float Magazine

Schnell ohne Welle: DN-Eissegler @ Bernd Zeiger
Eissegeln im Klimawandel

Immer dem Eis hinterher

Eissegeln ist die schnellste Art zu segeln. Doch es wird immer schwieriger, ein Revier dafür zu finden.

von
in
7 Minuten

Der Klimawandel erreicht den Sport: Eissegeln, eine der schnellsten Arten, sich auf dem Wasser fortzubewegen, wird für die deutschen Athleten immer schwieriger. Was tun die deutschen Eissegler jetzt, kurz vor der geplanten Weltmeisterschaft in Schweden? Sie warten auf die tägliche Eismeldung – und hoffen auf genug Eis.

Und sie gehen zwischenzeitlich zum Trainieren ins Exil, nach Südtirol. Doch am Reschensee, wo nach Jahren der Eisflaute die inoffizielle Deutsche Meisterschaft austragen wurde, kam es zum Unglück. Denn nicht der gesamte See war zugefroren.

Die Fakten scheinen eindeutig: Die sich verändernden Klimabedingungen, die im Sommer auch dem übrigen Wassersport zu schaffen machen, sorgen immer häufiger dafür, dass Eissegler in Deutschland immer weniger mit den idealen eiskalten Bedingungen auf den heimischen Seen rechnen können.

Drei Jahre ohne Meisterschaft

Scharfe Kufen auf blankem Eis betitelte float vor einem Jahr die Reportage über das Eissegeln. „Bald geht’s wieder los“ hieß es, nach zwei endlosen heißen Sommern. Los ging es dann anderswo – viel weiter im Norden. Was macht der Klimawandel mit dem Eissegeln?

In der Saison 2018/2019 konnte im eigenen Land nicht gesegelt werden, und auch die Deutsche Meisterschaft der deutschen DN-Flotte wurde gestrichen.

Eissegler der XV-Klasse
Eissegler Michael Oswald © Archiv International XV Ice Yacht Racing Association

Eissegler Michael Oswald muss für seinen Sport oft weit reisen, dem Eis hinterher, wie er im Gespräch mit float sagt. „Das sind schon mal hunderte von Kilometern und mehr, um in Masuren in Polen, im Baltikum, Russland, Schweden oder Finnland zugefrorene Seen zu erleben.“ Dänemark als Ausweich-Revier reicht nicht mehr.

Ein Eissegler aus Dänemark kommentiert nach Veröffentlichung des Beitrags auf Facebook: „Wir haben gerade den wärmsten Januar seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor zwei Jahrhunderten. Mein Eissegler ist jetzt seit fünf Jahren nicht mehr auf dem Eis, da die Ostsee bei meiner Insel nicht mehr zufriert. Früher war hier jeden Winter genug Eis.“

Selbst im Februar, wo eigentlich zumindest im noch einigermaßen nahegelegenen baltischen Raum meist mit zuverlässigen Eisvorkommen zu rechnen war, irrten die willigen Teilnehmer zur Euromeisterschaft 2019 durch das Baltikum. Sie fand schließlich auf dem Spirdingsee stattfand, also in Masuren. Die letzte Deutsche Meisterschaft war vor drei Jahren auf dem Bodden vor Usedom.

Das Klima verändert sich

Auf Nachfrage hat auch Bernd Zeiger aus Kiel, Landessekretär der Deutschen DN-Eissegel-Flotte, festgestellt, dass sich die ersten Regatten aus klimatischen Veränderungen um gut zwei Wochen von der 44. Woche Ende Oktober bis Mitte November verschoben haben. Und man muss weit bis nach Schweden fahren. Oft noch rund 500 km von Stockholm aus auf der E 4 in nördlichere Gebiete bis nach Falun oder Sandviken.

Eissegler der XV-Klasse
Eissegler der XV-Klasse © Archiv International XV Ice Yacht Racing Association

Früher herrschten zumindest in Polen schon früh gute Trainingsbedingungen. Nun muss man feststellen, dass sich auch hier die Kälte sehr viel später einstellt, bis zu drei Wochen. Vor Weihnachten gab es selbst in Schweden kein Eis. Und in Finnland nur auf kleineren Seen, kaum größer als die Alster in Hamburg. Sogar in Amerika, in Minnesota, hat die aktuelle Saison mit einer Woche Verspätung begonnen. Für Zeiger wird es in Zukunft ein Thema werden, Meisterschaften zu bündeln und terminlich zusammenzulegen.

Ein Diplom-Meteorologe kommt zu Wort

Deutsche Meisterschaften sollen bei uns an einem zweiten segelbaren Wochenende auf einem Revier mit einer Fläche von mindesten 3 x 3 km stattfinden. Ob es dazu kommen wird, ist sich selbst unser Kieler Wetterexperte, Diplom-Meteorologe Sebastian Wache, auf Nachfrage von float nicht sicher. Für ihn spielen hier zu viele Faktoren eine Rolle, sei es im Klima oder im Wetter.

