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Gruppenbild mit Käpt'n: Karl Nauer (Mitte) an Bord des Postdampfers Sumatra, umgeben von seiner Mannschaft © Museum Obergünzburg Kapitän Karl Nauer (Mitte, ca. 1910) an Bord der Sumatra mit seiner Crew © Museum Obergünzburg
Norddeutscher Lloyd

Heiße Eisen aus Ozeanien

Der Norddeutsche Lloyd verband einst Kaiserreich und deutsche Kolonien im Pazifik. Jetzt wird diese Episode erforscht.

von
Michael Krieg
in
7 Minuten

Karl Nauer war ganz offenbar fasziniert von der Kultur Neuguineas: Der langjährige Kapitän des Dampfers „Sumatra“ vom Norddeutschen Lloyd sammelte zehn Jahre lang fast ununterbrochen. Für sich selbst, aber auch für Auftraggeber erwarb er unzählige Erzeugnisse der Eingeborenen: Kultgegenstände, Schmuckstücke, Waffen, Werkzeuge.

Wenige Jahre darauf stiftete der Seemann seine Sammlung der bayerischen Gemeinde Obergünzburg, aus der er stammte – 1.500 Objekte, darunter gut die Hälfte Waffen. Dazu gehören Speere, 400 Pfeilspitzen, Dolche, Speere. Aber auch heikle Stücke: So riet Nauer in einem Schreiben an die Heimat davon ab, manches öffentlich auszustellen, zum Beispiel „meine Prachtkerle mit ihren außergewöhnlich stark veranlagten Genitalien“.

Weltkarte mit den Schifffahrtslinien des Norddeutschen Lloyd
Frühe Globalisierung: Weltkarte mit den Schifffahrtslinien des Norddeutschen Lloyd © DSM

So wie Karl Nauer taten es viele in der kurzen deutschen Kolonial-Ära von 1884 bis 1919. Mit Geld, Tauschmitteln, aber oftmals auch Gewalt brachten Kaufleute und Kapitäne im Kaiserreich kulturelle Artefakte der kolonisierten Völker in ihren Besitz.

Viele solche Dinge schlummern noch heute in musealen Depots, anderes in den Archiven der Universitäten – Schätze, die inzwischen das Potenzial zu heißen Eisen haben, denn ihr kolonialer Hintergrund wird mehr und mehr kritisch beleuchtet. Das Deutsche Schifffahrtsmuseum (DSM) in Bremerhaven hat sich jetzt zum Ziel gemacht, die Rolle des Norddeutschen Lloyd im Kolonialismus während des Deutschen Kaiserreichs zu untersuchen.

Eine der größten Reedereien der Welt

Die Reederei aus Bremen, die 1970 mit der Hamburger Hapag zur heutigen Hapag-Lloyd AG fusionierte, war damals die zweitgrößte der Welt. Ein Teil ihres Aufstiegs verdankt sie dem Imperialismus: 1885 richtete der Norddeutschen Lloyd im Auftrag der Reichsregierung die ostasiatische und australische Reichspostdampferlinie ein.

Die Ausschreibung resultierte aus dem Bedarf nach Verkehrsverbindungen zwischen Mutterland und den neuen Territorien – mit regelmäßigem Fahrplan, schnellen Fahrten und definierten, auf jeder Fahrt einzuhaltenden Zwischenstationen.

Exotik in Oberbayern: Das Museum Obergünzburg beherbergt die Sammlung von Kapitän Nauer
Exotik in Oberbayern: Das Museum Obergünzburg beherbergt die Sammlung von Kapitän Nauer © Museum Obergünzburg

Ab 1905 ging es sogar bis nach Australien, damals dem britischen Empire angehörig. Was man seinerzeit unter schnellen Reisen verstand: Mit 11,5 Knoten Geschwindigkeit ging es von Bremerhaven ans andere Ende der Welt. Für die über 13.000 Seemeilen war eine 50-Mann-Besatzung ohne Zwischenstopp über die Suezkanal-Route nach Sydney gut 48 Tage unterwegs.

