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Kap Hoorn

Dem Teufel ein Ohr absegeln

Warum der südlichste Zipfel Südamerikas ein Mythos ist.

von in
4 Minuten

Was Segler am Kap Hoorn erwartet, wäre eine gute Vorlage für Horrorszenarien. Windgeschwindigkeiten bis 265 km/h wurden hier schon gemessen. Kalt ist es: Ganzjährig liegen Wasser- und Lufttemperaturen um die 5 Grad Celsius. Es herrscht starke Strömung nach Osten, manchmal treiben abgebrochene Eisbergbrocken herum, und kein Land hält die Wellen auf, die über tausende Kilometer anrollen – und sich wie Hochhäuser auf über 30 Meter auftürmen können. 280 Tage im Jahr regnet es. An trockenen Tagen herrscht oft Nebel. Im Juli bläst es, statistisch gesehen, jeden dritten Tag mit mindestens 7 Beaufort, dazu kommt einmal die Woche ein Sturm. Nur im Sommer, der hier im Januar seinen Höhepunkt hat, nimmt der Wind etwas ab. Auf unter fünf Beaufort kommt er nie: Im Schnitt wehen hier dreimal die Woche über sieben Windstärken und mit Orkanen ist immer wieder zu rechnen.

(Hier eine animierte Echtzeit-Windkarte)

«Das ist eine der gefährlichsten Routen der Welt. Dort stürmt es fast immer von Westen. Es ist eiskalt, die Segel vereisen, es ist ein Albtraum.»
Dirk Jan Barreveld, Historiker.

Bis zur Eröffnung des Panama-Kanals 1914 war Kap Hoorn die einzige Möglichkeit, mit Schiffen vom Pazifik in den Atlantik zu gelangen. Oder umgekehrt, was die ganze Sache noch einmal verschlimmert, denn der Wind kommt fast immer aus Westen, und mit ihm zieht eine starke Strömung nach Osten. Die nördlich gelegene Magellanstraße ist für Segelschiffe ohne Motor keine Option: Sie ist schlichtweg zu eng und die Strömung zu stark, um sie nur unter Segeln zu durchfahren.

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900 Km bis zur Antarktis© Wikipedia

Wenn Segler den Erdball umrunden, treffen sie auf mehrere berühmte Kaps: Das Kap der Guten Hoffnung in Afrika und das Kap Leeuwin in Australien. Keiner dieser Landzipfel hat sich jedoch Schrecken, Mythos und Ehrfurcht so verdient wie das Ende Südamerikas. Schätzungsweise 800 Schiffswracks liegen hier auf dem Grund, und 10.000 Menschen sollen hier ihr Leben verloren haben. Bei Niedrigwasser sind einige Masten im Wasser zu erkennen. Selbst das stählerne Denkmal am südlichsten Ende Chiles, mit dem der verunglückten Seeleute gedacht werden soll, hat 2014 ein Sturm erwischt. Dem stilisierten Albatros, der Windgeschwindigkeiten bis zu 200 km/h überstehen sollte, brach im Sturm eine Hälfte ab. Kap Hoorn holt sich, was es will – selbst ein Denkmal aus Stahl. Aus gutem Grund nennen Seefahrer diese Breitengrade auch die “Furious Fifties”. Es verwundert kaum, dass Captain Bligh 1788 an diesem Kap scheiterte und vermutlich so die lange Geschichte der Meuterei auf der Bounty begann.

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2014 vom Starkwinde verweht: Das Kap-Hoorn-Denkmal© By Jens Bludau/via Wikimedia Commons

55° 58′ 48″ S, 67° 17′ 21″ W

Wer jemals in Skagen war, dem nördlichsten Zipfel Dänemarks, wo Ostsee und Nordsee zusammentreffen, der weiß, welche skurrilen Wellenbilder sich ergeben können, wenn Meere aufeinandertreffen. Ost- und Nordsee sind im Vergleich zum Atlantischen und Pazifischen Ozean jedoch eher niedlich. So kann man sich in etwa vorstellen, was Segler da unten erwartet. Die Temperaturen tun ihr übriges dazu. Charles Darwin sagte über Kap Hoorn: “Hier erfriert sogar der Teufel”. Bis zur Antarktis ist es etwa so weit wie von Hamburg nach München. Eigentlich ist Kap Hoorn nicht der südlichste Punkt Südamerikas. Die Diego-Ramirez-Inseln, die rund 100 km weiter im Süden liegen, hätten diesen geografischen Titel durchaus verdient. Kap Hoorn stiehlt ihnen jedoch schlichtweg die Show.

