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Diese Weltkriegsbombe liegt in nur etwa fünf Meter Wassertiefe vor der Kieler Förde © Jana Ulrich Diese Weltkriegsbombe liegt in nur etwa fünf Meter Wassertiefe vor der Kieler Förde © Jana Ulrich
Umweltschutz

Explosiver Gruß vom Meeresgrund

Auf dem Boden von Nord- und Ostsee liegt das explosive Erbe der Nazizeit. Jede Weltkriegsbombe ist bis heute gefährlich.

von
Thomas Stasch
und in
5 Minuten

Die Seenotretter griffen zum Fernglas: Was trieb da an diesem trüben Oktobertag 2021 nördlich vom Darßer Ort in der Ostsee? Nur eine alte Mülltonne – oder eine Weltkriegsbombe oder anderer Überrest vergangener Kriege? Der Rettungskreuzer „Nis Randers“ verständigte die Behörden. Die Besatzung eines herbeigerufenen Zollboots bestätigte dann den Verdacht: Das Objekt war ein Torpedo des Typs 53 aus sowjetischer Fertigung.

Ein böser Gruß aus vergangenen Zeiten. Eine U-Boot-Waffe dieses Typs versenkte unter anderem auch das Flüchtlingsschiff „Wilhelm Gustloff“ 1945. Das größte Einzel-Schiffsunglück der Geschichte kostete 9000 Menschenleben. Für den Fund vor Darßer Ort konnten die Behörden indes Entwarnung geben: Das Treibgut hatte keinen Sprengkopf mehr, es war nur die Antriebseinheit. Der halbe Torpedo wurde in Schlepp genommen und später verschrottet.

Weltkriegsbombe
Der treibende Torpedo wurde zum Hafen …
Torpedorest im Hafen Darßer Ort
… Darßer Ort geschleppt © Hauptzollamt Stralsund

Nicht immer gehen solche Begegnungen mit der kriegerischen Vergangenheit gut aus: Regelmäßig taucht Militärschrott in den Netzen von Fischern auf. Oder er verhakt sich in Ankern. Oder die Wellen treiben ihn ans Ufer. Weltkriegsbomben und -granaten liegen zu Tausenden an vielen Stellen der Nord- und Ostsee. Explosive Zeitzeugen, die immer noch so gefährlich sind wie vor 75 Jahren. Was tun, wenn so eine Weltkriegsbombe am Anker hängt?

„Sofort die Polizei anrufen“, sagt Hans-Jörg Kinsky vom Kampfmittelräumdienst Schleswig-Holstein. Ist das explosive Objekt schon auf Deck, zum Beispiel im Netz, hilft nur kaltes Blut. Hängt es am Anker, solle man versuchen, es wieder am Grund abzusetzen. „Im Zweifelsfall muss der Skipper dann auf den Räumdienst warten, da man ja nicht weiß, ob das Ding noch weiter dranhängt“, so der Experte gegenüber float.

Position melden und andere warnen

Ob nun als Taucher unter oder als Bootsfahrer über Wasser, grundsätzlich gelte für Munitionsfunde auf See das Gleiche wie an Land: Nicht anfassen, schon gar nicht bewegen! Position merken, Meldung machen, andere warnen. „Für Fischer kann das sogar einen Verdienstausfall bedeuten, wenn die etwas im Netz haben“, sagt der Mann vom Kampfmittelräumdienst.

Der Kampfmittelräumdienst beim Entschärfen alter Munition
Der Kampfmittelräumdienst beim Entschärfen alter Munition © LKA Schleswig-Holstein

Für Schäden durch alte Weltkriegsbomben, ob nun durch Detonation oder Kollision, kommt die Kaskoversicherung einer Yacht übrigens nicht auf. „Schäden durch Kriegsmitteleinwirkung sind nicht gedeckt“, so Holger Flindt vom Yachtversicherer Pantaenius zu float. Allerdings können sich Eigner diesen speziellen Schutz dazukaufen, die Mehrkosten betragen maximal zwanzig Prozent zum Kasko-Beitrag.

Brandwunden durch Phosphor-Reste

Besonders mörderisch: die Reste von Brandbomben. Wer den so genannten „falschen Bernstein“ auffischt oder aufhebt und in die Tasche steckt, riskiert schwerste Verletzungen. Es handelt sich um weißen Phosphor, essentieller Bestandteil der gefürchteten Brandbomben. Er entzündet sich bei Raumtemperatur in Reaktion mit dem Sauerstoff der Luft von selbst, erreicht dann Temperaturen von 1300 Grad Celsius.

Strandspaziergänger beobachten mitunter Brände von trockenem Seegras nahe der Brandungszone. Wer das für Auswirkung von Sonnenstrahlen auf Glasresten hält, liegt zumeist falsch. Angespülter Phosphor kann so etwas verursachen. Die meisten Altlasten stammen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Reste von Nazi-Deutschlands Arsenalen mussten schnellstens entsorgt werden. Man kippte sie ins Meer oder versenkte gleich ganze Schiffe, die es als Ladung führten.

Riesige Mengen kippte man ins Meer

Was heute fassungslos macht, erklärte sich damals aus der schieren Menge: Etwa 70.000 Tonnen chemische Kampfstoffe lagerten um Kriegsende in Deutschland. Dass die Nazis sie nicht eingesetzt hatten, grenzt an ein Wunder. Aber die Massenvernichtungs-Munition musste anschließend schnell verschwinden. Für die Entsorgung von Nervengiften gab es damals noch kein Konzept. Daher entschlossen sich die Siegermächte, sie zu versenken. So geschah es auch mit konventioneller Munition in noch erheblich größerem Umfang.