Eissegler der XV-Klasse
Eissegler in Fiskeboda © Archiv International XV Ice Yacht Racing Association

Schaut man sich das Klimamittel für den Dezember an, so war es im abgelaufenen Jahr 2019 fast 4 Grad Celsius zu warm. Klimatechnisch hat sich in den letzten Jahren immer deutlicher gezeigt, dass sich bestimmte Wetterlagen festfahren und seltener aufgebrochen werden. So scheint sich diese aktuelle Lage mit den recht milden Werten wohl noch eine Zeit lang weiter zeigen, ist Wache sich sicher.

Warten auf kalte Luft aus Russland

Dabei kann es durchaus zwischendurch, so der Wetterexperte, auch mal kühlere Phasen geben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich nicht auch einmal ein harter Winter zeigen kann. Das käme dann vor, wenn die Wetterlage mit einem starken Skandinavienhoch so günstig ist, dass kalte Luft aus Russland und dem Baltikum zu uns strömen kann. Wenn diese Lage erst einmal anhält, dann könnte es mit Chance etwas länger so bleiben.

Eissegler der DN-Klasse in Wolzig
Eissegler der DN-Klasse in Wolzig © Archiv Deutsche DN-Eissegel-Flotte

Aber dazu spielten, so Sebastian Wache, unter anderem auch die Stratosphäre sowie eine mögliche Erwärmung dort oben zwischen 10 und 50 km Höhe ein Rolle. Die müssten sich aber schon massiv und weitreichend spätestens Anfang Januar einstellen. Nur so wäre mit einer Strömungsumkehr zu rechnen, die sich rund zwei Wochen dann auch am Boden zeigt. Dann könnte es reichen. Dazu ist es aber bisher zu warm.

Und da auch die Böden und Nord- und Ostsee Wärme speichern, dauert es dann eine Zeit lang, bis sich die Kälte so richtig durchsetzt. Die Seen frieren dann zwar schnell an, aber durchfrieren für ausreichende Tragbarkeit dauerte ja zusätzlich noch.

Eissegler XV
Europameisterschaft der XV-Klasse © Archiv International XV Ice Yacht Racing Association

„Wenn sich also diese Hochdrucklage zeigt und sich keine starken Tiefs auf dem Atlantik bilden, die das Hoch wegschieben oder aufbrechen, dann sehe ich Chancen, aber ob solch eine Hochdrucklage kommt, steht in den Sternen. Irgendwann sicherlich auch mal wieder, aber ob das noch im Winter oder erst im Frühjahr passiert, ist leider nicht abzuschätzen.“

Unglück beim Ausweich-Cup am Reschensee

Immerhin: Im Netz kann man sich über den Link Icereports schlau machen, wo es zurzeit zugefrorene Seen oder Buchten in Europa gibt. Und eine ausgeklügelte Telefonkette und die Kommunikation per Internet sorgen dafür, dass doch alle reisewilligen Regattafreunde rechtzeitig am Start sind – und am Montagmorgen wieder am Arbeitsplatz.

  • © alle: Archiv International XV Ice Yacht Racing Association

Oft fahren einige deutsche Eissegler zeitig im Winter auf den meist früh zugefrorenen Reschensee. Der auf 1.498 Meter über dem Meeresspiegel gelegene und acht Kilometer lange See liegt im westlichen Südtirol im Oberfinschgau.

Und so wählten einige Aktive letzte Woche Südtirol als Ausweichquartier, um dort auf dem Reschensee einen „Deutschland-Cup“ zu veranstalten. Keine offizielle Meisterschaft, doch immerhin waren 22 DN-Segler aus Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz gingen an den Start.

Nicht zugefrorene Mündung

Vor den entscheidenden Rennen kam es am Reschensee am letzten Freitag ein 79-jähriger Eissegler aus Deutschland zu einem Unglück, dessen Ursache auch die aktuellen Temperaturen war. Der DN-Segler war zu nahe an die nicht zugefrorene Mündung des Rojenbachs herangefahren und eingebrochen.

Da er sich nicht selbst aus dem eiskalten Wasser befreien konnte, musste er von Einsatzkräften der Feuerwehr gerettet werden. Ein Hubschrauber brachte den unterkühlten Mann ins Krankenhaus im rund 30 Kilometer Luftlinie entfernten Schlanders.

Die Weltmeisterschaften der größeren Klasse Monotype-XV finden in wenigen Tagen statt, vom 8. bis 15. Februar 2020 – irgendwo da „wo, wir Eis finden“, wie der schwedische Commodore Bernhard Rost auf der Website schreibt.

