float Magazine

Abenteuer

Paradies ohne Spätis

Im Miniboot durch Brandenburg. Ein Erfahrungsbericht.

von in
8 Minuten

„Na ja, Humor habt ihr ja!“ Das ist der letzte Satz, den wir nach vier Tagen auf dem Campingplatz in Lindow (Mark) hören. Thema: das Wetter und unser Zelt. Das war eigentlich ständig das Thema in diesen Tagen. Ursprünglich wollten wir seit heute unterwegs sein, um die etwa 100 Kilometer von hier nach Berlin-Wedding in mehreren Etappen zu fahren. Statt dessen werden wir nun abgeholt – von Anjas Rettervater im Auto. Wer Wassersport betreibt, der weiß, dass man immer von der Wetterlage abhängt. Um so mehr, je kleiner das Boot ist. Wir haben den Kampf gegen das Wetter verloren. Es war der Kampf zweier ungleicher Kontrahenten:

  • Unser Boot. „Zitterbacke“, ein 2,20 m langes oder, besser gesagt, kurzes Schlauchboot mit einem kleinen Torqeedo-Außenborder am Heck. Die Crew besteht aus zwei Personen, einem Hund und dem ganzen Zeug, das man zum Zelten und Leben im Zelt braucht. Dazu Ausrüstung und Lebensmittel.
  • Unser Wetter. Ende April, Anfang Mai 2017. Schaut man auf die mittleren Werte der letzten 30 Jahre, wird klar, dass es dieses Jahr überdurchschnittlich kalt, windig und nass ist. Im direkten Erleben fühlt sich das wie am Polarkreis an. Jedenfalls wie unsere Vorstellung davon.
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Zitterbacke© alle Bilder: Stephan Boden und Anja Prüfer

Kalt ist okay, kalt können wir. Windig ist auch okay, zumal man auf einer Tour durch die Natur Brandenburgs oft recht geschützt auf Kanälen fährt. Nass ist doof. Nass macht schlechte Laune, wenn es nachts dazu noch kalt ist. Nass ist vor allem dann doof, wenn man keine Kajüte hat, in die man sich mal verkriechen kann. Und nass ist der Grund, warum wir jetzt vom Superpapa abgeholt werden. Wir haben zu gute Laune aus den letzten Tagen, und die wollen wir nicht aufs Spiel setzen.

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Vom Wedding ins Paradies

Boot zum mitnehmen

Rückblick: Am Freitagmittag kommen wir in Lindow an. Am nächsten Morgen findet der „Volksangeltag“ statt, an dem wir zum zweiten Mal teilnehmen (Bericht folgt). Für den Rest des Samstags, den Sonntag und den Maifeiertag planen wir, die Seenlandschaft in der Region zu erkunden. Am Dienstag wollen wir dann los, um den Weg in unsere Heimat Berlin anzutreten. Die Routenplanung steht und richtet sich nach Reichweite des Elektromotors, den Campingplätzen am Wasser mit Stromversorgung und Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe.

Der kleine Torqeedo schiebt uns eine ganze Weile. Je nach Geschwindigkeit sind 30 Kilometer pro Tag mit Reserve drin. Dann fahren wir rund 4 km/h schnell. Lieber sind uns 20-Kilometer-Etappen, die wir dann mit über 5 km/h fahren können. Dass es dazu nicht kommen wird, ahnen wir zum ersten Mal am Sonntag. Die Wetterberichte drehen von trocken auf ganz nass und ganz kalt. Aber bei solchen Wetterlagen weiß man nie und wir beschließen, uns erst am Montag zu entscheiden, wenn das Wetter absehbar ist.

Ich bin das erste Mal auf Gewässern Brandenburgs unterwegs. Nachdem ich den Gudelacksee im Jahr zuvor vom Ufer aus gesehen habe, hat es mich gereizt, ihn auch mal vom Wasser aus zu erkunden. Dieses Jahr ist es endlich soweit. Das „passende“ Boot dazu haben wir uns im Frühjahr geholt: Ein 2,20 m kurzes Schlauchboot des Typs AWN Family in rot mit Lattenboden. Für autolose Großstädter ist das ideal: In einer Tasche verstaut und auf eine Alu-Klappkarre gestellt, kommt man damit in öffentlichen Verkehrsmitteln an die Gewässer seiner Wahl.

„Zitterbacke“ wurde noch entsprechend nachgerüstet. Eine Handyhalterung zum Kleben (Modell Railblaza, der Test auf float folgt), eine Sitzbanktasche und der leichte Torqeedo Travel 503 machen das Boot zum perfekten Mitnahmeartikel. Gepäck kann das kleine Schlauchi auch vertragen, denn die mögliche Zuladung ist mit 380 kg enorm hoch.

Übrigens: Auch ein 2,20-Meter-Boot muss auf Bundeswasserstraßen den Vorschriften entsprechend mit einem Bootsnamen, bestehend aus mindestens 10 cm hohen Buchstaben, beklebt sein. Für die Tour haben wir einen Schriftzug aus Gaffertape an den Bug geklebt. „Zitterbacke“ hat ziemlich viele Buchstaben, und entsprechend lang wurde der Schriftzug. Das nächste Mal würden wir das Boot sicher „A“ nennen, aber getauft ist getauft.

