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Routen für die Atlantiküberquerung © Public Domain
Atlantiküberquerung

Das 1×1 für den Weg über den Atlantik

Seit mehr als 1.000 Jahren überqueren Menschen den Atlantik – hier sind die skurrilsten und wagemutigsten Reisen.

Kerstin Zillmer
von in
7 Minuten | 2 Kommentare

Als Greta Thunberg am 14. August 2019 die Malizia II bestieg, um nach New York zu segeln, wurde viel darüber diskutiert, auf welche Weise die junge Schwedin den Atlantik noch hätte überqueren können. Dabei zeigte sich eine Menge Unwissenheit über die Möglichkeiten, wie sich der Ozean zwischen Europa und Amerika überwinden lässt. Wir wollen deshalb etwas Licht ins Dunkel bringen.

Es ist heute keine große Kunst mehr über den Atlantik zu segeln, vorausgesetzt man kennt die richtige Route, hat ein vernünftiges Wetter-Routing gemacht, bringt ausreichend Hochsee-Erfahrung mit und besitzt ein seefähiges Schiff. Jedes Jahr überqueren einige hundert Segelyachten den Atlantik, viele davon im Rahmen der Atlantic Rally for Cruisers (ARC).

Atlantic Rally for Cruisers

Start der Atlantic Rally for Cruisers 2018 © ARC 2018

Die beste Zeit zum Überqueren

Von den Kanaren verläuft die Route der ARC-Boote südwestwärts bis zum Passatgürtel auf ungefähr 30 bis 35 Grad Nord und dann nach Westen zu den Kleinen Antillen. Möglich ist ein Zwischenstopp auf den Kapverden wie bei der Flotillenfahrt ARC+.

Die Seereise ist rund 2.800 Seemeilen lang und dauert – je nach Schiffsgröße und Wetter – ungefähr drei bis vier Wochen. Der Start der ARC und der ARC+ ist immer Ende November. Dies ist auch die beste Zeit für Überquerungen von Ost nach West. Denn nach dem vorletzten Monat des Jahres ist auch die atlantische Hurrikansaison vorüber.

Die Winde sind in dieser Jahreszeit beständig. Denn auf rund 30 Grad Nord liegt ein Hochdruckgürtel, der zusammen mit der Tiefdruckrinne der „innertropischen Konvergenzzone“ auf dem Äquator für den stabilen Nordost-Passatwind sorgt. Damit kann man perfekt planen und reisen.

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Die Lage der innertropischen Konvergenzzone im Juli (rot) und im Januar (blau) © Public Domain

Retour über A und B, Antigua und Barbuda

Die Rückreise erfolgt häufig von Antigua und Barbuda. Meist geht es in einem großen Bogen um den besagten Hochdruckgürtel. Je nach Wetterlage kann die Crew schon etwas früher nach Nordosten abbiegen. Ist das Hoch weit nach Westen ausgedehnt, steht oft noch ein Schlag in Richtung Bermudas an.

Diese Inseln werden gerne für einen Kurzbesuch, zum Proviantieren und Nachtanken angelaufen. Weiter nach Europa geht es über die Azoren nach Portugal oder weiter nördlich durch die Biskaya nach Südengland oder Frankreich.

Dabei wird, so erklärt es float-Wetterexperte Sebastian Wache von der Wetterwelt, die Grenzwetterlage genutzt, also das stabile Hoch im Süden der Strecke und die durchziehenden Tiefs im Norden. Im Dunstkreis des Hochs ist von Vorteil, dass sich Tiefausläufer häufiger deutlich schwächer zeigen, der wünschenswerte westliche Wind aber weiter für große Etmale sorgt, also viele Tageskilometer respektive Seemeilen.

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Im Dunstkreis des Hochs sind die Tiefausläufer meist schwächer © John Baker

Gerade ab dem späten Frühjahr und frühen Sommer bietet sich der Rücktörn an. Sturm- oder Orkantiefs treten nicht mehr so häufig auf, und der Hochdruckgürtel verlagert sich etwas weiter nach Norden. Dennoch ist Törn von West nach Ost auch dann deutlich anspruchsvoller und anstrengender als mit dem konstanten Passatwind in die Karibik zu segeln. Ab dem späteren Sommer steigt dann wieder das Risiko für Hurrikans bis zum November.

Diese Routen sind seit Jahrhunderten bekannt. Sie werden auch die Routen des klassischen „Atlantischen Dreieckshandels“ genannt. Was es damit auf sich hat, erklärt ein Blick in die Geschichte.

Leif kam vor Christoph Columbus

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Der Isländer Leif Eriksson fand als erster den Seeweg nach Amerika © Public Domain

Der Erste, der laut Überlieferungen den Atlantik überquerte, war der Isländer Leif Eriksson. Der „Glückliche“ erreichte Nordamerika eher zufällig um die erste Jahrtausendwende nach Christus. Knapp 500 Jahre später, im Jahr 1492, schaffte es Christoph Columbus als offiziell Zweiter über den Atlantik.

