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Hurrikan Pablo brachte am Starttag das rennen durcheinander © Wetterwelt
Wetter

Über Süd oder West?

Geht es erst einmal mit Vollgas zum Äquator, wartet dort die flaue Kalmenzone – und danach die Entscheidung, wer gewinnt.

Sebastian Wache
von in
4 Minuten

Die Segelsaison in Nord- und Ostsee ist vorbei und auch im Mittelmeer kehrt immer mehr Ruhe ein. Doch auf dem Atlantik ist einiges los. Neben der Atlantic Rally for Cruisers, die in rund drei Wochen startet, ging es für die wahren Renner der See vor sechs Tagen von Le Havre aus auf den Weg nach Brasilien.

Das Transat Jacques Vabre entpuppte sich als rasante Kaffeefahrt. Von Hurrikans über Herbsttiefs bis Schwachwind war schon zu Beginn des Rennens alles dabei. Die große Schwachwindzone mit den Kalmen am Äquator steht aber noch allen Seglern bevor. Nicht alle Crews wählten die dieselbe Strategie, um optimal voranzukommen.

Beim Rennen nach Salvador de Bahia gilt es zunächst, den herbstlichen Stürmen aus dem Weg zu gehen oder mit ihnen so zu „arbeiten“, dass man windtechnisch seinen Vorteil daraus ziehen kann. Das nächste Ziel ist dann, so schnell wie möglich in den Nordost-Passat zu kommen.

Transat Jacques Vabre

Start zum Transat Jacques Vabre 2019 © Alea/TJV

Hat man ihn erst gefunden, geht es rasch in Richtung Kapverden – und so auch in die Nähe der innertropischen Konvergenzzone, der Kalmenzone. Dort kommt es dann stark auf die aktuelle Wetterlage an und die Breite dieser Zone.

Den kleinsten Flautenkorridor finden

Da hier der Nordost und Südost-Passat zusammenlaufen, geht es auf recht vielen Seemeilen sehr windschwach und flau zu. Tropische Schauer- und Gewitterzellen sorgen hier zusätzlich für Turbulenzen im kaum vorhanden stabilen Windfeld. Das Ziel der Flotte muss daher sein, so weit wie möglich nach Westen zu gehen, um den kleinsten Flautenkorridor zu erwischen – und damit so schnell wie möglich in den Bereich das Südostpassats zu gelangen.

Die aktuelle Wetterlage und auch die Erfahrung zeigen: Dieser Bereich befindet sich nie unter der Küste Afrikas. Meist zeigt sich erst ab 30°W ein zunehmend stabileres Windfeld, mit dem es auf die Südhalbkugel gehen kann. Zwar stören auch hier Schauer und Gewitter die Windströmung. Allerdings ist das Grundwindfeld deutlich stabiler als im gesamten Bereich östlich davon.

Wetterwelt Transat Jacques Vabre

Der Schwachwindbereich des Azorenhochs schließt sich in einem bis zwei Tagen © Wetterwelt

Man kann es mit einem Reißverschlussverfahren im Straßenverkehr vergleichen. Allerdings mit einem, bei dem die Fahrer nicht genau wissen, wie er eigentlich funktioniert. Zunächst treffen die Winde beider Halbkugeln aufeinander – und keiner weiß, wer Vorfahrt hat. Somit geht es wild und turbulent zu. Und ausbremsen tun sich beide Parteien auch noch.

Erst etwas später, wenn sich alles geordnet hat, ab etwa 30°W, ist der Reißverschluss geschlossen. Der Verkehr beziehungsweise der Wind beginnt wieder zu fließen.Hat man den Punkt gefunden, segelt es sich recht schnell in den Passatgürtel der Südhalbkugel und dann unter dem Schutz des dortigen Hochs ohne weitere Störung in Richtung Brasilien.

Hurrikan Pablo taucht unerwartet auf

Nun gab es allerdings bereits die ersten interessanten Ereignisse. Zwei Tage vor dem Start tauchte plötzlich der Hurrikan Pablo auf dem Atlantik auf. Und das an einem Punkt so weit im Osten des Atlantiks, an dem noch nie vorher eine Hurrikanbildung gesichtet wurde. Allerdings ist dieser Sturm glücklicherweise recht schnell direkt nach Norden an Irland vorbei abgezogen. Einige Segler beim Transat Jacques Vabre waren seinetwegen sicherlich schon sehr nervös.

Anschließend ging es auf die Piste, und das Feld teilte sich an Tag 2 bereits. Ein Großteil bog in der Biskaya bereits auf den zu erwartenden Kurs nach Süden in Richtung Kanaren ab. Das andere, kleinere Feld inklusive Boris Herrmann und Alex Thomsen, segeln raus auf den Atlantik. Dort draußen zog ein Tief auf. Und die Strategie dieser Gruppe war, auf dessen Rückseite den nördlichen Wind zu nutzen, um schnell nach Süden zu kommen.

Wetterwelt Transat Jacques Vabre

Gut sichtbar ist die Gruppe der Westkurs-Segler (o. l.) © Transat Jacques Vabre

Das Tief wurde jedoch eingebremst von zwei Hochdruckgebieten, einem Hoch im Osten und einem neuen Hoch im Westen. Diese Entwicklung hatte sich in den Wettermodellen schon angedeutet. Daher war es interessant zu sehen, dass neben der Thomsons „Hugo Boss“, die aus Testzwecken diesen Weg gewählt hatte, auch andere Boote folgten.

Königsweg parallel zur Küste?

Als Königsweg erwies sich daher – trotz Tiefdruckeinfluss und einiger Kreuzschläge – die bekannte Route. Sie läuft parallel zur portugiesischen Küste. Auf der Höhe von Gibraltar muss der schmale Pfad des Azorenhoch-Ablegers mit Schwachwind durchdrungen werden, um in den Passat zu gelangen. Neben den sehr schnellen Multi-50-Booten haben auch einige Imoca-Yachten diesen Weg für das Transat Jacques Vabre gewählt. Sie sehen nun den achterlichen Passat, mit dem es sehr schnell an den Kanaren vorbei in Richtung Kapverden geht.

Die langsameren Class-40-Schiffe und die „Splittergruppe“ im Westen arbeiten noch mit dem Einfluss herbstlicher Atlantiktiefs. Hier scheint sich ein Vorteil gegenüber den in Führung liegenden Booten zu ergeben: Denn das Azorenhoch wird durch erstarkende Tiefs weit nach Westen verdrängt. Damit zeigt sich räumlich der erwünschte Passat deutlich früher und besser als für die bisherige Spitzengruppe.

Wetterwelt Transat Jacques Vabre

Kniffelige Zone am Äquator: schwacher Wind südlich der Kapverden © Wetterwelt

Vollgas bis zum Äquator

Aus aktueller Sicht wird sich kaum noch Schwachwind zeigen. Damit kann bis zum Äquator Vollgas gefahren werden. Auch Boris Herrmann scheint Wind gefunden zu haben, wie sein heute (Samstag) um 16 Uhr veröffentlichtes Video zeigt. Erst hier wird sich das Rennen dann vollends entscheiden. Die Frage ist: Wer geht wo am besten und schnellsten über die innertropische Konvergenzzone? Wer erwischt den kleinsten Kalmenbereich ohne viel Raumverlust?

Es bleibt also spannend. Hier geht es zum Race-Tracker.

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