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Ziemlich langer Name

Nun also kommen wir mit Zelt, Boot, Hund und Co. in Lindow auf dem Campingplatz Weißer Sand an. Auf dem mindestens besten Zeltplatz mit eigenem Steg sitzen wir den ganzen Abend am Ufer auf den alten Holzbänken vorm Zelt, genießen den Sonnenuntergang und grillen Würstchen. Auch eine kleine Spritztour auf dem See ist noch drin. Am nächsten Tag müssen wir jedoch früh raus, um eine Angelkarte zu kaufen. Den Samstag verbringen wir also mit Angeln, der Siegerehrung (mit Gewinn!) und im nachmittäglichen Regen, der eher einem Wasserfall gleicht.

Im Outback

Sonntag früh. Nach einer polar-artigen Nacht im Zelt wird es gegen 11 Uhr langsam warm. Der Himmel ist strahlend blau und lässt uns vergessen, dass wir den Abend vorher einen ziemlich dummen Fauxpas erleben mussten: Vor der Abreise hatte ich noch eine Gaskartusche für den Campingkocher gekauft. Die Größe passt, aber der Anschluss nicht. Mir war nicht klar, dass Anjas Campingkocher eine andere Kartusche benötigt, die man mit einem Dorn durchstößt. Meine gekaufte ist eine handelsübliche Kartusche. Die passt jedoch nicht.

Das anschließende Nudelessen dauerte daher recht lange: Mit warmem Wasser aus dem Sanitärgebäude werden Nudeln nach 40 Minuten ständigem Wasseraustauschen weich, sind aber mehlig – und so richtig heiß ist das Essen auch nicht. Egal, der Hunger treibt’s rein. Schlimmer ist die Vorstellung, morgens keinen heißen Kaffee trinken zu können. Noch schlimmer der Gedanke, dass wir hier im Outback sind und die Wahrscheinlichkeit, einen neuen Gaskocher kaufen zu können, so hoch ist wie die, auf Spitzbergen einen Bikini zu bekommen. In solchen Momenten reifen komische Ideen. Unter anderem die, mehrere Einweggrills zu kaufen, um dann darauf zu kochen.

Sonne am Himmel macht jedoch alles besser. Die warme Sonne an diesem Tag macht es so gut, dass uns Essen und warme Getränke egal sind. Bewaffnet mit Picknicksekt und kleinen Snacks (das übliche: Babybel, Landjäger und Erdnüsse) legen wir ab und erkunden zunächst einen Teil des Gudelacksees. Bereits nach ein paar hundert Metern ist jegliche gedankliche Verbindung zum Land weg. Die alten Bootshäuser im Schilf lassen uns sogar vergessen, wo wir sind. Nach Brandenburg im klassischen Sinne sieht das hier nicht aus.

Mal fühlt man sich wie auf dem Amazonas, dann wie in Thailand und im nächsten Moment wie in einem Land, dass noch niemals jemand vor uns gesehen hat. Vom Gudelacksee geht es in den Kanal, der den See mit dem Vielitzsee verbindet. Auf der Binnenseekarte ist am Ende der gleichnamige Ort eingezeichnet. Als in Berlin lebender Mensch hat man ja überall die Hoffnung, vielleicht doch irgendwo einen Späti zu finden. Denn mangels Kocher gehen uns die Vorräte aus.

Nach zwei Stunden langsamen Dahingleitens durch eine Natur, der kein Superlativ gerecht werden kann, kommen wir ans Ende des Vielitzsees. Der Ort: Nicht zu sehen. Wahrscheinlich liegt es eher an unseren städtischen Erwartungen und das Haus, das wir sehen, ist der Ort. Von Spätis keine Spur hier draußen. Mittlerweile ist es uns aber egal. In solch einer Umgebung wird einem das meiste egal. Was für ein Paradies hier! Und heute ist außer uns kein Mensch unterwegs. Auf den rund 18 Kilometern Strecke sehen wir nur ein Angelboot auf dem Gudelacksee.

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Brandenburg

Am Ende des Vielitzsees finden wir einen abgelegenen Steg. Dort legen wir an, um Picknickpause zu machen und den sonnigen Tag mit einem Glas Rotkäppchen trocken zu feiern. Der Sekt ist wegen der vorherigen Nacht noch immer sehr schön kalt. Von weitem sieht der Steg unscheinbar aus. Als wir anlegen, ändert sich das. Hier war wohl ein Wasserwanderrastplatz geplant, mit Biwakplatz für Kanuten. Da man von hier jedoch nicht weiterkommt, sondern umdrehen muss, scheint dieser Spot nicht angenommen zu werden. Das ist jedenfalls unsere Idee zu diesem Steg, denn die Fingerstege werden langsam vom Schilf und Seegras überwuchert. Eine Stunde genießen wir hier die Rast, wieder mit Sekt, Erdnüssen und Babybel. Mehr braucht man hier auch nicht, um ein atemberaubendes Picknick zu haben. Flora und Fauna toben sich neben uns aus. Und Polly.

