float Magazine

Point Nemo liegt wirklich ganz weit draußen © Google Maps
REVIER

Mutterseelenallein am Point Nemo

Die Vendée-Globe-Segler passieren den pazifischen Pol der Unzugänglichkeit. Doch was hat es mit Point Nemo auf sich?

von
in
4 Minuten

Wer eine ausgesprochene Land-Phobie entwickelt hat, sollte bei diesen Koordinaten vor Anker gehen: 48° 52′ 31,75″ S, 123° 23′ 33,07″ W. Hier liegt „Point Nemo“, der am weitesten von jeglichem Land entfernte Punkt der Erde auf halber Strecke zwischen Chile und Neuseeland. Auch die Seglerinnen und Segler der Vendée Globe 2020 müssen in den nächsten Tagen und Wochen diese Stelle passieren.

Point Nemo
Hier liegt der Pol der Unzugänglichkeit © Wikimedia

Festgelegt wurde der Punkt erst 1992 unter Weltraumcomputereinsatz von dem kroatisch-kanadischen Vermessungstechniker Hrovje Lukatela. Bei aller Einmaligkeit, magisch aufgeladen scheint der Punkt nicht zu sein, weder vor noch nach seiner wissenschaftlichen Fixierung. Kein Mythos rangt sich um ihn (wie ums Bermuda-Dreieck), kein Ritual wird hier vollzogen (wie bei der Äquator-Überquerung). Point Nemo ist etwa so magisch wie ein Schießgebiet in der Ostsee.

Selbst ein Meeres-Esoteriker wie Bernard Moitessier, der keine Gelegenheit ausließ, spirituelle Segler gegen schnöde Materialisten auszuspielen, ignorierte bei seinen Törns im südlichen Pazifik diesen Punkt. Er passierte ihn, als er mit seiner Ketsch „Joshua“ an der ersten Einhand-Regatta nonstop um die Welt, dem Golden Globe Race 1968/69, teilnahm.

Point Nemo
Bernard Moitessier während der Solo-Weltumrundung beim Golden Globe Race 1968/69 © Ian Dear Archive/PPL

Zur Legende wurde Bernard Moitessier, weil er das Rennen trotz bester Siegchancen hinwarf. Er wurde vom Favoriten im kommerziellen Spitzensport zum Aussteiger aus der Wettbewerbsgesellschaft. Auf der letzten Etappe der Regatta bog er nicht Richtung Norden ab, sondern ging auf Polynesienkurs und ließ sich für gute zehn Jahre als Selbstversorger auf einer der Inseln nieder.

Die Weltumseglerin Beate Kammler begegnete ihm im Sommer 1972 im Hafen von Papetee: „Es ist ein Schock, ihn nun zu sehen: grauer Bart, graue Haare, tiefe Furchen im Gesicht, eine ausgemergelte Gestalt. … Bernard Moitessier ließ wohl seine Seele irgendwo da draußen, denn obgleich wir mit der Fakirgestalt sprechen, fühlen wir, dass er gar nicht bei uns ist. Seine müden Augen sind weit weg und suchen hinter dem Horizont.“

Nacktyoga

Zweieinhalb Jahre vorher war Moitessier während der Regatta bester Dinge. Wie auf der jetzigen Vendée Globe zeigten sich auch vor 51 Jahren die Roaring Forties ungewöhnlich handzahm: „Joshua befindet sich auf halbem Weg zum Horn [von Kap Leeuwin aus, also im unmittelbaren Dunstkreis des Point Nemo; JJ]. … Jetzt sind es schon fünf Tage hintereinander, dass ich vor dem Mittagsbesteck meine Yogaübungen ganz nackt im Cockpit verrichte. Ich spüre die Sonne mich durchdringen und mir ihre Kraft verleihen.“

  • Point NemoDer segelnde Yogi © privat
  • Bernard MoitessierBernard Moitessier auf der Joshua © YouTube
  • Kap HoornMoitessier umrundet Kap Hoorn © Moitessiers

