal die Ankerregatta stattgefunden. Nach dem Motto: Wer kann mit schwerstem Anker und längster Kette vor Topp und Takel noch am schnellsten fahren? Meine Freunde von SV Off-The-Grid waren vorne mit dabei, aber auch SV Maverick und SV Sukha hatten Ambitionen aufs Treppchen. Alles erfahrene Skipper mit guten Ankern und viel Kette.

Zwei Kabel weiter östlich ist der Haltegrund wesentlich besser. Aber ich bin einfach zu faul. Zu faul, den zweiten Anker manuell aufzuholen und dann noch den ersten. Dann auf den neuen Platz verholen und beide Anker wieder setzen, einfahren, abtauchen. Das würde zwei Stunden Knochenarbeit bedeuten, mindestens. Ich klariere das Deck und binde alles fest, was nicht niet- und nagelfest ist, sichere mein Dinghy mit einer zweiten Leine und mache die Schotten dicht. Gamma kann kommen!

Klar zum Rodeo

Bei Einbruch der Dunkelheit nimmt der Wind zu. Das Schiff bebt. Gefährlich heult es in den Stagen und Wanten: der bekannte Soundtrack des Sturms. Kurz vor Mitternacht sind es beständig mehr als 30 Knoten mit Böen tief in den Vierzigern. Die Böen kommen über uns wie überdimensionale Ohrfeigen. Sie kommen nicht von vorne. Unter ohrenbetäubendem Lärm schlagen sie von der Seite zu wie Thors Hammer!

Sie legen Seefalke auf die Seite, bis sie in die Kette einruckt und unsanft wieder aufgerichtet wird. Bereit für den nächsten Schlag. Auf dem iPad in meiner Navi-Ecke sehe ich die Plotterdaten, empfangen über WLAN, praktisch. Nie habe ich dieses Gadget mehr geliebt als jetzt. So muss ich wenigstens nicht in den Regen raus. Der Ankeralarm ist gesetzt, aber er bleibt stumm, Seefalke schwoit perfekt nach Lehrbuch.

Hurrikan Gamma
Unter Deck kann der Skipper per iPad bequem kontrollieren, ob die Anker halten © Maik Ulmschneider

Kaum aufgewacht nach einem kurzen Schlaf sehe ich, dass meine Freunde von SV Bullseye bedrohlich zielstrebig auf mich zukommen. Sie stehen auf dem Vordeck und kämpfen verzweifelt mit etwas, vermutlich mit der Ankerkette. Im letzten Moment bekommen sie ihren kleinen Motor gestartet und quälen sich zurück zu ihrem Ankerplatz.

Das Heulen des Sturms übertönt alles

Die Böen haben mittlerweile gut über 50 Knoten drauf. Plötzlich sehe ich Bewegung auf dem Plotter. Nur 20 Fuß, aber definitiv 20 Fuß zu viel! Aber wir haben wieder gestoppt. Es sieht so aus, als hätte der Anker einen neuen Haltepunkt gefunden. Aber es gefällt mir nicht. Ich bin alarmiert und starte den Motor. Nur für den Fall. Erst denke ich, der Motor startet nicht, weil ich ihn nicht hören kann. Doch ein Blick auf den Drehzahlmesser sagt mir, dass er läuft wie er soll. Das Heulen des Sturms übertönt einfach alles.

Es gehen noch ein paar böse Böen durch, ohne dass wir uns weiter vom Fleck bewegen, und ich entspanne mich langsam wieder. Zu früh. Denn schon im nächsten Moment geht ein tiefes Stöhnen und Zittern durch das Schiff. Seefalke richtet sich in einem Winkel von ca. 60° zum Wind aus: das gefürchtete und sichere Zeichen, dass der Anker endgültig nicht mehr hält.

Hurrikan Gamma
Hurrican Gamma aus Satellitensicht © US National Hurricane Centre

Worst-Case-Szenario

Ich kupple den Motor ein, jetzt muss ich doch umankern unter wesentlich widrigeren Bedingungen als noch am Nachmittag. Faulheit muss bestraft werden. Nach nur ein paar Sekunden geht der Motor wieder aus. Ich höre es nicht, aber mein Panel leuchtet wie ein Christbaum und der Drehzahlmesser zeigt fast schadenfreudig null Umdrehungen.

Im Bruchteil einer Sekunde weiß ich Bescheid. Weiß, dass ich mir etwas in den Propeller gefahren habe, wahrscheinlich die Leinen, an denen das Dinghy am Heck gesichert war. Die waren zu lang und eine davon auch keine Schwimmleine. Das war‘s. Das Worst-Case-Szenario. Jetzt kann ich nichts mehr tun als mich auf die Landung vorzubereiten.

