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Hamburg Summer Classics © Pepe Hartmann
Klassiker

Hack auf der Alster

Bei den Hamburg Summer Classics forderte Starkwind Segler und Material. Nicht jedes der klassischen Holzboote kam durch.

von
Tommy Loewe
in
6 Minuten

Dunkel dräuende Wolken verfinstern den Himmel über der Alster. Gerade geht die zweite Wettfahrt der Hamburg Summer Classics zu Ende. 60 hatten gemeldet, 56 waren zumindest angetreten – alles Holzboote, die meisten super-gepflegt. Glänzender Lack auf Vollholz in der Sonne vom 12 Fuß-Dinghy bis zum 5,5er. Doch die Sonne schien am Samstag nur etappenweise.

Immer wieder zogen garstige Böen bis 25 Knoten über das Feld hinweg. Es war einfach nicht der richtige Wind für Holzjollen. So mussten während der ersten Wettfahrt 19 Skipper die Segel streichen und aufgeben, sofern sie das freiwillig konnten.

Hamburg Summer Classics
H-Jolle mit Skipper im Bach © Pepe Hartmann

Wenn wir Regatta segeln, wollen wir auch mit Spinnaker segeln. Wenn man den in einer 6-Beaufort-Böe nicht unter Kontrolle bekommt, liegt die Berliner H-Jolle im Bach. Aufrichten – die Erfahrung hat das Volumen der Auftriebskörper über die Jahre drastisch erhöht –, mit zwei Eimern halb leer schöpfen und den Rest über die Elvström-Lenzer heraussegeln. Alles kein Problem. Das Wasser ist warm im August. Allein, das Rennen ist gelaufen.

Hamburg Summer Classics
Zwischen den Böen schönstes Sommer-Segeln © Pepe Hartmann

Eindeutiger Fall von zu wenig Auftrieb

So bleibt der Skipper der H-Jolle zum Leidwesen der Vorschoterin am Steg und sieht sich das zweite Rennen des dezimierten Feldes vom Steg aus an. Und siehe da: Strahlend blauer Himmel, ein frischer Wind von 4 Beaufort, alles easy, und er ärgert sich, nicht doch gestartet zu sein. Doch dann geht die Wettfahrt zu Ende, die meisten der schnelleren Boote sind schon im Hafen, als der Himmel sich verfinstert.

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Hamburg Summer Classics
Pirat als U-Boot nach dem Zieleinlauf © Tommy Loewe

Es sieht aus, als wolle Petrus den übermütigen Seglern richtig eins überbraten – und das tut er dann auch. Schaumkronen kräuseln sich auf der sonst glatten Alster. Es pfeift aus allen Löchern, und die letzten auf der Bahn haben schwer zu kämpfen. Ein Pirat schafft es nur mit Müh und Not um die Känguruh-Flagge, die die Ziellinie markiert, herum – schon halb im U-Boot-Modus. Da kommt die Knockout-Böe und er geht vollends auf Tiefe. Eindeutiger Fall von zu wenig Auftrieb.

Ja, die 27. Auflage der Summer Classics hatte es in sich. Der Hamburger Segel-Club (HSC) mit seinem Team um Wettfahrtleiter Johann-Nikolaus Andreae hat sich alle Mühe gegeben, den Gästen ein tolles Programm auf dem Wasser und an Land zu bieten. Genügend Rettungsboote waren auch auf dem Wasser. Als der Autor im Bach lag, waren gleich drei RIBs zur Stelle, auch der Pirat war schnell geborgen, die Segler in Sicherheit und nicht unterkühlt. Für das Wetter kann ja keiner etwas.

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Die SC-Flotte vor Hamburger Kulisse © Pepe Hartmann

Vor der Wettfahrt in die Kirche

Der unvergessene Horst Reuter, mit seiner Frau Hilke lange Jahre Herz und Seele der Hamburg Summer Classics, sei – so geht die Legende – jedes Mal vor der ersten Wettfahrt in die Kirche gegangen. Er habe Petrus gebeten, doch gnädig mit den Seglerinnen und Seglern zu sein, was dann meistens auch geklappt hat.

So trennt sich jedenfalls die Spreu vom Weizen. Echtes Segeln hört ja nicht bei vier Windstärken auf. Und die, die durchgehalten haben, waren glücklich und konnten hinterher von tollen Surfs erzählen. Hans Dominik, mit 82 Jahren ältester Teilnehmer mit seiner BB 17 „Pujatz“, hat schon viel erlebt in seinem Seglerleben. Er ist tough, aber auch er hatte nach der ersten Wettfahrt an diesem Sonnabend genug.

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70 Jahre Erfahrung: Regatta-Veteran Hans-Dominik © Tommy Loewe

Seine Mitsegler Bruno und Klaus, auch schon mit viel Alsterwasser auf der H-Jolle gewaschen, waren nicht traurig darüber. Man muss ja auch an das Material denken. Schnell hat man jemanden gerammt, wenn man das Boot nicht mehr richtig kontrollieren kann. Übrig bleiben gemischte Gefühle: Hätte ich nicht doch… so schlimm ist es doch nicht… du kannst doch segeln…

Respekt gebührt den Youngstern in der Flotte. Benjamin Frahm mit Vorschoter im HSC-Micky-Boot hält drei Rennen wacker durch. Ebenfalls im Micky-Boot unterwegs sind Lena und Femke aus Cuxhaven. Sie hatten das ehemalige Regatta-Einsteigerboot von Lehfeld im Rahmen eines Schulprojekts restauriert – dafür gab es den Restaurierungspreis.

