Herbststürme drohen im Mittelmeer

Warum derzeit das Risiko für Stürme im Mittelmeer steigt. Heftige Tiefdruckgebiete werden Anfang kommender Woche erwartet.

Sebastian Wache

von
Sebastian Wache

Die aktuelle Wetterlage ist etwas aus den Fugen geraten. Während bei uns die Boote schon gekrant und allmählich für den Winter eingelagert werden, dauert die Saison im Süden Europas traditionell bis Ende Oktober. Wir finden derzeit allerdings kaum Unterschiede in der Lufttemperatur zwischen hiesigen Regionen und dem Mittelmeer. Mitte Oktober messen wir immer noch Temperaturen über 20 Grad Celsius überall in Deutschland. Anders sieht es bei der Wassertemperatur aus: Weisen Nord- und Ostsee zur Zeit Werte um 15 Grad Celsius auf, so sind es im Mittelmeer noch immer 20 Grad, teils bis zu 26 Grad. Und genau das stellt einen großen Risikofaktor dar.

Aktuelle Wassertemperaturen im Mittelmeer © WetterWelt GmbH

Kalt + warm = instabil

Im Zuge des Wechsels der Jahreszeit von Sommer auf Herbst und weiter in Richtung Winter kommt es immer häufiger zu so genannten Kaltluftausbrüchen aus dem hohen Norden. Polare Luft findet dabei mit Tiefdruckgebieten seinen Weg nach Süden, mitunter bis in den Bereich des Mittelmeeres hinein. Trifft die kalte Luft dort auf das immer noch warme Wasser – das einen hervorragenden Energiespeicher abgibt –, entsteht eine atmosphärisch höchst instabile Situation.

Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, was passiert, wenn man in der Wohnung die Heizung hochdreht: Die warme Luft steigt auf, am Boden bleibt die „Fußkälte“ zurück. Dies wäre eine stabile Lage, nach der die Natur in der Regel auch immer strebt. Nun scheint es aber so, als würden es kalte Luftmassen zukünftig immer häufiger weit nach Süden schaffen. Das lässt Großwetterlagen entstehen, die eine Tiefdruckbildung begünstigen. Aufgrund des noch immer großen Temperaturunterschieds zwischen Luft und Wasser können sich diese Tiefs intensivieren und zu Unwettern heranwachsen.

Orkantief Zorbas brachte im September den südlichen Mittelmeerraum in Bedrängnis © WetterWelt/NASA

Das funktioniert so: Wenn sich die kalten Luftmassen aus dem Norden auf die wärmeren Luftschichten über dem Mittelmeer legen, möchte sich die Atmosphäre eigentlich in den eben benannten stabileren Zustand zurückversetzen. Die kalte Luft fällt aus der Höhe nach unten, während die warme Luft von unten nach oben katapultiert wird. Das nennt man Konvektion. Dabei bilden sich mächtige Wolkentürme, und es werden häufig starke Regen- oder Hagelschauer oder auch Gewitter erzeugt. Weht der Wind dazu in unterschiedlicher Höhe aus einer leicht anderen Richtung, kommt es zur Bildung eines Aufwindschlauchs. Oder es gibt gar eine Wasserhose.

Zorbas brachte enorme Windgeschwindigkeiten und Starkregen © WetterWelt GmbH

Tendenz: Orkangefahr

In diesem Jahr scheint die Wetterlage in weiten Teilen Europas – im Grunde seit Februar – nur einen einzigen Zustand zu kennen: ein blockierendes Hoch. Dadurch wird die kalte Höhenluft mit den von Westen ankommenden Tiefs weitaus häufiger nach Süden abgelenkt als bisher normalerweise.

Bleibt diese Wetterlage weiterhin unverändert, wird die noch kältere Luft gleichfalls ihren Weg ins warme Mittelmeer finden. Diese Kaltluft bildet sich derzeit, jahreszeitlich bedingt, über dem Nordpol. Die Bedingungen werden also zunehmend kritischer für die Ausbildung recht starker Tiefs, mit einer großflächigen Sturm- oder gar Orkangefahr.

Wir haben in den letzten Wochen bereits erste, sehr heftige lokale Unwetter gesehen, beispielsweise auf Mallorca. Solche Szenarien werden nun dem Fortschreiten des Herbsts und der anhaltenden Hochdrucklage über Mittel- und Nordeuropa in Modellen häufiger und zunehmend großflächig berechnet. Eines der führenden globalen Wettermodelle deutet eine massive Tiefdruckbildung für den 23. Oktober 2018 an, also zu Beginn der kommenden Woche.

Westliches Mittelmeer: Wettermodell für den 23. Oktober © WetterWelt GmbH

Und dieses Tief könnte es in sich haben. Sein Zentrum liegt im Tyrrhenisches Meer und dem Ionischen Meer. Schaut man sich die ersten Berechnungen an, findet man nur im Zentrum des Tiefs wirklich ruhige Verhältnisse. Blick man nach Westen, bildet sich dort mit dem Nordwind ein Mistral mit Orkanstärke aus. In der Nordadria wird gleichzeitig eine Bora erzeugt, die ebenfalls mindestens Sturmstärke erreichen kann. In die Südadria wird dagegen warme Luft aus Nordafrika herangetragen, was als Schirokko bezeichnet wird.

Auch in der Ägäis bildet sich voraussichtlich ein starker Südwind. Bis zum 23. Oktober ist zwar noch etwas Zeit. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Lage wirklich so massiv zeigt wie es die Berechnungen befürchten lassen. Klar ist, dass aktuell das Risiko für schwere Herbstunwetter deutlich zunimmt.

Unser Autor Sebastian Wache macht als Diplom-Meteorologe für WetterWelt Wetterberatung, Seminare, Gutachten, Törn- und Regattaberatung. float hat Wetter-Apps, die nach den unterschiedlichen Wettermodellen arbeiten, vor einiger Zeit ausführlich vorgestellt.

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