Angetrieben wurden die Frachter seinerzeit von einer Vierfachexpansions-Dampfmaschine mit 3.200 PS. Zum Vergleich: Heutige Containerschiffe sind, mit teilweise über 60.000 PS motorisiert, mehr als doppelt so schnell.

Umstrittene kolonialzeitliche Sammlungen

Die Geschichte von kolonialzeitlichen Objekten ist derzeit ein gesellschaftlich und politisch umstrittenes Thema. Die Debatte um Rückforderungen und eine kritischere Sicht auf den damaligen Erwerb hat dazu geführt, dass viele Wissenschaftler ihre lang gehegten Schätze zunehmend neu bewerten.

Gneisenau Kombifrachter Norddeutscher Llyod
Mit 21 Knoten nach Shanghai: fuhr die Gneisenau ab 1935 im Ostasiendienst © NDL

Das Deutsche Schifffahrtsmuseum, das als Leibniz-Institut für Maritime Geschichte zur Leibniz-Gemeinschaft gehört, wird nun mit einem gezielten Forschungsprojekt seinen Beitrag liefern, um Licht in bisher Unerforschtes zu bringen. Außerdem möchte man auch unter maritimen Museen eine Debatte um kolonialzeitliches Sammlungsgut anstoßen.

Gefördert wird das Projekt durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste. Die mit Sitz in Magdeburg angesiedelte Stiftung – getragen von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden – befasst sich seit drei Jahren unter anderem mit Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Zeiten. Schwerpunkt der Arbeit sind übrigens die NS-Raubkunst und die Kulturgüter, die in der DDR Bürgern zur Devisenbeschaffung weggenommen wurden.

Pfahlhaus im Bremer Überseemuseum
Exotische Ausstellungsstücke: Pfahlhaus aus Ozeanien im Bremer Überseemuseum © DSM

Involviert in den Transfer waren ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem europäische Militärs, Wissenschaftler und Kaufleute. Hauptsächlich sie brachten diverse Kultur- und Alltagsobjekte aus den damaligen Kolonien in ihre Heimatländer.


Der Erwerb, ob nun gekauft, getauscht oder geraubt, und wie sie in die aufnahmebereiten Institutionen gelangten, wird inzwischen weltweit untersucht. Bei den Forschungen geht es hauptsächlich um die Kolonien und Einflusszonen des Kaiserreichs in Ostasien und Ozeanien.

Deutsche Kolonien im pazifischen Ozean

Werbeplakat des Norddeutschen LloydWeltreisen von New York bis Ostasien: So warb der NDL vor 100 Jahren © DSM

Es beginnt im 16. Jahrhundert. Portugiesische Seefahrer entdecken die Küste Neuguineas. Die Insel liegt in der Nähe des Äquators nördlich von Australien. Für die Europäer ist diese ferne Welt aber zunächst noch wirtschaftlich uninteressant.

Das ändert sich erst Mitte des 18. Jahrhunderts – mit dem lukrativen Handel sowohl für die einheimische Bevölkerung als auch für westliche Händler. Exportiert werden Walfangprodukte, exotisches Sandelholz und Kopra, das Mark der Kokosnuss.

Mitte des 19. Jahrhunderts erreichen immer mehr Abordnungen europäischer Länder die Region und werben Einheimische für die Arbeit auf Plantagen in Australien an – mal mit List, mal mit Gewalt, mal mit legislativem Druck. Ein 1872 geschaffenes Gesetz zum „Schutz pazifischer Inselbewohner“ wird auch von deutschen Kapitänen gelegentlich unterlaufen.

Plantagengesellschaften brauchten billige Arbeitskräfte

Überdies brauchen die Plantagengesellschaften zunehmend billige Arbeitskräfte. Wirtschaftlicher Hintergrund: Die Region wird mehr und mehr auch für deutsche Handelsfirmen und so für das Deutsche Kaiserreich interessant.

