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Die Freiheit fest im Blick © Ross Tinney, CC0 1.0 Universal (CC0 1.0) https://unsplash.com/@yinney
Essay

Was treibt den Mann aufs Meer?

Wer zur See fährt, segelt im Windschatten mächtiger Mythen und klangvoller Klischees.

Stefan Gerhard
von in
3 Minuten

Der Mann muss hinaus in die Ferne, denn „dort, wo man lebt, scheint alles viel zu klein“. Das wusste schon Freddy Quinn. Und fährt ein weißes Schiff nach Hongkong, so treibt es den Mann, ein frohes Lied auf den Lippen, seit jeher auf See: „Da zieht man in die Fremde und fragt nicht lang, wie wird die Zukunft sein.“ Vor ihm liegt der Ozean, endlose Projektionsfläche für Verheißungen aller Art, denen das männliche Geschlecht gern erliegt.

Ernest Hemingways alter Mann auf dem Meer dachte an die See immer nur als an „la mar, so nennt man sie auf Spanisch, wenn man sie liebt. Manchmal sagt einer, der sie liebt, böse Dinge über sie“. Zum Beispiel, wenn der gewaltige Thunfisch, mit dem der Fischer drei Tage lang gerungen hat, von den Haien gefressen wird: „Aber er sagt es immer, als ob es sich um eine Frau handle.“

Der Mann: je sturer, desto heldenhafter

Der einsame Zweikampf mit dem Fisch erscheint wie der ewige Kampf des Menschen, des Mannes mit der Natur – je sturer, desto heldenhafter. So ist der alte Mann nach dem sinnlosen Kräftemessen mit den Flossenträgern nicht verbittert, sondern geläutert: Prüfung bestanden.

Christoph Kolumbus stach in See, um die eigenen Schulden in sicherer Entfernung zu wissen. Viel zu verlieren hatte er nicht mehr, egal, wo die „Santa Maria“ anlegen würde. James Cook umrundete den Globus gleich dreimal und bekam schließlich auf Hawaii den Schädel eingeschlagen. Warum fährt einer weiter als je ein Mensch zuvor, um am anderen Ende der Welt den Tod zu finden?

Das Meer, das seit römischem Recht – „mare commune omnium est“ – allen gehört, erscheint für boat people, also Pilgervätern wie Flüchtlingen aus Nordafrika und Mittlerem Osten als Königsweg zu Wohlstand und Freiheit. Am Horizont lockt außer Reichtum auch das Abenteuer: Mal nachsehen, ob die Erde nicht doch eine Scheibe ist.

Der Wirtsjunge Jim Hawkins lässt sich durch eine Landkarte zur Schatzinsel von Piratenkapitän Flint locken, was den Beginn einer wunderbaren Männerfeindschaft zwischen Jim und Long John Silver, dem einbeinigen Schiffskoch, markiert. Als keine neuen Ufer mehr da waren, tauchten Ozeanologen wie Hans Hass und Jacques Cousteau in die Geliebte ein, Haien und dem Rochen Manta hinterher.

Endlose Weiten bietet heute allein das All

Ist es nur Zufall, dass der Kommandant der USS Enterprise aus Star Trek Next Generation denselben Nachnamen trägt wie Tiefseeforscher und Tauchrekordhalter Jacques Piccard? Hier läuft männlicher Entdeckerdrang auf Grund, endlose Weiten bietet heute allein das All. Rund um die Raumstation schaukeln allerdings keine sanften Wogen mehr. Freiheit, Überblick und Einsamkeit, die komplette Loslösung von irdischer Last wird mit einem Schwebezustand erkauft, der Männern eigen ist – in einer ewigen orbitalen Kreisbahn zwischen Fliehkraft und Erdanziehung, die Meere, Symbol für das Leben, fest im Blick und unerreichbar.

Ein Mensch, der zur See fährt, segelt im Windschatten mächtiger Mythen; Helden, an deren starke Schultern man sich lehnen kann – vorausgesetzt, man ist männlich. Kraft, Selbstvertrauen, Potenz, Mut und Ausdauer vereinigt der Seemann in sich: Seine Braut ist die See, Rum trinkt er buddelweise, und den wartenden Frauen in jedem Hafen sagt der promiske Seebär: Ein Schiff wird kommen. Maritime Klischees legt auch die Werbewirtschaft der Zielgruppe Mann traditionell mit in den Warenkorb: Vitalität (Beck’s), Freiheit (Jever) und Mut (Deo Cliff) – sail away zum nächsten Flaschenbier.

Mit 14 Männern auf der Hochgeschwindigkeitsgaleere

Was heute kaum mehr denkbar ist: Beim Whitebread Round the World Race 1997 sind schnelle Yachten noch Vehikel für den Imagetransfer von Filterzigaretten. Für die Proficrews ist die 58.000 Kilometer weite Regatta auch eine Dienstleistung für die Sponsoren, das neun Monate lange Rennen selbst ist eine Art horizontales Bungee Jumping von einem Tiefdruckgebiet zum nächsten. Was zählt, ist Tempo.

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© Ross Tinney CC0 1.0 Universal (CC0 1.0) https://unsplash.com/@yinney Ein Mann lässt sich nicht festbinden

Seemannsromantik unserer Zeit bedeutet, für Monate mit 14 Männern auf acht Quadratmetern auf einer Hochgeschwindigkeitsgaleere zu leben. Die Desperados unter den Einhandseglern lassen sich alle Jahre wieder aus dem Südpazifik ziehen, heute alle an langer Leine mit Satellitennavigation und einsatzbereiten Hubschraubercrews. So komfortabel können Einsamkeit und Freiheit sein.

Frauen erobern die Enterboote

Eine solche Logistik leisten sich auch Nichtregierungsorganisationen wie Sea Shepherd und Greenpeace mit einer Art permanenter Camel Trophy für Umweltschützer. Zwischen Bombentestzonen, illegalen Walfängern und schrottreifen Ölplattformen konterkarieren die Umweltschützer jede Männerromantik: Im Schlauchboot und im Helikopter, wo sonst harte Männer allein sind, sitzen selbstverständlich auch weibliche Campaigner.

Nicht jeder, der in See sticht, will etwas entdecken: Manchmal heißt das Ziel Vergessen. Wer an Land nicht klarkommt, wählt oft den Kampf mit den Naturgewalten. Die Flucht nach vorn Richtung Horizontlinie gilt seit jeher als lautere Lösung für seetüchtige Herren, um sich Schulden, Frauen, Kindern, Bibel und Fibel zu entziehen – und anderen Zumutungen des modernen Lebens. Zumindest bis zum nächsten Hafen.

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