Statt einer neuen Route nach Indien, wo der Handel mit Gewürzen viel Geld versprach, entdeckte er Amerika. Für die europäische Welt begann damit der Run auf das Gold und andere Schätze Lateinamerikas.

Seit dem 16. Jahrhundert bekam der Seehandel also eine neue Bedeutung. Die Wälder Südspaniens fielen weitgehend dem exzessiven Schiffbau zum Opfer, sagt man. Unzählige europäische Schiffe fuhren seitdem über Jahrhunderte unter Segeln über den großen Teich.

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Karte des Nordatlantiks mit Phantasie-Inseln von Abraham Ortelius 1573 © Public Domain

Mit der Entdeckung des neuen Kontinents und der Erweiterung der „bekannten“ Welt begann unter den europäischen Herrschern auch der Konkurrenzkampf um die aus ihrer Perspektive neu entdeckten Territorien. Der Seehandel spielte dabei eine entscheidende Rolle, um die Ozeane zu überwinden. Nachdem Christoph Columbus den Weg nach Amerika gefunden hatte, setzte sich im 17. Jahrhundert als üblicher Weg eines Hochseeschiffs die sogenannte „Atlantische Dreiecksroute“ durch. Deren Namensgeber war der unrühmliche „Dreieckshandel“ zwischen Europa, Afrika und Amerika.

Die Dreiecksroute

Dabei starteten die Schiffe in den europäischen Häfen und brachten Waffen, Stahl und Bronze, Tuch und Glasperlen an die westafrikanische Küste. Die Waren wurden gegen versklavte Afrikaner getauscht. Diese wurden dann unter Segeln in die Karibik verschifft und dort an Sklavenhändler verkauft.

Vom Erlös für die afrikanischen Menschen wurde Rohrzucker, Rum und Baumwolle erworben. Im Frühjahr segelten die Schiffe dann mit der Fracht in ihre Heimathäfen zurück, um sie auf dem europäischen Markt gewinnbringend zu verkaufen. Für die gesamte Route brauchten sie damals eineinhalb Jahre, je nach Heimathafen.

Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie

Ankunft der Brandenburger in Guinea © Public Domain

Auch die Deutschen haben sich am Dreieckshandel beteiligt. Die Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie mit Heimathafen in Emden handelte im Auftrag von Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg-Preußen ab 1681 an der Küste von Guinea mit Gold, Elfenbein, Getreide – und Sklaven. Diese „Waren“ wurden in Lissabon, Cadiz und „unter der Hand“ feilgeboten. Allerdings nur für kurze Zeit: 1711 wurde die Compagnie von Friedrich I. übernommen und der Handel eingestellt.

Vom Tuch zum Kessel

Die Entwicklung der Dampfmaschine machte auch der Schifffahrt Dampf. 1838 schaffte zum ersten Mal ein Dampfschiff den Weg unter Motor über den Atlantik. Es war die 700 Tonnen schwere, 320 PS starke Sirius, die den Atlantik von Cork nach New York unter Dampf und Segeln überquerte.

Als später die Teutonic als erster Hochsee-Dampfer ohne Segel die Strecke von Liverpool nach New York mit 20 Knoten Geschwindigkeit schaffte, waren die Jahre der Frachtsegler für diese Route gezählt.

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Sirius © Public Domain

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Teutonic © Public Domain

Die mächtig Kohlendioxyd ausstoßenden Stahlriesen übernahmen damit das Ruder bei den Frachtfahrten über den Atlantik. Der Aufwand zum Betreiben der Dampfkessel eines Schnelldampfers um die vorletzte Jahrhundertwende war jedoch enorm. Der Schnelldampfer Kronprinzessin Cecilie des Norddeutschen Lloyds fuhr 1907 mit der größten jemals in der zivilen Seefahrt verwendeten Kolbendampfmaschine.

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Kohlentrimmer bestücken das Schiff mit Kohle © Public Domain

46.000 PS wurden in 31 Dampfkesseln erzeugt. Die dabei täglich verfeuerten 760 Tonnen Steinkohle wurden von 118 Kohlentrimmern aus den Kohlebunkern vor die Kessel geschafft. Während jeder der drei Seewachen genannten Arbeitsschichten arbeiteten 76 Mann für die Dampferzeugung. Heute verbrennen Containerschiffe unzählige Tonnen Schweröl auf ihrem Weg über die Weltmeere, so auch über den Atlantik nach Europa. Dagegen segelt Boris Herrmann mit Greta Thunberg gerade an.

Die Klimaaktivistin hätte natürlich auch auf andere Art CO2-frei über den Atlantik kommen können. Aber nicht in der kurzen Zeit wie jetzt und bestimmt auch nicht so sicher, geschweige denn ohne eigene Segelkenntnisse und guter Vorbereitung.

Es gibt viele spannende Beispiele von Menschen, die unter großem Einsatz ihrer Kräfte den Atlantik komplett ohne C02-Emissionen überquert haben. Wir stellen einige der interessantesten Transatlantik-Überquerungen vor. Einige davon haben wir auf float auch begleitet.