Von jetzt auf gleich degradiert vom Kapitän zum Zuschauer.

Aber es gibt auch noch gute Nachrichten. Weiter in Lee sind keine weiteren Boote, und die Sandbank ist weich. Sie schließt uns schon beinahe liebevoll in ihre Arme. So liebevoll, wie es bei der kurzen Welle und bei 45 Knoten Wind eben geht.

Unter 13 Tonnen Stahl

Sobald wir einigermaßen sicher geparkt sind, schnappe ich mir meine Taucherbrille, mein Seglermesser und meine Handschuhe und springe ins Wasser. Wenn ich die Leinen schnell genug aus dem Propeller rauskriege, habe ich vielleicht noch eine Chance, aus eigener Kraft wieder in tieferes Wasser zu kommen.

Zuerst bin ich etwas erstaunt, dass das Wasser nur schultertief ist, aber klar, Seefalkes Tiefgang ist 1,5 Meter und wir sind gerade auf Grund gelaufen. Nach etwas Überwindung gleite ich unter das Schiff. Nach nur wenigen Sekunden komme ich wieder hoch. Habe mir böse meinen Kopf gestoßen – Holz gegen Stahl – und kann die Hand vor Augen nicht sehen. Nicht nur weil es noch ziemlich dunkel ist, sondern auch wegen des aufgewühlten Sandes.

Ich nehme die Taucherbrille ab, muss jetzt nach Gefühl tauchen, die Handschuhe ziehe ich auch aus. Es sind gute taktile Handschuhe mit eingewebtem Kevlar. Sehr effektiv gegen die scharfen Kanten der Muscheln. Aber nutzen tun sie mir jetzt nichts. Was das für meine Finger bedeutet, weiß ich schon jetzt.

Ich rutsche wieder unter das Boot und hoffe stark, dass es mich jetzt nicht einklemmt oder zerquetscht. Kein gutes Gefühl mit 13 bockenden Tonnen Stahl, die über meinem Kopf Rodeo vollführen, und ohne einen Ausweg. Aber es ist meine einzige Chance. Ich taste nach den Leinen. Ich fühle, dass sie nicht mit der Welle verschmolzen sind und auch nicht verklemmt zu sein scheinen. Mit ein bisschen Glück müsste ich sie einfach abwickeln können.

Hurrikan Gamma
Stahlketsch Seefalke (links) und eine andere Yacht in den Böen des Tropensturms Gamma © Maik Ulmschneider

Der Kampf mit dem Messer

In der Zwischenzeit arbeitet sich das Boot langsam weiter auf die Sandbank. Es krängt bedrohlich. Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich die erste Leine los und mache eine Pause. Blut läuft an meinen Finger, meinen Händen und meinen Armen entlang, aber Schmerz spüre ich nicht. Jedoch weiß ich, dass ich das nachholen werde in den nächsten Tagen. Diese Muscheln schneiden tief ins Fleisch und das Salzwasser verdoppelt das Vergnügen.

Mein Kopf muss grün und blau sein und geschwollen, aber das ist mir jetzt egal. Ich muss diese blöden Leinen da rausbekommen. Noch ein paar Mal tauchen und ich hab‘s geschafft. Zum Schluss muss ich doch noch schneiden. Es ist schwierig, nur nach meinem Tastsinn die Stelle wiederzufinden, an der ich die Leine schon angeschnitten habe. Die Leine ist zu gut oder mein Messer zu schlecht, um sie in einem Rutsch durchzuschneiden. Nach ewigen 45 Minuten kann ich mir selbst melden: „Propeller ist klar.“ Aber es ist zu spät. Der Sturm hat uns schon zu weit auf die Sandbank gedrückt. Aus eigener Kraft hier runterzukommen – unmöglich.

Hurrikan Gamma
Unfreiwilliger Liegeplatz, nachdem die Anker nachgaben: Seefalke auf Sandbank © German Pascal

Zurück im Boot kann ich von meiner erhöhten Position das Riff sehen, sehr nah und außerdem in Lee. Wenn wir uns weiter darauf zu bewegen, werden wir in ein paar Stunden über die Sandbank gerutscht sein und auf den Felsen landen.

Der Wind hat zwar etwas nachgelassen, aber trotzdem weht es noch beständig mit gut über 30 Knoten. Direkt vor uns, gerade mal 20 bis 25 Meter weg, liegt ein halb aufgetauchtes Wrack. Ein Opfer von Hurrikan Wilma, glaube ich. An normalen Tagen ist es ein Schnorchelparadies für Touristen. Heute wird es meine Muring sein, habe ich gerade entschieden. Ich schleppe meinen Primäranker durchs Wasser und verkeile ihn an einer Ecke des Wracks. Zumindest schlieren wir jetzt nirgendwo mehr hin.