Weltkriegsbombe
Transport der Bomben … © amucad.org
Weltkriegsbombe
… und ihre Verklappung im Meer © amucad.org

Insgesamt landeten in der Nachkriegszeit auf diesem Wege rund 1,6 Millionen Tonnen Kriegs-Müll in der Nord- und Ostsee. Seit über 70 Jahren verrotten nun Tausende und Abertausende Sprengkörper mit tödlichem Inhalt in Tiefen zwischen zehn und über tausend Meter. Wie das Beispiel vom „falschen Bernstein“ zeigt, verschwindet das Problem damit nicht einfach. Auch im Wasser geht die böse Saat auf: So ist der Sprengstoff TNT, den die Deutschen im Krieg verwendeten, giftig und krebserregend.

Auch Quecksilber und andere Schwermetalle sickern aus durchgerosteten Granaten in den Grund, verseuchen das Wasser und beschädigen Tier- und Pflanzenwelt. In der Nähe der Versenkungsgebiete misst man seit Jahrzehnten eine erhöhte Konzentration dieser Substanzen. Mehrere Studien haben nachgewiesen, dass Muscheln und anderen Meeresbewohner Giftstoffe aus Weltkriegsbomben und deren Abbauprodukte aufnehmen und in ihren Körpern anreichern. So kommt der Krieg zum Menschen zurück, womöglich schon seit längerer Zeit.

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Die Karte zeigt die Flächen, an denen sich Munitionsaltlasten befinden © amucad.org

Chemiemunition liegt in der Ostsee

Die Konzentration ist nicht gleich stark: In der Nordsee wurde mit rund 1,3 Millionen Tonnen der Löwenanteil der Sprengmunition verklappt, in der Ostsee hingegen fast alle Chemiewaffen, nämlich 5000 Tonnen allein im deutschen Hoheitsgebiet. Die Masse verschwand im Skagerrak, nachdem die norwegische Regierung seinerzeit ihre Genehmigung gab.

Immer wieder kommt es zu Unfällen, wenn die Wiedergänger vom Meeresgrund auferstehen und mit der Gegenwart kollidieren: „Durch Zwischenfälle mit Munition […] sind in Nord- und Ostsee mindestens 418 Deutsche ums Leben gekommen und 720 teils schwer verletzt worden“, meldete die schleswig-holsteinische SHZ 2016.

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Böse Bodenschätze – stilisierte Graphik des Militär-Mülls © Norwegian Defence Research Establ. (FFI)

Was passiert, wenn eine uralte Weltkriegsbombe am Meeresgrund undicht wird und der Kampfstoff entweicht? „Ich würde nicht unbedingt empfehlen, in einem Munitionsversenkungsgebiet zu angeln“, sagt der Umweltbiologe Stefan Nehring aus Koblenz. Wassersportler kennen diese Gebiete: Auf Seekarten sind sie als „unrein“ ausgewiesen.

Seekarten sind nicht sehr präzise

Die Gefahr direkter Vergiftung bestehe jedoch nicht: Die Kampfstoffe in den Waffen seien in der Regel flüssig oder fest, entweichen also nicht direkt an die Oberfläche. Doch eine Aufnahme über Speisefisch ist möglich. Ein Problem: Niedersachsen hat vor mehr als zwanzig Jahren die Flächenangaben der damaligen Müllkippen im Meer auf den Seekarten verkleinert. Auslöser waren Untersuchungen am Rand dieser Zonen, die keine Munition zutage förderten.

Doch kürzlich wurden beim Bau der Windparks die Stromleitungstrassen jenseits dieser „unreinen“ Gründe geplant – und dabei stieß man auf Munition. Vielleicht ist vieles versandet, vielleicht hat man zuvor nicht gründlich genug gesucht. Jedenfalls muss davon ausgegangen werden, dass deutlich mehr Gebiete unrein sind, als wir heute in den Seekarten sehen.

Hinzu kommt: Während der Törns zu den Versenkungsplätzen sei auch immer wieder Munition unterwegs über Bord gefallen oder geworfen worden. Man kann also auch jenseits „unreiner“ Zonen nicht zu hundert Prozent sicher sein, dass sich keine Kriegs-Reste unter dem Boot befinden. Das erfahren auch die Betreiber von Offshore-Windparks: Kabeltrassen müssen sie auf eigene Kosten von versenkten Weltkriegsbomben beräumen.

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Bis 2040 soll die Energiegewinnung auf hoher See deutlich wachsen © CC BY-SA 4.0

Entsorgung Teil der Regierungspläne

Diese Aufgabe wächst, denn bis 2040 soll die Energiegewinnung auf hoher See deutlich wachsen. Allein die installierte Leistung in Offshore-Windparks soll sich im Vergleich zu heute verfünffachen. Hoffnung macht die Ankündigung der Bundesregierung, das Problem anzugehen: Eine Beteiligung vom Bund an den Kosten der Munitionsberäumung ist Bestandteil der aktuellen Koalitionsverhandlungen, berichtete kürzlich das Flensburger Tageblatt.

Ist die Finanzierung erst gesichert, könnte die Bergung und Entsorgung der Altlasten schon 2024 beginnen. Der Rüstungskonzern Thyssen-Krupp hat dafür kürzlich eine Hochsee-Plattform vorgestellt, die diese Aufgabe auf industriellem Niveau erledigen soll. Es bleibt eine Mammutaufgabe: Bis alle Weltkriegsbomben vom Seegrund entfernt sind, dürften Jahrzehnte vergehen.

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