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Schlei Siebboot Der neue Siebkatamaran © Sönke Hansen
Plastik-Skandal

Oberflächlich rein

Ein selbstgebauter Sieb-Katamaran soll die Plastikpartikel in der Schlei abschöpfen.

Michael Kunst
von in
5 Minuten | 2 Kommentare

Wird die Schlei je wieder sauber? Diese Frage stellte float im März als Headline über einen Artikel, der sich mit dem Plastikskandal an diesem Nebenarm der Ostsee beschäftigte. Um es gleich vorweg zu nehmen: Eine positive Antwort im Sinne eines aufrichtigen „Ja!“ können wir nicht geben. Obwohl sich in Sachen Plastik und Schlei während der letzten Wochen einiges getan hat. Nur: Wie effizient sind die Bemühungen, zu denen ein Siebschiff im Einsatz auf der Schlei gehört?

Rückblick: Aus der Schleswiger Kläranlage gelangten über einen Zeitraum von offenbar mehreren Monaten unzählige Plastikteilchen in die Schlei und verunreinigten den Meeresarm in streckenweise erheblichem Ausmaß. Wie das passieren konnte? Zu dem Klärwerk gehört ein Faulturm, in dem Klärgase als Energiequelle genutzt werden. Um die Energieausbeute zu steigern, werden – das ist offenbar üblich – zerhäckselte Essensreste in den „Faulschlamm“ beigemischt. Doch diese Lebensmittelreste sind mitunter noch verpackt, wie ein Beitrag des NDR zeigt. Natürlich in Plastik.

Plastikskandal Schlei

Plastikteilchen aus dem Schleiwasser © Stephan Boden

Wer hat Schuld?

Neben den relativ rasch eingeleiteten Säuberungsaktionen auf den betroffenen Uferabschnitten beschäftigte Behörden, Medien und die Öffentlichkeit auch die Schuldfrage. Muss ein Klärwerk dafür sorgen, dass angeliefertes Verpackungsplastik vollständig aufgefangen wird, damit das geklärte Wasser nach mehreren Filterstufen „plastikfrei“ in die Schlei fließt? Oder waren die letzten Anlieferungen der Firma ReFood GmbH & Co KG mit überproportional vielen Plastikrückständen durchsetzt, so dass die vorhandenen Filter überlastet waren und nicht effizient genug wirken konnten?

Am 5. April veröffentlichte die Stadt Schleswig Teile des Vertrags, der zwischen ReFood GmbH & Co KG und den Schleswiger Stadtwerken respektive der örtlichen Abwasserentsorgung getroffen wurde. In einer zeitgleich ausgegebenen Pressemitteilung lenkte der Schleswiger Bürgermeister Arthur Christiansen die Aufmerksamkeit auf bestimmte Absätze im Vertrag. Diese sollen eindeutig belegen, dass „die Verantwortung zum Herausfiltern der Kunststoffteile bei der Firma ReFood liegt“. Christiansen räumte aber auch ein, dass „das gemeinsame Schreddern von Biomasse und Plastik und anschließende maschinelle Herausfiltern der Kunststoffpartikel aus dem Gärsubstrat nicht zu verantworten ist“. Es müsse nun überlegt werden, welche „weiteren technischen und finanziell vertretbaren Filterstufen zusätzlich geschaffen werden können“.

Plastik in der Schlei

Der Schilfsaum zu Beginn des Skandals © Stephan Boden

Wie kommt die Säuberung voran?

Seit März 2018 wurden entlang der Schlei nahezu täglich Reinigungsarbeiten durchgeführt. Mit dabei sind Mitarbeiter der Schleswiger Stadtwerke, beauftragte Lohnunternehmen, Helfer anderer Stadtwerke in Schleswig-Holsteins und freiwillige Helfer aus den Reihen besorgter Bürger. 30 bis 50 Personen sollen täglich im Einsatz gewesen sein. Die Aufräumtrupps haben mehr als 150 Tonnen Schilfreste und Plastik vom Ufersaum entsorgt, heißt es in lokalen Medienberichten. Der Bunde für Umwelt- und Naturschutz (BUND) setzte mit einer Kundgebung vor den Schleswiger Stadtwerken „die Verantwortlichen für die unsagbare Verschmutzung der Schlei“ unter Druck. Gefordert wurde mehr Transparenz. Man wollte wissen, „wie und wann das Plastik wieder aus der Umwelt gelangt“.

Reibungslos verliefen die Säuberungen in Uferbereichen allerdings nicht. Zumindest zu Beginn der Arbeiten monierten Naturschützer, dass in besonders sensiblen Bereichen des Ufer-Ökosystems gnadenlos aufgeräumt werde. Sogar Brutbereiche von Seevögeln seien in Mitleidenschaft gezogen worden. Zudem wurde wiederholt kritisiert, dass Plastikteile, die im Wasser der Schlei trieben, nicht abgeschöpft würden.

Das Siebboot soll’s richten

Darauf reagierten die Stadtwerke mit einer nahezu verblüffenden Maßnahme. Innerhalb von nur knapp drei Wochen konstruierten und bauten sie einen Sieb-Katamaran, um die Schlei „auch von Wasserseite von Kunststoffpartikeln zu befreien“, wie auf der Website der Schleswiger Stadtwerke zu lesen ist. Der Mitte April vorgestellte Katamaran ist neun Meter lang und etwa vier Meter breit. Am vorderen Ende sind zwei schwenk- und ausfahrbare Metallflügel befestigt, die wie ein Trichter funktionieren. Ist der Kat in Fahrt, gelangt Oberflächenwasser in seinen Innenraum und wird dort von einem engmaschigen Metallgitter gefiltert.

