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Barlolana 2018 Die 50. Barcolana ist die größte Regatta Europas © Barcolana
Regatta

Startnummer 1.352 bei der Barcolana

Sie ist eine der größten Regatten der Welt. Zum 50. Jubiläum segelte unsere Autorin ihr 31-Fuß-Boot im Wettbewerb mit Maxi-Yachten und Jollen vor Triest.

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7 Minuten

Ich war nie ein Regattafreak. Enge Manöver sind mir ein Graus. Wenn ich an Regatten denke, dann spielen sich in meinem Kopf Szenen ab, wie man sie aus großen Seeschlachtenbildern kennt. Samt Geschrei und Enterversuchen gegnerischer Crews. Wie zutreffend dieses Bild ist, sollte ich erst erfahren, als ich das erste Mal die Barcolana mitsegelte. Noch dazu auf einem relativ kleinen Boot, einer Dehler 31 namens Levje.

Barcolana 2018
Ein Teppich von Schiffen © Barcolana

Vom Triester Absegeln zur Riesen-Regatta

Warum also die Barcolana? Wer dieses einzigartige Spektakel vom Leuchtturm Faro della Vittoria über der Bucht von Triest beobachtet hat, dem bleibt das Bild eines Teppichs von Schiffen für immer in Erinnerung. 2017 durfte ich auf der Maxiyacht Force 9 of London am Vortag der Regatta am Training teilnehmen. In der Ruhe der aus 17- bis 25-jährigen bestehenden Crew, die das riesige Schiff perfekt im Griff hatte, lag eine Kraft, die elektrisierte. Auch Wolfgang, den Mann an meiner Seite, ließen die Bilder nicht mehr los. Er hatte ein Jahr Zeit, um mich mürbe zu machen.

Als 1969 die Barcolana das erste Mal an den Start ging, waren es 51 Boote, die dem Aufruf zu einer simplen Absegel-Regatta folgten. Zehn Jahre lang war die Regatta vor allem eine lokale Veranstaltung, organisiert vom Yachtclub Società Velica di Barcola e Grignano für die Triestiner Yachtclubs. Mit dem Freizeitboom der 1980er-Jahre wurde daraus allmählich das, was heute eine der größten Regatten der Welt ist.

Barcolana
Eine der größten Regatten der Welt © Barcolana

Beim bodenständigsten Segelclub der Welt

Als wir die Società Velica di Barcola e Grignano eine Woche vor der eigentlichen Regatta betreten, ist es im wohl bodenständigsten Club der Welt wuselig vor lauter Teilnehmern. Die sonst gerne auf edles Ambiente bedachten Italiener geben sich bescheiden. Hier geht’s ums Segeln. Basta. Gegessen wird draußen, während die Kleinen sich auf ihre Opti-Regatta vorbereiten.

Denn über die Abschlussregatta am zweiten Oktoberwochenende hinaus ist die Barcolana ein Festival. 14 Wettfahrten werden hier in zehn Tagen ausgesegelt. Allein an der Barcolana Young für Kinder der Geburtsjahre 2003 bis 2009 sind Hunderte Teilnehmer gemeldet. Zwischen den bereits aufgeriggten Optimisten gibt es kaum eine Freifläche, um das Panorama mit Blick auf das Habsburger-Kastell Miramare zu genießen.

Barcolana 2018
Daniele und Wolfgang beim Anbringen der Startnummer © Susanne Guidera

Eine Bora mit 30 Knoten ist angesagt

Als wir vor dem Tresen im Club stehen, den jeder der Skipper besuchen muss, um sich anzumelden und die Startnummer abzuholen, begrüßen uns gleich drei freundliche Damen. Mit unserer Voranmeldung aus Deutschland hat etwas nicht geklappt. Die Überweisung ist nicht eingegangen. Aber kein Problem! Die Damen bestehen darauf, uns anzumelden. Soviel Vertrauen muss sein.

Mit der Startnummer 1.352 und einer prall gefüllten Sponsorentasche, die jeder Skipper erhält, ziehen wir von dannen. Sie enthält neben dem in dieser Region obligatorischen Prosecco auch Tassen, Thunfisch, Tomatensauce, dazu Schokoladencreme fürs Frühstück, Mineralwasser, Sonnencreme, Duschgel, eine Einkaufstasche und diverse Broschüren.

Nun, verhungern werden wir bestimmt nicht und für den Sonnenschutz ist damit auch gesorgt. Ob er benötigt wird? Wir werden sehen. Für die folgende Woche eine Bora mit 30 Knoten angesagt. Habe ich bereits erwähnt, dass ich enge Regattafelder fürchte? Ich bin froh, dass mein Cousin Daniele uns begleitet. Seine Ruhe ist sprichwörtlich. Er fährt auf seinem kleinen Boot täglich Hunderte Touristen am Lago Maggiore über den See. Ihn kann nichts erschüttern.

