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Presseisrücken am Geographischen Nordpol, 17. April 1990 © Matti und Keti / CC-BY 3.0
Meeres-Geografie

Wahre und falsche Nordpole

Wieviel Nordpole gibt es eigentlich? Und wo liegen diese Extrempunkte? Eine kurze Einführung in geografische, magnetische und andere Pole.

von
Maik Ulmschneider
in
4 Minuten

In der Schule lernt man, dass es auf der Erde einen Nordpol und einen Südpol gibt. Oben der Norden mit seinen Eisbären und unten der Süden mit seinen Pinguinen. Arktis und Antarktis, Pol und Gegenpol. Später bei den Pfadfindern kam mir der Verdacht, dass es vielleicht doch nicht ganz so einfach ist. Wieviele Pole gibt es eigentlich, und wie peilt man sie an?

Als wir uns mit dem Kompass nach Marschzahl durchs Gelände schlugen, war da etwas von Missweisung als Winkel zwischen magnetisch und geografisch Nord im Gespräch. Der Peilring am Kompass musste in unseren mitteleuropäischen Wandergebieten um zwei bis drei Grad gedreht werden, damit es mit der Karte passte.

Über so eine geringe Abweichung von einem Wegpunkt zum nächsten habe ich mir aber nicht den Kopf zerbrochen. Ob ich das Zeltlager auf der rechten oder linken Seite erreichte, war irgendwie egal.

Das änderte sich schlagartig, als ich anfing, segeln zu lernen. Und die Rechenketten von wahr nach falsch und falsch nach wahr meinen Kopf regelmäßig zum Rauchen brachten. Was war denn nun genau wahr und was falsch und warum?

Falsch war, was der Kompass anzeigte

Falsch war auf jeden Fall das, was der Kompass anzeigte. Und wahr war, dass es nicht einen, sondern zwei Nordpole zu beachten gibt: den geografischen Nordpol und den magnetischen Nordpol. Wahr war auch, dass die falschen Kompassangaben sich über Missweisung und Deviation in wahre Werte beschicken. Sie ließen sich also übertragen, damit der Kompass uns auch in der wahren Welt den richtigen Weg zeigen konnte.
KompassnadelDie Kompassnadel zeigt Richtung magnetisch Nord © CC BY-SA 3.0

Mit diesen zwei Nordpolen konnte ich eine zeitlang ganz gut leben. Ich bin über den Atlantik gekommen und auch über den Äquator und hatte mich auf See trotz aller Unwahrheiten nicht verlaufen.

Jetzt allerdings bereite ich mich auf eine Reise vor, die mich näher an diese unwirtlichen Orte in höchsten Breiten bringen wird als alle meine Reisen zuvor. Dort, in Polnähe, sind viele Dinge anders. Vieles, was ich über Karten und Kompass, GPS und Satellitenkommunikation wusste, gilt dort schlicht nicht mehr.

Aus zwei mach drei Pole

So lerne ich nicht nur voll Entsetzen, dass ich dort aufgrund fehlender Fliehkraft und größerer Nähe zum Erdmittelpunkt fast ein Pfund schwerer sein werde. Sondern auch, dass es einen dritten Nordpol gibt, von dem ich bisher noch gar nichts gehört hatte: den geomagnetischen Nordpol. Und ich lerne, dass mein Kompass eigentlich zu keinem der drei genannten Nordpole zeigt.

Warum also drei Nordpole? Spoiler: Es gibt noch zwei weitere, aber dazu später mehr.

Die Nordpole
Geografischer, magnetischer und geomagnetischer Nordpol © The Guardian

Die Sache mit dem geografischen Nordpol ist relativ einfach erklärt. Er ist der nördliche Schnittpunkt der Erdoberfläche mit der Rotationsachse der Erde. Es ist ein genau definierter Ort, der sich nur äußerst geringfügig ändert und sich deshalb gut als Referenzpunkt beispielsweise für Seekarten eignet.

Der magnetische Nordpol dagegen ist der Ort, an dem die magnetischen Feldlinien der Erde senkrecht auf die Erdoberfläche treffen. Im flüssigen äußeren Erdkern befinden sich Ladungen hauptsächlich in Form von Eisen. Sie bewegen sich aufgrund der Erdrotation. Dieser Erddynamo erzeugt ein Magnetfeld.