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Vielitzsee

 

Arved Fuchs und James Cook

Nach einer ebenso schönen Rückfahrt liegen wir um 21 Uhr bereits im Zelt und schlafen. Aber mit Pausen, denn die Kälte weckt uns mehrmals in dieser Nacht auf den 1. Mai 2017. Es ist bitterkalt. Jetzt rächt sich, dass wir aus Platzgründen nur die bis 10 Grad Celsius geeigneten Schlafsäcke gekauft haben. Was hilft, ist nahes Zusammenrücken, der Hund im Schlafsack und alle Klamotten zu tragen, die man eingepackt hat. Zum Glück gibt es Faserpelz. Wie in Kokons gepackt liegen wir da. Morgens erzählen die Festcamper auf dem Platz, dass ihnen die Wasserleitungen eingefroren sind. Was für ein Vorteil hat man da im Zelt! Hier gibt es keine Wasserleitungen. Dafür ist der Sekt eiskalt. Wir fühlen uns wie Polarforscher, unterhalten uns über Arved Fuchs und James Cook.

Auch den Montag verbringen wir wieder auf dem Wasser. Zwar hat der Wind ordentlich zugelegt, und es ist wesentlich kälter geworden: Aber dennoch gondeln wir auf dem Gudelacksee mit seiner zauberhaften Insel herum und beobachten, wie die Angler einen Hecht nach dem anderen aus dem Wasser ziehen. Die Kälte ist uns egal, denn auch dieser Tag entschädigt uns für alles. Wir verschlagen uns irgendwohin in einen Kanal, dort ist es windgeschützt und ruhiger – bis auf die Hauseboote, die hier ab und zu vorbeikommen. Kaum zu glauben, dass das alles hier nur eine Autostunde von Berlin entfernt ist. Als der Wind immer mehr zunimmt und der Regen beginnt, fahren wir wieder zurück zu unserem Zeltplatz, denn kleine „Wellen“ klatschen an den Bug, und ein paar Wasserspritzer finden immer den Weg ins Innere. Wir haben nach der kalten Nacht keine Lust, nass zu werden.


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Nachdem wir alle verfügbaren Wetter-Apps durchgegangen sind, steht endgültig fest, dass nun ein Regengebiet durchziehen und es drei Tage wie aus Kübeln schütten wird. Kurze Zeit später ruft Anja ihren Vater an, der sofort zusagt, uns am nächsten Morgen abzuholen. Zwischen Telefonat und der Abholung liegen dann noch einer der kitschigsten Abende aller Zeiten, ein Besuch beim Italiener, wo wir auf einer Pizza die ersten Vitamine seit Tagen zu uns nehmen, gefolgt von einer sehr windigen und sehr kalten Nacht.

Wassersport im AB-Bereich

Aufgeben kommt jedoch nicht in Frage. Wir haben uns vorgenommen, die Berliner Umgebung nach und nach auf dem Wasser abzufahren. Und so starten wir nach einer dreitägigen Pause in Berlin erneut zu einer kombinierten Zelt/Boot-Tour, dieses Mal in den Süden Berlins. Famos ist die Anreise (wenn auch mit viel Gepäck): Mit S- und Straßenbahn geht es bis 600 Meter vor den Campingplatz. Alles liegt noch im AB-Bereich der BVG. Für Nicht-Berliner: das mit einem 2,80-Euro-Ticket befahrbare Stadtgebiet. Die Gewässer, die man mit diesen Tickets erreichen kann, sind zahllos. Und auch Brandenburg ist günstig zu erreichen, wenn man mit den Brandenburg-Ticket oder einer VBB-Fahrkarte reist.

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Berliner Abendstimmung

Auch dieser Trip lohnt sich wieder: 12 Grad Celsius nachts im Zelt fühlen sich für uns wie Sauna an. Das Gondeln auf Zeuthener See und dem Seddinsee in der Sonne ist traumhaft, auch wenn es belebter als im Outback Brandenburgs ist. Manche Motorbootfahrer machen sich halt einen Spaß draus, neben einem kleinen Winzboot den Hebel kurz auf den Tisch zu knallen. Aber „Zitterbacke“ kann einiges ab.

Fazit: Für jemanden, der stets auf Ostsee unterwegs war, eröffnen sich stadtnah völlig neue Reviere – und es wächst die Erkenntnis, dass Berlin und Umgebung ein Schlaraffenland für Wassersportler ist, egal ob mit Paddel, Segel oder Motor. Und im Paradies gibts keine Spätis.


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2 Kommentare

Was für ein amüsanter Bericht. Was habe ich solche Geschichten von Dir in den letzten Jahren vermisst.

Manche haben ein Gefühl dafür, interessante Sachen zu machen. Andere versuchen es, kriegen das aber nie hin. Stephan gehört definitiv zur ersten Sorte. Weiter so.

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