Angesichts der immer milderen Winter, die bei uns aus Mangel an zugefrorenen hiesigen Seen keine Deutsche Meisterschaft mehr zulässt – so sehen es die Statuten vor –, wird man sich bei der DN-Eissegelgemeinschaft überlegen müssen, die Deutsche Meisterschaft auch mal im Ausland stattfinden zu lassen. Die Bestplatzierten am Reschensee waren übrigens Thomas Huber, Ben Kloos (NED) und Manfred Schreiber.

XVer oder DN?

Für die Freizeit-Eissegler bei uns würde eine kurze Kältephase ja schon reichen, damit das heimische, vielleicht auch nur kleinere Gewässer zufriert. Dann kommt bei uns vor allem der schmale DN-Schlitten zum Einsatz. Dieser ist schnell aufgeriggt und wird von einer Person gefahren. Durch die Liegeposition hat der Fahrer viel Kontakt zum Element Eis, aber auch wenig Komfort.

Mehr Platz bietet ihm dagegen die Königsklasse in Europa, der XVer. Der hat Platz für zwei Personen, und doppelt so viel Segelfläche wie der kleinere DN. Der Steuermann hat – wie beim Auto – das Lenkrad in der Hand. Sein Vorschoter hat den Eissegler der Klasse XV angeschoben, auf Geschwindigkeit gebracht und nun die Großsegelschot übernommen.

Eissegeln Klimawandel
XV-Klasse auf dem Eis © Archiv International XV Ice Yacht Racing Association

Beide können aufrecht sitzen. Ein Ausblick auf die Strecke hat er nicht, da er entgegengesetzt zur Fahrtrichtung sitzt. Im Sargkisten-ähnlichenschnelleren DN-Schlitten hat dagegen nur eine Person Platz. Der Steuermann ist nicht nur gleichzeitig Vorschoter sondern auch Anschieber. Er steuert liegend und mit einer Pinne.

Immer am Wind

Egal ob XV oder DN, beide Schlitten sind schneller als der Wind. Bedingt durch die schon bei geringem Wind hohe Fahrtgeschwindigkeit sind daher praktisch alle Kurse Am-Wind-Kurse, da der Fahrtwind überwiegt. Die Schoten werden immer dicht gefahren, Kreuzen ist mit raumen Winden erforderlich und am Wind möglich.

  • © alle: Archiv International XV Ice Yacht Racing Association

Unmöglich ist hingegen ein reiner Vor-Wind-Kurs. Da würde die Eisyacht einfach stehen bleiben. Problematisch wird es auch bei Halbwindkursen, wenn der Wind zu stark wird. Dann droht die Eisyacht zu stark zu steigen. Man kann Halsen und Wenden fahren, aufgestoppt wird gegen den Wind und bei zu tief gefahrenen Kursen kommt man auch zum Stehen. Eine Bremse gibt es nicht.

Seit 400 Jahren unterwegs

Eissegeln gibt es nachweislich seit mindestens 400 Jahren. Die ersten Eissegler waren holländische Fischer, die unter ihre Boote Kufen montierten, um mit diesen Schlitten viele Kilometer über das Wattenmeer zum Fischfang und abends wieder nach Hause zu segeln. In den baltischen Republiken und bei uns gibt es das Eissegeln seit weit mehr als 100 Jahren.

Die Eissegler-Klassen entstanden 1932, als Erik von Holst den XVer konstruierte. Der 1894 in Estland geborene Erik von Holst gründete 1940, also in dunkelster Zeit, auch die Baltische Segler-Vereinigung in Deutschland, dessen Kommodore er bis 1945 war. Über 200 Yachten wurden seinerzeit in kürzester Frist gebaut.

  • © Archiv International XV Ice Yacht Racing Association
  • Eissegeln auf dem Müggelsee 1929 © Bundesarchiv
  • © Archiv International XV Ice Yacht Racing Association

Als Baumaterial kommt beim XV-Segelschlitten Holz zum Einsatz. Kohlefasern und GFK sind nicht erlaubt. Die Kufen sind aus Stahl, früher wurde hier auch Bronze verwendet. Die Segelfläche des XV-Eissegelschlittens (Mindestgewicht: 205 kg) beträgt bei einer Rumpflänge von 7,50 m und 4,20 m Breite 15 Quadratmeter, die Masthöhe 7,20 m.

Zu empfehlen ist diese Eisyacht vor allem Seglern, die sich im relativ engen DN-Schlitten nicht mehr wohl fühlen, aber noch die nötige Power zum Eissegeln haben. Allerdings ist es ein Gemeinschaftsprojekt, einen XVer zu segeln, da allein schon für das Aufriggen viel Kraft gebraucht wird.

Der kleinere und – zumindest für größer gewachsene und ältere Menschen – unbequemere DN-Schlitten ist hier zu Lande inzwischen weiter verbreitet als der XV. Das Segelgerät entstand 1937 auf Initiative der amerikanischen Tageszeitung Detroit News – deshalb der Modellname DN.

Mein Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Reklame
Reklame