Und weiter: „Es ist das Leben in seiner Gesamtheit, über das ich nachsinne, die Sonne, die Wolken, das Meer, die Zeit, die vergeht und hier stillzustehen scheint. Und manchmal denke ich auch an jene andere Welt, die ich vor Jahrhunderten verließ, jene moderne, künstliche Welt, in der man aus Menschen Maschinen macht, die nur Geld verdienen, um falsche Bedürfnisse zu befriedigen und falschen Freuden zu frönen.“

Wer das für Hippie-Salbadern hält, bedenke, dass wir uns im Jahr 1969 befinden. „Zurück zur Natur“ und „Neue Sinnlichkeit“ sind frische Schlagworte, Yoga ist noch keine Selbstoptimierung für neoliberale Freelancer und H&M hält sich noch keine Biobaumwoll-T-Shirts als grünes Feigenblatt vor. Und es dauert weitere 23 Jahre bis zur Fixierung von Point Nemo.

Gespürt hätte Moitessier ihn – wenn es dort etwas zu spüren gäbe. Aber der Ozeanmystiker segelte ungerührt an dem Punkt vorbei.

Choralgesänge

Sein Kontrahent, der weitaus diesseitig-hemdsärmeligere Robin Knox-Johnston, nutzte den verwaisten südlichen Ozean zu handfesteren Freuden. Auch er ist ganz in der Nähe des Point Nemo, auf dem 47. Breitengrad Süd, unterwegs, lässt sich aber nicht von der Kraft der Sonne durchdringen, sondern schmettert dem wehrlosen Ozean seinen Gesang entgegen: „Die Suaheli hat sich jetzt auf raumen Kurs eingetrimmt, und das ist großartig. … Das ist Regatta-Hochform. … Wir laufen bequem sechs Knoten. … Die Stille des südlichen Ozeans ist durch meine Gesangsausbrüche jäh unterbrochen worden. Es waren viele Choräle dabei, weil ich mich so dankbar fühlte.“

Point Nemo
Robin Knox-Johnston erreicht Falmouth © PPL

Im Gegensatz zu Moitessier empfindet Knox-Johnston die Zivilisationsferne als schleichende Bedrohung. Zur Fakirgestalt, die nicht mehr bei den Menschen ist, will er auf keinen Fall werden: „Soweit ich es beurteilen konnte, war ich bei meinen letzten Begegnungen mit Menschen auf Neuseeland noch normal und unverändert gewesen. Aber ich war nicht sicher, ob ich mich wirklich in dieser Beziehung selbst beurteilen konnte. … Ich machte in periodischen Abständen Tonbandaufnahmen, um mein Sprachvermögen zu kontrollieren, aber es ging mir viel mehr darum, meinen Geist wach zu halten.“

Gefahr von oben am Pol der Unzugänglichkeit

Bei der aktuellen Vendée Globe sind die Regattasegler nicht mit sechs, sondern mit bis zu dreißig Knoten unterwegs – und ganz anderen Gefahren ausgesetzt. Am Point Nemo droht nicht nur Bruch von unten durch Treibgut, sondern auch von oben, durch gezielt abgeworfenen Raumfahrtschrott.

Kaum war der Punkt gefunden, über dem man am gefahrlosesten für alles menschliche Leben Objekte aus dem All versenken könnte, wurde er auch schon entsprechend genutzt. Russen, Japaner und Europäer haben dort mittlerweile über 250 Weltraumfahrzeuge und Satelliten entsorgt. Was für eine Pointe: Wer am „Pol der Unzugänglichkeit“ auf größtmögliche Distanz zur Zivilisation gehen will, hat gute Chancen, von ihrem High-Tech-Müll erschlagen zu werden.

Das Meer, das mütterlichste Element, die große Trösterin der Menschheit, am Point Nemo taugt es nur, um unseren Schrott zu schlucken. Mögen die Vendée-Globe-Helden schnell darüber hinwegrutschen. Um Sonne zu tanken und Choräle zu schmettern, ist jeder andere Punkt des Pazifiks magischer.

Mein Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Reklame
Reklame