Beim Yacht-Tetris in Porto San Rocco

Tatsächlich herrscht am darauffolgenden Sonntag noch eine abgeschwächte Bora. Man nennt sie „Borin“. im Laufe des Tages wird sie sich zur „Borettina“ abschwächen. Maura Dagnino von der Marina Porto San Rocco, wo wir für die Tage angelegt haben, erzählt, dass auch ihr Mann mit seiner 5,50 Meter langen Jolle an der Barcolana teilnehmen wird.

Sie erzählt auch, dass sie noch nie so viele Yachten in der Marina unterbringen musste. Doppelt so viele Transitlieger wie im letzten Jahr haben bei ihr Platz gefunden. Sie hat zusammen mit ihrer Crew bis zur letzten Sekunde Yacht-Tetris gespielt, um alle Anfragen zu bewältigen.

Barcolana 2018
Maura Dagnino von der Marina Porto San Rocco © Susanne Guidera

Wo sonst die sechs angestellten Marineros die Schiffe zu ihren Parkpositionen geleiten, hat sie die Regie übernommen. Jede Yacht wird so optimal nach Länge und Breite verteilt, dass tatsächlich 182 Gastlieger Platz gefunden haben. Nur den Platz an der Tankstelle habe man wegen der robusten Bora der letzten Tage nicht vergeben, sagt Stefano Sponza, der junge Marina-Manager. Sicherheit geht vor.

Wir werden gewarnt – von einem Whitbread-Segler

Wie auch im letzten Jahr hat das Netzwerk FVG Marinas Network der 20 tonangebenden Marinas aus Friaul-Julisch Venetien eine Marketingaktion ausgelobt. Wer mindestens vier Nächte bleibt, kann mit 25 Prozent Skonto auf den Tages- oder Monatsliegepreis rechnen. Auch dies trägt sicherlich zur Auslastung der Marinas rund um Triest bei.

Das 50-jährige Jubiläum der Barcolana tut ein Übriges. Als ich am Vorabend der Regatta die Teilnehmerliste aufrufe, staune ich nicht schlecht. Mit der letzten Startnummer 2.696 wurde Puffin, eine Meteor, gemeldet. Damit übertrifft die Barcolana 2018 alle Rekorde.

Fortunato Moratto, Marina-Manager unseres Heimathafens Marina Sant’Andrea in San Giorgio di Nogaro, schaut mich zweifelnd an, als ich ihm eine Woche zuvor davon erzähle, dass wir an der Regatta teilnehmen werden. „Passt auf“, sagt er und blickt zu unserer Levje. Er leitet nicht nur die Marina und betreibt das ortliche Service-Center für Nautor’s Swan, sondern segelte selbst so prestigeträchtige wie gewalttätige Rennen wie das Whitbread Race.

„Ich dachte, du kommst mit uns auf die Matchless, versucht er, mich davon abzubringen, unser Boot in Gefahr zu bringen. Auf diesem Schiff nimmt er seine Marina-Mitarbeiter auch dieses Jahr mit auf die Barcolana. Die 68 Fuß lange Ron-Holland-Yacht gehört eigentlich Giorgio und Betta, die ihm aber nur zu gern in diesem Jahr das Steuer überlassen.

Barcolana 2018
Es ist echt eng auf dem Regattafeld © Susanne Guidera

Wie durch ein Wunder kracht es nicht

An der ersten Boje bereue ich, dass ich das Angebot von Fortunato nicht angenommen habe. Bis dahin haben wir uns wacker geschlagen. Wie durch ein Wunder hat es nirgends gekracht, als sich vor dem Start bei rund 20 Knoten Wind die Maxiyachten Spirit Of Portopiccolo, Tempus Fugit und Pendragon ihren Weg wie Barrakudas durch einen Schwarm Beutefische bahnen. Sie werden als die üblichen Verdächtigen auch in diesem Jahr das Rennen unter sich ausmachen. Aber Dabeisein ist alles.

Wolfgang steuert unbeirrt und sucht sich einen Platz zwischen den beiden Startbojen P und P1, die nahe dem Ufer der Barcola Riviera das Feld markieren. Es muss von dort ein grandioser Anblick sein. Dann ein dumpfer Kanonenschuss – der Start. Plötzlich gewinnt das Durcheinander eine Form. Alle Segel sind angeluvt und streben in die gleiche Richtung: die erste Boje.