Da sich die Verteilung der Ladungen und damit auch das Magnetfeld der Erde ständig ändert, bewegt sich auch der magnetische Nordpol. Etwa alle 500.000 Jahre kommt sogar alles durcheinander und Nord- und Südpol tauschen ihre Plätze, das nennt man dann Polsprung.

Keine Fühlung am Nordpol

Ein sich auf der Erdoberfläche befindlicher Magnetkompass wird ungefähr zum magnetischen Nordpol zeigen. Genauer gesagt wird er sich an den horizontalen magnetischen Feldlinien an seiner jeweiligen Position ausrichten. Da das Magnetfeld der Erde allerdings nicht sehr homogen ist, wird der Kompass nur „ungefähr“ zum magnetischen Nordpol zeigen.

Interessant ist auch, dass er in der Nähe des Nordpols überhaupt nicht mehr zur Navigation geeignet ist. Denn hier geht der horizontale Anteil der Feldlinien, und nur die kann ein Kompass „fühlen“, gegen Null. Ein Kreiselkompass kommt aufgrund der stark abnehmenden Zentrifugalkraft – die in ungünstigerem Winkel (aus der Erdrotation) wirkt – in Polnähe schon wesentlich früher an seine Grenzen.

Das Magnetfeld ist nahe der Erdoberfläche inhomogen, da die Ladungen, die es erzeugen, in der äußeren Erdkruste ungleichmäßig verteilt sind. Weiter oben in der Stratosphäre gleichen sich diese Unregelmäßigkeiten jedoch wieder aus und der geomagnetische Nordpol ist nun der Punkt, an dem das Ende dieses Höhenmagnetfeldes senkrecht zur Erdoberfläche abfällt.

Nordlichter
Polarlicht © S. Hendricks

Hochgelegene astro-atmosphärische Effekte wie beispielsweise Nordlichter konzentrieren sich um den geomagnetischen Nordpol. Auch dieser Pol wandert etwas umher, allerdings nicht mit einer solchen Dynamik wie der magnetische Nordpol. Im Moment ist er fest in kanadischer Hand. Alles schon gewusst? Nicht schlecht! Doch es wird noch interessanter.

Nicht zu vergessen: der Weihnachtsmann

Der vierte Nordpol wird Nördlicher Pol der Unzugänglichkeit genannt. Er ist der Punkt im Arktischen Ozean, der am weitesten von jedem Land entfernt ist. Die Arktis ist ein Ozean, umgeben von Land, im krassen Gegensatz zur Antarktis, welche Land ist, umgeben von einem Ozean. Erdzeitalterlich gesehen befinden wir uns – trotz aller globaler Erwärmung – immer noch in einer Eiszeit.

Geologisch sind Eiszeiten die Ausnahme von der Regel, vernachlässigen wir Zwischeneis- und Zwischenwarmzeiten, ist diese erst die fünfte Eiszeit, die die Erde gesehen hat – also Zeiten, in denen die Polkappen ganzjährig mit Eis bedeckt sind.

Es ist daher wahrscheinlich, dass der Nordpol der Unzugänglichkeit irgendwann in ferner Zukunft nicht mehr so unzugänglich ist und auch seglerisch wieder erreichbar sein wird. Plattentektonische Bewegungen sorgen dafür, dass auch dieser vierte Nordpol seinem Standpunkt nicht immer ganz treu bleibt. Einen weiteren Pol der Unzugänglichkeit gibt es auch im pazifischen Südmeer, den Point Nemo, der durch die letzte Vendée Globe in unseren Blick rückte.

Stadtschild
Hier bekommt der Weihnachtsmann seine Post © Explore Fairbanks

Und zu guter Letzt ist da noch North Pole, Alaska, in den USA. Diese kleine Stadt in Zentralalaska ist mit Abstand jener Nordpol, der am weitesten von allen natürlichen Polen entfernt ist. Doch hier bekommt der Weihnachtsmann seine Post, denn der US Postal Service betreibt dort das Santa Claus Post Office. Allerdings nicht mit direktem Zugang zum Meer. Hier fließt, voraussichtlich für alle Zeit unerreichbar für Segler, nur der beschauliche Tanana River vorbei.

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