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Das Segelschulschiff Roald Amundsen © veter i volny
Jugendaustausch

Veter i Volny – Wind und Welle

Mit dem Segelschulschiff Roald Amundsen von Riga nach St. Petersburg

Sandra Fahl
von in
6 Minuten

„Wir verzichten für eine Zeit auf Luxus und Konsum, wir sind ja nicht auf dem Kreuzfahrtschiff.“ Auf einem traditionellem Segelschulschiff wie der Brigg Roald Amundsen zu segeln, bedeutet Arbeit.

14 Tage segeln wir von Riga nach St. Petersburg, Tag und Nacht und das in drei Wachwechseln: vier Stunden arbeiten, vier Stunden ruhen. Wir schlafen in festen Kojen in 4-Personen-Kajüten. Unter Deck gibt es Dusch- und Waschräume und achtern eine große Messe, die Kombüse und die Navigation. Die Roald Amundsen ist als Brigg mit zwei Masten getakelt und bietet unter Vollzeug insgesamt 850 qm Segelfläche bei einer Rumpflänge von 40,8 Metern. Die Besatzung besteht aus einer Stammcrew von 16 Personen. 32 Mitseglerinnen ohne Vorerfahrung haben Platz an Bord. Das sind wir.

Mein Wecker klingelt in aller Herrgottsfrühe. Stulle auf die Hand, ab in die S-Bahn, weiter durch den Hamburger Hauptbahnhof in den Provinzflughafen – und da steht sie, meine Reisegruppe: „veter i volny“, russisch für Wind und Welle. Bei dem Jugendaustauschprojekt lernen wir Teamwork und interkulturelle Kommunikation auf einem Segelschulschiff. Das dient der Völkerverständigung und Förderung traditioneller Seemannschaft. Kurze Vorstellungsrunde und ab in die Luft, nach Riga, zum Starthafen unserer Segelreise nach Russland.

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Die Roald Amundsen am Pier © veter i volny

Jeder darf, niemand muss

In der Hansestadt Riga verbringen wir zwei spannende Tage, bevor wir auf die Roald Amundsen gehen. An Board heißen uns Kapitän Ulli und die Stammcrew herzlich willkommen. Dann kommt die Sicherheits- und Riggeinweisung. Auf der Roald Amundsen gilt: Jeder darf ins Rigg steigen, niemand muss. Die ersten lernen den Tampenplan schon im Hafen von Riga auswendig. Die vielen Segel des Rahseglers – es sind achtzehn in Summe – sind schon verwirrend zu Anfang. Aber die Stammcrew und erfahrenen Trainees helfen uns, schließlich ist die Roald Amundsen ein Schulschiff. Nach der Riggeinweisung laufen wir mit Hilfe eines der Rahsegel am Vortopp, der Voruntermars, und der Maschine aus dem Hafen von Riga aus. Der Leuchtturm von Riga wird in der Abendsonne bei meiner ersten Wache auf See immer kleiner.

Wie auf jedem Traditionssegler gilt für die Besatzung: Man sollte schlafen, solange man nicht durch Arbeit davon abgehalten wird.

Die Crew lernt in den nächsten Tagen Segelsetzen und Steuern unter Segeln. Irgendwann krängt die Roald so stark, dass trotz der harmlosen, kabbeligen Ostseewelle spontaner Brechreiz in der Seemannschaft ausbricht. Nach einer Nacht geht es den meisten aber wieder besser und nur noch wenige liegen matt in den Kojen. Langsam gewöhnen wir uns an den Bordalltag, und die Crew entwickelt bei ihren Aufgaben erste Routine.

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Segeltheorieunterricht an Deck © veter i volny

Beim Auslaufen in Riga hatten wir zwei Optionen: entweder ein Zwischenstopp zum Sightseeing und zur Müllentsorgung in Tallinn oder einer in Helsinki. Den gesamten Proviant für die Reise nach St. Petersburg haben wir bereits in Riga gebunkert und dabei unzählige Kisten Lebensmittel in den Lasten der Roald Amundsen verstaut. Unser Kapitän entscheidet sich aufgrund des Wetters für Tallinn, das geht natürlich vor! Manchmal träumen wir auf der Brücke heimlich noch vom finnischen Salmiakii.