Fast aus dem Augenwinkel nehme ich die witzigen Aspekte der Barcolana wahr: Da alle Boote, egal welcher Klasse zugehörig, auf einmal starten, finden sich kleine neben mittelgroßen Segelbooten und Traditionssegler neben Carbonfaser-Yachten wieder. Kurz sehe ich das Boot mit einer Fahne der italienischen Vereinigung für den Chianti Classico, den Gallo Nero. Ich bin nicht sicher… sind das wirklich zwei rundbauchige Chianti-Flaschen, die sie da irgendwie am Schiff festgebunden haben? Vermutlich bin ich regattakrank.

Barcolana 2018
Alle Boote starten auf einmal © Susanne Guidera

Das Nachbarboot ist nur Zentimeter entfernt

Der Wind lässt etwas nach. Das Startfeld, eben noch eine kompakte Masse aus GFK und Segeln, zieht sich auseinander. Längst sind die Maxis entschwunden. In weniger als einer Stunde werden sie den Regattakurs beenden. Doch an der ersten Boje wird es für uns Normal-Segler eng. Sehr eng.

Daniele und ich hechten mit Fendern am Schiff entlang. Die Fender müssen nach dem Reglement mindestens während des Starts außenbords hängen und sollten es für den weiteren Verlauf tunlichst auch bleiben. Denn die Nachbarn sind nur Zentimeter von Levje entfernt. Und das ist keine journalistische Formulierung!

Barcolana 2018
Chianti Classico segelt mit Flaschen gut bestückt mit © Susanne Guidera

Ich frage die Crew des Nachbarboots, ob sie Spaß haben, und ernte fröhliches Gelächter. „We are all in the same boat“, der Slogan der diesjährigen Barcolana, scheint trotz anderslautender politischer Tendenzen hier wirklich zu greifen. Wir fühlen uns alle als ein großes Team – dazu berufen, möglichst keine Löcher in den eigenen und den Rumpf der anderen zu fahren.

Als auf einem der Boote laut und grob geflucht wird, wird der Rufer zurechtgewiesen. „Man schreit nicht auf einem Boot“, weist ihn der Steuermann in die Schranken. Und auch als uns ein Boot regelwidrig die Vorfahrt nimmt, macht unser Nachbar Platz, damit es nicht noch enger wird. Er grinst. Ich atme durch.

Wo bleibt der Starkwind?

Daniele und Wolfgang diskutieren die Taktik. Jetzt eine Wende im nachlassenden Wind? Oder doch nah am Frachter vorbei, um vor der dritten Boje das Feld mit frischem Wind aufzurollen? Egal, Hauptsache jetzt etwas Wind. Plötzlich sehne ich mich nach dem Borin von heute früh zurück. Wir sind immerhin schon vier Stunden im Regattafeld. Über Funk hören wir, dass zahlreiche Boote sich aus dem Rennen zurückziehen.

Maura erzählt mir später, dass ihr Mann auf seiner Jolle immer wieder Rufe von den Booten hörte, die auf Boje 3 zuhielten. Er solle in die andere Richtung segeln. Die Regatta verlaufe schließlich anders herum. Dabei war er mit seinem kleinen Boot noch nicht einmal bis zur ersten Boje vorgedrungen.

Barcolana 2018
Für Marina-Manager Stefano Sponza bedeutet die Barcolana Hochsaison © Susanne Guidera

„Es ist toll, wenn so viele unterschiedliche Boote an diesem Event teilnehmen“, sagt Stefano Sponza, der die Barcolana nur im Zieleinlauf verfolgen kann, weil er bis dahin in der Marina zu tun hat, damit alle rechtzeitig zum Start kommen.

Jubelschreie über Funk

Wir halten durch. Auf dem letzten Stück folgen die Jubelschreie über Funk im Sekundentakt. Wer am Zieleinlauf seine Position per Funk durchgibt, begnügt sich nicht mit einer einfachen Meldung. Sondern ruft sein Glück hinaus. Wie auch wir.

Als wir endlich vor der Piazza dell’Unità in Triest ankommen im Trubel von tausenden Besuchern auf den Molen, fühlen wir uns wie Champions. Eine Runde im Hafenbecken ist Ehrensache. Übrigens: Von 2.689 Booten erreicht unsere Levje Platz 1.256. Und nächstes Jahr? Wer weiß. Fortunato Moratto kam dieses Jahr mit der Matchless übrigens auf Platz 136.

Barcolana 2018
Die Ameriga Vespucci vor Triest © Susanne Guidera

Selbst dabei sein

Wer nächstes Jahr bei der 51. Ausgabe der Barcolana selbst teilnehmen möchte, kann mit seinem Schiff Platz in einer der 20 Marinas des FVG Marinas Network finden. Die Häfen liegen alle nur wenige Seemeilen von Triest entfernt und eignen sich als Stationen für einen Törn in Friaul-Julisch Venetien.

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