«Eine See, die fast unaufhörlich 20 Fuß hohe Wellen wirft, Regen, Schnee, Hagel und eisige Nebel, das waren die Erholungen auf Deck, wenn man sich retten wollte aus der Kajüte vor dem Gestöhne der Seekranken, der kalten dumpfen Luft, dem ekelnden Schmutze, der Nässe und der Finsterniß, welche dort herrschte.»
Ernst von Bibra, Schriftsteller und Naturforscher (1848)

Hier unten treffen kalte und warme Wasser- und Luftmassen aus Pazifik und Atlantik aufeinander. Die Wassermassen vereinen sich mit dem kräftigen Westwind zu der starken Strömung, die Luftmassen ergeben Tiefdruckwirbel. Aus den 4.000 Meter hohen Anden laufen turbulente Tiefdruckgebiete nach Süden ab und treffen sich dort am Kap mit dem schon herrschenden Chaos. Heraus kommt ein unheilvolles Gebräu, dass kaum einzuschätzen und weltweit gefürchtet ist. “Wer Kap Hoorn umrundet, hat dem Teufel ein Ohr abgesegelt”, heißt es im Seglerschnack. Viel Teufel da unten.

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Historische Karte: Tabula Magellanica (1671)

Entdecker und Namensgeber ist vermutlich der niederländische Seefahrer Willem Cornelisz Schouten, der am 29. Januar 1616 mit dem Dreimaster “De Eendracht” das Kap umrundete und es nach seiner Heimatstadt Hoorn benannte. Seitdem segelten fast 300 Jahre lang Schiffe um das Archipel. Vor allem nach dem Beginn des Goldrauschs in Kalifornien wurde die Route eine der verkehrsreichsten der Weltmeere. Die wohl längste Umrundung brauchte das Segelschiff Susanna, das im Jahr 1905 sage und schreibe 99 Tage benötigte – und davon 80 Tage mehr als 10 Windstärken ausgesetzt war.

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Die Susanna. Gemälde von Johs Holst (1964)

Ganz so lange werden die Teilnehmer der aktuellen Vendée Globe nicht brauchen. Hoffen wir, dass ihnen das Wetter gnädig ist und niemandem das widerfährt, was Jean Le Cam bei der Vendée 2007 passierte: Er kenterte mit seinem Schiff und musste lange in einer Luftblase ausharren, bevor sein Konkurrent Vincent Riou ihn retten konnte.

Dass die Passage nicht immer schrecklich sein muss, beweist ein Film über die Umrundung von 1936 auf dem Lotsenschoner „Elbe“ (Damals „Wanderbird“). An Bord: Kapitän Warwick M. Tompkins mit Frau und Kindern. Vor allem die Kinder scheinen teilweise eine recht heitere Zeit zu haben.

Seit der Eröffnung des Panama Kanals ist es am Kap Hoorn ruhiger geworden, da die Berufsschiffahrt den angenehmeren und schnelleren Weg nimmt. Seit der Eröffnung der Erweiterung des Kanals im Juni 2016 können nun Schiffe bis 14.000 Standard-Containern (TEU) die Barfußpassage nehmen. Der Club der Kaphoorniers, Internationale Bruderschaft der Kapitäne auf großer Fahrt, der aus Seglern bestand, die ohne Motor oder Hilfsmotor um das Kap fuhren, wurde 2003 mangels Nachwuchs aufgelöst. Der letzte Frachtsegler, der ohne Hilfsmotor die Passage durchfuhr, war am 11. Juli 1949 die Pamir. Das Kap wird in Zukunft also eher den Regattaseglern sowie und Kreuzfahrtschiffen gehören, die hier immer wieder vorbeikommen. Der Teufel hat also bald seine Ruhe.

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