Im Sonnenaufgang fahren wir durch das Fahrwasser auf Tallinn zu. Die malerische Altstadt liegt wie die von Stockholm erhöht auf einem Felsen und ist bereits bei der Ansteuerung der Marina sichtbar. Das Ansteuern und Anlegen dauert fast den ganzen Tag. Zwischendurch kommen Grenzer in Uniform an Bord. Neben der Passkontrolle suchen sie unerlaubte Waffen, Alkohol, Tabak und sonstige Drogen. Uns bleibt die Volksdroge Zucker: Süßigkeiten aus dem Konsum, Nachtisch und leckere Kuchen, den unsere Backschaft mit dem Smut Ulli zaubert.

  • JugendsegelnAusguck gehen © veter i volny
  • JugendsegelnDas Vortop-Rigg © veter i volny
  • JugendsegelnStagreiter der Vorsegel © veter i volny

Alle sind hoch konzentriert und so glückt das Anlegemanöver mit unserer Stammcrew sehr souverän. Wir genießen es, kurz wieder an Land zu sein: Wir besuchen das Schifffahrtsmuseum und sehen die Lembit, das letzte estnische U-Boot. Teilweise herrscht bereits Verwirrung über die lokale Zeit. An Bord sind die meisten Instrumente auf UTC gestellt. Die Uhr in der Messe misst in MESZ (UTC+1). Meine Armbanduhr zeigt bereits Zeitzone Helsinki, St. Petersburg (UTC+2). Irgendwie schaffen wir es als Gruppe trotzdem, uns pünktlich in Tallinn wiederzutreffen.

Wir schreiben Postkarten und nutzen die Zeit auf See für elektronischen Detox: Wir sind einfach nicht erreichbar. Am nächsten Tag erfolgt die Anweisung zum vollständigen Abriggen der Gangway. Die örtliche Polizei verlässt uns zuletzt. Wir legen ab und lassen die Molenköpfe der Marina hinter uns. Am Ende des Fahrwassers vor Tallinn ändern wir den Kurs stark nach Osten in Richtung St. Petersburg.

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Das Großtop-Rigg © veter i volny

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Sandra am Ruder © veter i volny

Schon bald sind wir in Russland. Ich erinnere mich, wie ich 2016 in Imatra in Finnland vier Kilometer vor der russischen Landgrenze auf dem Hof eines finnischen Elektrostahlwerks stand und die nach Russland rollenden Züge beobachtete. Auf der zugefrorenen Landstraße im Wald hing dort ein Straßenschild: St. Petersburg – 150 Kilometer. Seitdem zog mich die Richtung Osten an wie die Ausgleichsmagneten den alten Kompass der Roald. Jetzt bin ich da.

Wir steuern mittlerweile meistens um die 90 Grad exakt Kurs Ost. Dieses Seegebiet ist eher unspektakulär. Am Ufer in der Ferne erkennt man den gleichförmigen russischen Wald. Wir fahren parallel zu den Handelsschiffen im Fahrwasser und klären über Funk, wann wir den Lotsen an Bord nehmen. Die 4-8-Wache hat entsprechend Langeweile.