Dampfer Roon Deutsches Schifffahrtsmuseum
Platz für 2200 Passagiere: Der Reichspostdampfer Roon unternahm 24 Ostasien-Reisen © DSM

Um Konflikte durch die erhobenen kolonialen Gebietsansprüche zu vermeiden, teilen ab 1884 die Europäer die Welt unverhohlen unter sich auf. Davon profitiert auch das deutsche Reich, dessen segelbegeisterter Kaiser Wilhelm II. die Flotte ausbaut und ein globales Imperium anführen will. So werden ihm in Ozeanien der Nordosten Neuguineas (Kaiser-Wilhelms-Land), das Bismarck-Archipel, die nordwestlichen Salomonen mit den Inseln Buka, Bougainville, Choiseul und Ysabel als deutsche Besitzungen zugesprochen.

Seekarte Ozeanien Australien Deutsches Schifffahrtsmuseum
Eine Seekarte zeigt die deutschen Kolonien in Ozeanien und im Vergleich dazu das Deutsche Reich © DSM

Später kommen mit den Marshall- und der Gilbertinsel, den Karolinen-, Marianen- und Palauinseln wie die samoanischen Inseln Upolu und Savai’i noch weitere Gebiete dazu. Der Name der neuen Kolonie: Deutsch-Neuguinea.

All das ist nur zu verstehen im damaligen kolonialen Selbstverständnis: Man verfügte weitgehend frei über die außereuropäischen Territorien, ohne der einheimischen Bevölkerung ein Recht auf Mitsprache oder gar Selbstbestimmung einzuräumen. Motivation war vor allem die reale technologische und vermeintliche kulturelle Überlegenheit, aus der Überheblichkeit wurde.

Überlegenheit und Überheblichkeit

Hinzu kamen wirtschaftliche Trends: Unternehmer suchten neue Märkte und versuchten, andere davon auszuschließen. Viele Objekte in den Sammlungen stammen aus der Zeit des Kaiserreichs. Eben deren koloniale Zusammenhänge, Ursprünge und die Geschichte ihres Besitzwechsels sind bislang ungeklärt.

Das Überseemuseum in Bremen
Vor 125 Jahren wurde das Überseemuseum in Bremen eröffnet © DSM

So soll am Beispiel von Pazifiksammlungen, die im Zusammenhang mit dem Norddeutschen Lloyd stehen, die Rolle der Reederei untersucht werden, die diese während des Kaiserreichs bei der Entstehung vereinnahmte und nach Deutschland brachte.

Die zu erwartenden Ergebnisse des Forschungsprojektes könnten eine neue Sicht auf die damalige Entstehung der naturkundlichen und ethnologischen Sammlung schaffen. Aber nicht nur auf die im DSM. Auch Universitäten profitierten damals vom Import außereuropäischer Objekte per Schiff. Ein Ziel des Projektes ist es also auch, zu rekonstruieren, auf welchen Wegen diese Objekte nach Europa kamen.

Der Kapitän und Sammler

Der bereits erwähnte Kapitän Karl Nauer – geboren 1874, gestorben 1962 – lebte seit 1903 in der Kolonie. Er war für seine Expertise so bekannt, dass Aufträge für Sammlungskäufe an ihn herangetragen wurden. 1908 beurlaubte ihn der Norddetusche Lloyd sogar, damit er eine Forschungsreise begleiten konnte. Auf dem Wasser war Nauer in seinem Element.

Eine Kultmaske aus der Sammlung von Kapitän Nauer
Solche Masken werden in der Region Neu-Irland auf Papua-Neuguinea bei Beerdigungen getragen © Museum Obergünzburg

Obwohl weit weg vom Ozean im Allgäu aufgewachsen und Sohn eines Seifensieders, wollte Karl Nauer schon als Kind zur See fahren. Das tat Karl Nauer bereits beim Wehrdienst als Matrose. Auf zahlreichen Reisen nach Ostasien eignete er sich so viel profundes Wissen über die dortigen Kulturen an, dass er sogar von Wissenschaftlern um Vermittlung gebeten wurde. Auch hier ging es oft um den Erwerb von Artefakten.