Respekt für die Youngster

Sie konnten die erste Wettfahrt auf Platz 32 beenden. Bei der zweiten Wettfahrt riss bei einer Havarie das Groß, und ihr Kahn nahm Wasser ohne Ende. Alles wurde schnell repariert. Am Sonntag traten sie guten Mutes wieder an – und landeten im Bach. Gute Laune hatten sie trotzdem.

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Lena und Femke: Micky U-Boot mit Fuß-Antrieb © Pepe Hartmann

Und dann ist da noch Manfred Götz aus Bayern. Von 27 Summer Classics hat er bestimmt an der Hälfte teilgenommen. Er hat die 70 überschritten und hält sich durch Eis- und Strandsegeln fit. Nebenbei kellnert er noch bei seinem Lieblingsitaliener, damit’s ihm nicht fad wird am Chiemsee. Einmal im Jahr packt er dann sein Zeug zusammen, die Plätte auf den Trailer, ein „Tragerl“ bayerisches Bier in den Kofferraum, und ab geht‘s in den Norden. Verwandte und Freunde besuchen und a bisserl segeln.

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Manfred Götz © Tommy Loewe
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auf seiner Chiemsee-Plätte La Terza © Tommy Loewe

Immer die Drachen

Auch ihm waren die Bedingungen zu hart. Er möchte sich und „La Terza“ das nicht wieder antun. Als Gewinner der Summer Classics 2017 musste er sich diesmal trotz vier beendeter Wettfahrten mit Platz 23 begnügen. Er hatte auch immer Stress mit den Drachen, die ihm erst die Vorfahrt und dann in die Zange nahmen. Nächstes Jahr ist er bestimmt wieder dabei.

Überhaupt, diese Drachen! Wunderschöne Schiffe, gemacht um bei viel Wind auch noch unter Spi ohne Stress zu segeln. Sieben an der Zahl, segeln sie ein Rennen unter sich – ihre spitzen Bugs immer auf Höhe der Jollensegler. Da wird auch mal aus Versehen einer der Segler aus seinem Boot gekickt – zum Glück ohne Schaden. Aber die Wettfahrt war für den Drachen wie für die Jolle gelaufen.

Am Samstagabend fanden sich alle bei leichter Brise und sommerlichen Temperaturen auf der Terrasse zu Buffet und Musik. Es wurde auch ein bisschen geschwoft, aber der Tag war doch recht fordernd, und so zogen um 23 Uhr die Letzten in die Koje.

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Kentersicher: Tommy mit Florian und Andreas auf dem Drachen La Bella © Gert Breitbart

Der Mast kommt runter

Am Sonntag lachte die Sonne bei moderaten 4 Beaufort. Die Böen ließen aber nicht lange auf sich warten. Sie knallten rein wie am Vortag, diesmal allerdings ohne Vorankündigung durch schwarze Wolken. Am Start sind immerhin 38 Boote bei einer kurzen Wettfahrt über 30 Minuten im Känguruhstart-Verfahren. Der Langsamste startet zuerst, hat eine genau vorgegeben Startzeit, entsprechend der angekündigten Länge der Wettfahrt in Minuten. So haben theoretisch alle die gleichen Chancen, als Erster im Ziel anzukommen.

Diese Wettfahrt hatte es ebenso in sich: Drei Kenterungen und ein Ruderbruch. Letzteres machte Dirk und Basti, die auf ihrer 15er Rennjolle (M-Jolle) „Aeumorphia“ um den Sieg kämpfen, einen Strich durch die Rechnung. Immerhin gibt es Platz 6 am Ende.

Den letzten Start haben sich nur noch 26 Skipperinnen und Skipper angetan. Glücklicherweise geht die Serie trotz zeitweiligen Starkwinds ohne größere Blessuren und Materialschäden über die Bühne der Außenalster. Ganz zum Schluss auf der Zielgeraden erwischte es dann doch noch Ariane und Stefan auf der Seezunge „Engoulevent“. Ohne Grund und Vorankündigung kam die Masthälfte oberhalb der Gaffel von oben.

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Gewinner Julius auf Vollholz im Match mit dem 2. Daniel auf Frida © Pepe Hartmann

Der schwarze Spi steht wie eine Eins

Gewonnen hat Julius Hahne mit Vorschoter auf dem Piraten „Vollholz“ von 1955. Ihr schwarzer Spi stand bei jedem Wind wie eine Eins. Hart verfolgt wurden sie nur vom HSC-Vorsitzenden Daniel Baum mit Jan auf der Elb-H-Jolle „Frida“ von 1949. Auch er hat sein Boot bei jedem Wetter im Griff und ist trotz Oldtimer-Status bestens ausgerüstet. Auf Platz 3 („Marotte“ gesteuert von Christiane Bruhns), 4 und 7 folgen auch schon die Drachen – es war Kielboot-Wind. Vorjahres-Sieger Claas Wördemann auf seiner O-Jolle wurde Fünfter (alle Ergebnisse).

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Lyö-Jolle, gebaut von Jan Vogt © Tommy Loewe

Ganz ruhig angehen ließ es Jan Vogt mit seiner Lyö-Jolle. Ein wunderschöner Neubau, traditionell aus Lärche geklinkert gebaut – und damit startberechtigt. Ursprünglich an der Schlei zu Hause, ist er vor ein paar Jahren auf die kleine Insel Lyö gezogen. Dort baut er seine Jollen und Dinghies aus deutscher Eiche und Lärche und kanadischem Sitka-Spruce. Er wollte seiner Freundin mal Hamburg zeigen – und sehen, wie sich seine Jolle auf der Alster fährt. Fazit: Ein tolles Wochenende für Windfans.

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