Offiziell nicht zu retten

Zum ersten Mal nach vielen Stunden entspanne ich mich ein bisschen. Ich lege mich noch mal hin und versuche, eine Mütze Schlaf zu nehmen. Aber schon nach kurzer Zeit stehe ich wieder auf und rufe den Hafenkapitän per Funk. Er antwortet tatsächlich. Ich solle die Küstenwache per Telefon anrufen, er gibt mir deren Telefonnummer.

Die Küstenwache ist allerdings nicht besonders scharf darauf rauszufahren. Ob Personen in Gefahr wären. Nein, Personen sind nicht in Gefahr, nur Boote. Nein, für Boote fahre man nicht raus. Ich bin weniger als eine Meile von deren Station entfernt.

Später rufen sie zurück, sie würden doch mit zwei Rettungsschwimmern und einem großen Boot rauskommen, ich solle mich bereithalten. Eine Stunde später sehe ich das Boot und im Moment darauf zwei Männer im Wasser, die mit einer Schleppleine auf mich zukommen. Wir stellen die Schleppverbindung her und ich fiere meine Ankerkette maximal, damit wir Raum für das Manöver haben.

Dann die Enttäuschung. Der Kommandant bricht die Aktion ab. Die Böen seien zu gefährlich und die Mission bringe Mensch und Material in Gefahr. Echt jetzt? Da sind acht Segelcrews bereit, ohne Zögern mit ihren Dinghys einzuspringen, und die professionell ausgerüstete mexikanische Küstenwache, der Stolz Mexikos, macht sich wegen 30-Knoten-Böen ins rote Neopren-Hemd?

Wir brauchen mehr Power!

Meine Freunde tauchen auf, einer nach dem anderen. Das fühlt sich wirklich gut an. Am Ende sind es acht Dinghys zwischen 5 und 60 PS. Zwei davon sind YouTube-Kamera-Crews, das lässt sich in der heutigen Zeit wohl nicht mehr vermeiden. Ein Schiff ohne YouTube-Kanal gilt schon fast nicht mehr als seeklar. Erst nachdem sie ihre Aufnahmen drin haben, fassen sie mit an. Aber es zeigt sich: Wir brauchen mehr Power!

Hurrikan Gamma
Kumpel Martin kommt mit dem Motorboot zum Abschleppen © Fahrettin Eroglu

Am nächsten Tag rufe ich meinen Freund Martin an, der ein 300 PS starkes Boot organisiert. Wir bewegen Seefalke gute zwei Meter, dann ist wieder Schluss. Es ist Niedrigwasser. Das nächste Hochwasser tritt um 22:34 Uhr ein. Also wieder Abbruch. Um 21:00 Uhr geht es weiter. Es ist dunkel. Das Wasser steht circa 20 Zentimeter höher, nicht viel, aber es reicht vielleicht. Ich bekomme eine Whatsapp-Nachricht von Martin, dass sie gleich hier seien, mit 400 PS diesmal. Liam aus Australien nimmt mit seinem 60-PS-Dinghy das Fall und ist fürs Krängen verantwortlich. Martin und Marcelo mit ihren 400 Pferdestärken nehmen die Schleppleine.

Plötzlich geht ein Ruck durch das Boot

Doch wir sitzen da wie angeklebt. Liam gibt ein bisschen mehr Gas. Ich bin nun schon ein bisschen besorgt um mein Rigg, aber es ist meine einzige Chance. Die Fensterreihe liegt komplett unter Wasser. Plötzlich geht ein Ruck durch das Boot und es gleitet wie von Geisterhand geschmiert durch den Sand. Ich gebe Liam das Zeichen und er drosselt sein Schlauchboot. Seefalke richtet sich wieder auf. Wir schwimmen! Nur muss ich mich nun beeilen, das Großsegel zu bergen, weil ich mit der wiedererlangten Freiheit und vollem Segel mit atemberaubender Geschwindigkeit zum Rammstoß gegen meine Retter ansetze.

Ich höre Klatschen und begeistertes Hurra aus der Dunkelheit von den anderen Booten im Ankerfeld. Mit meinem Horn antworte ich im Takt. Nur mein Motor will nicht richtig starten. Er hat sich wahrscheinlich am Wasser verschluckt oder zu viel Sand gesaugt. Schließlich kommt er doch, anfangs noch etwas widerwillig stotternd, aber irgendwann schnurrend wie ein Kätzchen. Der alte Peugeot-Traktor-Motor, kompetent von Vetus marinisiert, ist so einfach nicht kaputt zu kriegen. Da zeigt es sich wieder: Je schlechter der Kapitän, desto besser muss das Schiff sein.

Hurrikan Gamma
Endlich sicher im Hafen © Maik Ulmschneider

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