Auslegerboote begegnen Dampfern
Vom Deck eines Dampfers wurden diese Insulaner auf ihren Auslegerbooten beim Tauschhandel fotografiert © DSM

Zehn Jahre lebte Karl Nauer in Ozeanien. Dort war er als Kapitän der „Sumatra“ auf einer seiner drei Routen unterwegs. Er hatte auch vor, sich dort niederzulassen – doch der Erste Weltkrieg und der anschließende Verlust der deutschen Kolonien vereitelten seine Pläne. Über Umwege kam er schließlich nach Argentinien, wo der Kapitän als wohlhabender Unternehmer 1962 starb.

Karl Nauers Nachlass in Obergünzburg, der Teil eines sehenswerten Museums ist, stellt die numerisch größte Anzahl an ethnologisch-anthropologischen (die völkerkundlich-wissenschaftliche Entwicklung des Menschen) Objekten und Materialien mit Bezug zum Norddeutschen Lloyd dar.

Nauers Nachlass ist eine Mammutaufgabe

Dort wird aktuell die ethnographische Sammlung des Kapitäns wissenschaftlich erschlossen und digitalisiert. Eine Mammutaufgabe, denn „um ein möglichst vollständiges digitales Abbild der Sammlung zu erstellen, werden nicht nur die rund 1.550 ethnographischen Objekte berücksichtigt, sondern auch ungefähr 400 Glasplatten-Aufnahmen“, wie auf der Webseite der Sammlung zu erfahren ist. Weiter: Sie alle stammen von Nauer und dokumentieren teilweise auch, unter welchen Umständen bestimmte Objekte erworben wurden.

Auslegerboote treffen Dampfer
Insulaner auf Auslegerbooten sind zum Tauschhandel nahe an den haltenden Dampfer Sumatra herangefahren © Museum Obergünzburg

Das Übersee-Museum in Bremen erwarb und verschiffte ebenfalls zahlreiche Objekte aus der Südsee in enger Zusammenarbeit mit dem Norddeutschen Lloyd. Entsprechend repräsentativ sei seine „in Europa einzigartige Sammlungskombination von Völker-, Handels- und Naturkunde“, wie das Museum ausführt. Angefangen hat alles schon vor 120 Jahren, als man der damals wohl staunenden Öffentlichkeit „Die Welt unter einem Dach“ präsentierte. Noch heute lautet so das Motto des Museums.

Vielfältige Forschungsaufgaben

Das Deutsche Schifffahrtsmuseum will mit dem Forschungsprojekt herausfinden, „welche Rolle der Schiffsverkehr als solcher bei der Auswahl der exportierten Objekte spielte“ und „inwieweit er die Herstellung mancher Objekte überhaupt erst begründete“. So sollen „sowohl die Objekte als auch die Transportbedingungen in den Blick (genommen werden)“. Spannend bereits die Frage, wie groß die Objekte waren – und ob diese entsprechend verpackt und gekennzeichnet auf das Schiff passten.

Es geht also darum, die Museumsbestände zu untersuchen und mit ganz neuen Fragen zu konfrontieren: Welche Auswirkungen auf den Transfer hatte zum Beispiel die Infrastruktur der damaligen Zeit? Wie also sah der notwendige wirtschaftliche und organisatorische Unterbau als Voraussetzung für die Versorgung und die Nutzung eines bestimmten Gebiets oder gar für die gesamte Wirtschaft eines Landes aus? Und, so erläutert die wissenschaftliche Leiterin des Projekts, Prof. Dr. Ruth Schilling, weiter: „Welche politischen Entwicklungen gingen damit einher?“

Dampfer Scharnhorst Norddeutscher Lloyd
Die Scharnhorst brachte als Postdampfer von Ostasien Fracht nach Deutschland © DSM

So lässt sich am Beispiel der Schifffahrt ein weiterer Aspekt der deutschen Kolonialgeschichte aufarbeiten. Um die Perspektive der Herkunftsgesellschaften deutlicher abzubilden, ist die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus Ozeanien vereinbart. Tobias Goebel vom Deutschen Schifffahrtsmuseum dazu: „Wir möchten das Projekt gemeinsam erarbeiten, diskutieren und die Ergebnisse international zur Verfügung stellen.“

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