Unter Segeln

Thor Heyerdahl versuchte 1969 mit einem nach dem Vorbild ägyptischer Reliefs entworfenen Papyrusboot von Safi in Marokko aus im Äquatorialstrom und im Nordostpassat Amerika zu erreichen. Die Fahrt gelang. 960 Kilometer vor dem Ziel Barbados war sein Boot noch immer schwimmfähig – aber es war dabei, sich aufzulösen. Ein Jahr später wiederholte Heyerdahl die Reise über den Atlantik und erreichte sein Ziel mit einem kleineren Schilfboot in weniger als zwei Monaten.

JONAS AND I - CROSSROADS

1970 überqueren zwei junge Finnen in einem 4,30 m Motorboot namens Psycopaatilla den Atlantik. Ihre Strecke führte von Senegal über die Kapverden nach Französisch-Guayana, insgesamt mehr als 4.000 km (2.160 Seemeilen). Der Motor fällt schnell aus, und so fahren sie unter Segel weiter, allerdings deutlich zu weit nach Süden.

Schließlich werden sie von einem Frachter aufgenommen, lassen sich nach einigen Wochen Fahrt Richtung Norden wieder aussetzen, kentern und schaffen es doch – gerade so.

Mit Muskelkraft

Bei der Talisker Atlantic Challenge starten jedes Jahr um die 30 Teams zu einer 3.000-Meilen-Tour – von Solo-Paddlern bis Viererteams. Die Teilnehmern rudern dabei von La Gomera auf den Kanaren bis nach Antigua und Barbuda in der Karibik. Der Niederländer Mark Slats ruderte 2018 immerhin knapp 2.700 Seemeilen (5.000 km) von den Kanaren zur Karibikinsel Antigua. Er schaffte die Strecke in 30 Tagen und brach damit den bisherigen Weltrekord von gut 49 Tagen.

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Mark Slats wurde Zweiter beim Golden Globe Race 2018 © Public Domain

Anschließend nahm er, gut durchtrainiert, ab Juni letzten Jahres, am Golden Globe Race teil. Er durchquerte bei dieser an Ausfällen reichen Weltumsegelung zweimal unter Segeln den Atlantik und wurde Zweiter. Janice Jakait hat 2012 schon als erste Deutsche allein und ohne Begleitboot den Atlantik in einem Ruderboot überquert.

Mit dem Daumen

Atlantiküberquerung

Lisa und Julia trampten über den Atlantik © Lisa Hermes

Julia und Lisa reisen seit fast zweieinhalb Jahren per Daumen um die Welt. Um ohne Flugzeug über den Atlantik zu kommen, sind sie von den Kanaren aus mit einem Segelschiff in die Karibik getrampt. Im Winter hitchhiken eine Menge junger Leute über den Atlantik. Ihr Startpunkt ist Gibraltar oder eine der Kanarischen Inseln auf der Barfußroute der Segler. Die heißt so, weil es auf dieser Route so warm ist, dass man die ganze Zeit barfuß an Bord sein kann.

Einhand

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Hannah Stodel bereitet sich auf die Vendeé Globe 2020 vor © Hannah Evans

Nehmen wir den Begriff Einhandsegeln wörtlich: Man kann alleine und tatsächlich nur mit einer Hand auf einem 60 Fuß langen Regattaboliden über die Weltmeere segeln. Das hat der französische Paralympics-Segler Damien Seguin auf seiner IMOCA bei der Einhand-Transatlantikregatta Route du Rhum 2018 beeindruckend bewiesen. Die Paralympics-Seglerin Hannah Stodel, mit dem gleichen Handicap, bereitet sich intensiv auf die Vendeé Globe 2020 vor. Gerade hat sie erfolgreich am Fastnet Race teilgenommen.

Mit Wellenkraft

Jean-Jacques Savin

Jean-Jacques Savin überquerte nur mit der Strömung den Atlantik © TESA

Über ihn haben zu Beginn seiner Transatlantikreise viele in den sozialen Medien gelästert, ihn verrissen, zum Idioten erklärt: Jean Jaques Savin, alias Diogenes in der Tonne, trieb von Ende Dezember 2018 bis April 127 Tage lang in einem präparierten Weinfass von den Kanaren in die Karibik – 5.800 km weit. Er hatte nicht mal einen Motor an Bord, sondern ließ sich vertrauensvoll von der Strömung über den Atlantik tragen. Er ist sozusagen gefloatet.

100 Tage im Fass auf dem Atlantik – Jean Jacques Savin DEUTSCH

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2 Kommentare

[…] Beitrag : Das 1×1 für den Weg über den Atlantik (https://floatmagazin.de/orte/das-1×1-fuer-den-weg-ueber-den-atlantik/?all=1) wird zum einen etwas auf die Geschichte eingegangen. Zum anderen aber auch auf Wetterbedingungen […]

Antwort
Friedrich Helmke /

Schön. Ich frage mich nur, wie man von Brasilien aus zurückkommt. Es war ja offensichtlich einfacher, von Rio nach Angola zu segeln als nach Portugal.

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