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Die Roald unter Vollzeug © veter i volny

Interkulturelles Segelsetzen

Trotzdem sind wir motiviert, in die beiden Toppen aufzuentern und zu arbeiten. Deshalb segelt die Roald am Ende unter Vollzeug und das Dinghi wird ausgesetzt, damit Ana Fotos machen kann. Am meisten Ärger machen beim Setzen des letzten Segels leider – wie immer bei großen Gaffelsegeln – die Korallen des Klaufalls am Brigg-Segel. Die sogenannten Korallen sind große, auf dem Klaufall aufgefädelte Holzperlen, die eigentlich dafür sorgen sollen, dass die Gaffel reibungsarm am Mast hochgezogen werden kann. Leider bilden sich beim Setzen des Brigg-Segels meistens Überläufer. Außerdem fehlt vielen der erfahrenen Rahsegler das Wissen über dieses Gaffelsegel. Wir müssen also beim Setzen des Brigg-Segels häufig nachdenken und weiter üben.

Später am Nachmittag nehmen wir den Lotsen an Board und ankern im Hafen von Kronstadt. Beim Captain’s Dinner singen wir als 4-8-Wache zur Melodie von „Come on lets twist again“:

“Come on lets Setz again
Setz das drecks Briggsegel
Do you remember how …”

Wir fallen spät in unsere Kojen und die Stammcrew fährt die Roald Amundsen nachts zusammen mit dem Lotsen unter Motor nach St. Petersburg. Wir genießen die Stadt, feiern eine große Decksparty und führen den deutschen Botschafter und die Eltern der russischen Teilnehmer über und durch das Schiff. Wir erleben die berühmte „Weiße Nacht“ und die extreme Beleuchtung der Innenstadt. In einem Stadtpark übergeben wir die Veter i Volny-Flagge an die Gruppe des Jugendaustausch-Törns Nummer drei, die mit der Roald Amundsen bald weiter nach Stockholm segelt.

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Spaziergang durch St. Petersburg © veter i volny

Aus dem Airbus schaue ich am Sonntagmorgen auf die Hafenmolen von Kronstadt und auf die blattgoldverzierte Kirche, wo am Tag zuvor noch die Roald lag. Nun ist der Ankerplatz leer. Das Flugzeug gewinnt weiter an Höhe. Die in Warnfarben gestrichenen Kraftwerkstürme rasen am Fenster vorbei. Sie dienten uns während der Reise auf der Ostsee im Ausguck zur Orientierung.

Ich lasse in Gedanken den Törn an mir vorüberziehen und bin überrascht, wie gut die Verständigung zwischen den deutschen und russischen Trainees und der Stammcrew funktioniert hat. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten und unterschiedlicher Nationalitäten haben wir unsere Brigg als Crew sicher von Riga nach St. Petersburg gesegelt. Kommuniziert wurde dabei auf deutsch, russisch, englisch und sehr viel nur durch Körpersprache. Wir sind dabei zu einer eingespielten, funktionierenden Crew zusammengewachsen.

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Zurück nach Stockholm © Roald Amundsen

Das Projekt Veter i Volny

Das Projekt veter i volny bietet interkulturelle Verständigung auf einem Segelschulschiff. Die Jugendlichen überwinden dabei gemeinsam persönliche, soziale und strukturelle Grenzen. Finanziell gefördert wird das Jugendaustauschprojekt Veter i Volny von der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch gGmbH, der Senatskanzlei der Freien und Hansestadt Hamburg, von Rosmorport und dem Tall-Ships Friends Deutschland e.V.. Organisiert und durchgeführt wird das Projekt von ehrenamtlichen Mitarbeitern und Teamern des deutsch-russischen Begegnungszentrums, der NGO Interra und MitOst Hamburg e.V. sowie der Stammcrew der Brigg Roald Amundsen.

Die Sail Training Association Germany ist der deutsche Zusammenschluss von Segelschulschiffen. Die S.T.A.G. unterstützt Teilnehmer von Jugendprojekten finanziell im Rahmen eines gezielten Jugendförderprogramms. Insbesondere Schülerinnen und Studenteninnen ermöglicht die finanzielle Unterstützung die Teilnahme an den ansonsten recht kostspieligen Seereisen. Da ich selbst momentan noch studiere, wurde meine diesjährige Reise auf der Roald Amundsen nach St. Petersburg finanziell durch die S.T.A.G. gefördert.

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