Sieb-Katamaran

In nur 20 Tagen nach Eigenentwurf gebaut © Sönke Hansen

Das Boot werde, sofern es die Witterungsbedingungen zulassen, täglich acht Stunden im Einsatz sein, um die Kunststoffpartikel aus dem Wasser mit einer Siebvorrichtung zu entfernen. Die Maßnahme sei mit Schlei-Fischern abgestimmt, fügte man gleich vorsichtshalber hinzu.

Nun ist Plastik in den Meeren und Seen schon seit vielen Jahren ein Reizthema. Die Verschmutzung der Ozeane ist mittlerweile sogar ein Herzensanliegen der UNO. Wer sich mit dem Thema ein wenig beschäftigt weiß, dass es viele Projekte gibt, die mit Booten oder Schiffen Gewässer vom Plastik befreien wollen. Stellvertretend sei das deutsche Projekt One Earth/One Ocean erwähnt. Allen gemeinsam sind relativ lange Entwicklungszeiten, eine oft erst in Praxistests beweisbare Funktionsfähigkeit und meist exorbitant hohe Baukosten. 
Die Stadtwerke Schleswig schafften dieses Kunststück jedoch in kürzester Zeit, die Baukosten werden mit 40.000 Euro beziffert.

Schoofs lobt das Siebschiff

Auf Anfrage von float antwortete Wolfgang Schoofs, Chef der Schleswiger Stadtwerke: „Das Schiff haben wir natürlich nach Internetrecherche selber entworfen und dann in rund 20 Tagen bauen lassen. Das Ausleihen von anderen Schiffen wäre viel zu aufwändig gewesen, daher der Eigenbau.“

Befragt nach der Sammel- beziehungsweise der Siebeffizienz des neuen Siebboots erläutert Schoofs: „Beim Einsatz des Siebschiffes über mehrere Seemeilen täglich ist die Ausbeute an Kunststoffpartikeln sehr gering. Dies liegt daran, dass durch die Stürme im März das meiste Material an die Ufer geschwemmt wurde und wir es dort auch beseitigt haben. Bei einer Fahrt von einem halben Tag haben wir bis jetzt rund zwei Eimer voll organisches Material aufgefangen und wenige Kunststoffpartikel. Noch nicht mal 500 g Plastik.“ Schoofs weiter: „Im Wasser und an den Ufern finden wir kaum noch Plastik, weil die Zufuhr im Februar gestoppt wurde durch Einbau von Sieben auf der Kläranlage. Zudem haben wir laut Lieferscheinen nur 488 kg Plastik erhalten, wovon auch ein großer Teil in der Kläranlage aufgefangen wurde.“

Sieb-Katamaran

Oberflächlich rein? © Sönke Hansen

Alles wieder im Reinen?

Kein Plastik mehr auf der Wasseroberfläche, kein Plastik mehr an den Stränden – ist also alles wieder im Reinen an der Schlei? Kritiker sind der Meinung, dass viele Plastikteile – wie in  mehreren Forschungsprojekten weltweit nachgewiesen – mittlerweile nicht mehr an der Wasseroberfläche treiben, sondern in mehreren Metern Tiefe, wo sie vom Sieb-Katamaran nicht aufgefangen werden können. Dort belasten sie als vermeintliches Fischfutter das Ökosystem erst recht und gelangen letztendlich in unsere Nahrungskette. Andere behaupten, dass je nach Dichte der Plastikteilchen diese bereits auf dem Grund der Schlei liegen und dort ein noch Jahrhunderte dauerndes Dasein fristen, bis sie sich in Micro-Plastikteile verwandelt haben werden.

Wie effizient der Sieb-Katamaran wirklich ist und ob der Bau des mit viel Medien-Tamtam vorgestellten Müllsammelboots wirklich notwendig war, wird sich vielleicht erst im Sommer herausstellen. Denn einige Kommentatoren unken bereits in Internetforen und sozialen Medien, dass sich der Sieb-Kat doch auch hervorragend gegen die nächste „Pest“ einsetzen lasse: Algenteppiche, die die Schlei aufgrund des hohen Phosphat-Zuflusses aus Düngemitteln immer wieder verstopfen.

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2 Kommentare

Zaphod Beeblebrox /

Hoffen wir also, dass es nun gelungen ist, die Schlei größtenteils von der Plastikpest zu befreien.
Was sich wohl leider länger halten wird, ist dieser Marketingblödsinn, der sich leider auch durch die „float“-Artikel über mein Heimatrevier zieht: Der „Ostseefjord“ ist weder Fjord (sowas gibt es in Deutschland nicht) noch Förde (die Schlei ist anders entstanden, als z.B. die Flensburger Förde), sondern einfach „die Schlei“. Dieser Wunderbare Nebenarm der Ostsee braucht solche hirnverbrannten Werbebezeichnungen nicht und es ist schade, dass einige Schreiberlinge diesen Tourismusförderungsbullshit so dankbar oder kritiklos übernehmen. Pfui

Antwort
float Redaktion /

Erkannt und verbannt. Die Schlei ist in unserem Text wieder die Schlei.

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