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In klassischer Begleitung fährt die Peking an Blankenese vorbei © Tommy Loewe
Historischer Rahsegler Peking

Welcome home, Peking

Großes Hafenkino für die Peking in Hamburg: Hunderte Boote begrüßen hupend den Viermaster.

von
Tommy Loewe
in
7 Minuten

Was für ein Finale: Als der historische Viermaster Peking mittags an der Unterelbe losmacht, folgen ihr schnell Dutzende von Booten. Kurz vor dem Villenvorort Blankenese ist es bereits eine kleine Flotte, dazu Ruderer und Tretbootfahrer in Ufernähe.

In Hamburg schließlich gibt es lautstarken Empfang für den Rahsegler: Viele Schiffe begrüßen die alte Viermastbark, die nach Jahrzehnten im Exil aus New York heimgekehrt ist, mit dem Typhon. Es ist eine Stimmung wie auf dem Dom, dem traditionellen Hamburger Volksfest.

  • Rahsegler PekingIm Segelboot begleitet Tommy Loewe die Peking © Tommy Loewe
  • Rahsegler PekingEs wird immer enger, je näher die Peking dem Hamburger Hafen kommt © Tommy Loewe
  • Rahsegler PekingLotsenboote begleiten die Peking in den Hafen © Tommy Loewe
  • Rahsegler PekingIm kabbeligen Elbewasser ist manchmal kein Rankommen © Tommy Loewe

Zwischen zwei Schleppern passiert der historische Viermaster auch seinen Ursprungsort: die Werft von Blohm & Voss. Hier wurde die Peking vor 112 Jahren gebaut – im Schatten der gewaltigen Trockendocks, die bald umgestaltet werden sollen, wirkt das Schiff heute fast so klein wie ein Spielzeug. Doch wer sich dem 115 Meter langen Stahlrumpf nähert, ist von den gewaltigen Dimensionen des einstigen Frachtseglers überwältigt.

Begehbares Zeugnis

Die Peking ist erkennbar das größte Exponat des Hamburger Hafenmuseums, das 2023 in einem Neubau eröffnen soll: als begehbares Freiluft-Zeugnis der Schifffahrtsgeschichte in Deutschlands größtem Hafen.

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Viermastbark Peking
Fertig zum Segelsetzen: Auf den Nagelbänken (links) sind die Tampen für Segel und Rahen belegt © Stiftung Hamburg Maritim

Der stolze Windjammer stellt buchstäblich den Höhepunkt einer Epoche dar, die mit ihr auch schon zu Ende ging: die der stählernen Rahsegler, deren Masten bis an die Wolken stießen und deren riesige Rümpfe erst bei Starkwind so richtig in Fahrt kommen. Größer als die Peking und eine Handvoll weiterer Schiffe hat man niemals mehr gebaut.

Laura Lühnenschloß erklärt, warum das so ist: Die stellvertretende technische Leiterin des Museumsschiffes Peking war bereits als Vorarbeiterin bei der Takelung der Peking dabei. Zu ihren Aufgaben gehörten auch das Spleißen und Bekleeden, bei dem die Stahlseile mit Tüchern, Labsal und geteertem Hüsing-Garn umwickelt werden, um sie vor Rost zu schützen.

Viermastbark Peking
Das doppelte Steuerrad auf der Back dient nur noch der Zier, das Ruder ist funktionslos © Stiftung Hamburg Maritim

Ein autarkes System

„Ein Segelschiff ist ein autarkes System“, sagt sie. Bei Sturm auf hoher See, Tausende Seemeile von Land entfernt, musste – und muss auch heute noch – die Besatzung in der Lage sein, Schäden jederzeit ohne fremde Hilfe instand zu setzen. „Daher haben die Drähte eine Dimension, die man gerade noch an Bord bearbeiten kann.“

Lühnenschloss war jahrelang als festes Crewmitglied auf den Traditions-Großseglern „Thor Heyerdahl“ und „Eye of the Wind“ unterwegs. Sie ist mit der Arbeit auf Dickschiffen also mehr als vertraut. Auch wenn die Trossen, die Masten und Rahen der Peking halten, noch zwei Nummern größer sind.

Die stärksten erreichen mit vier Zentimetern mehr als Fingerdicke. Insgesamt sind fast 15 Kilometer Drahtseil in dem riesigen Spinnennetz verbaut, das die Peking erst zu dem macht, was sie ist: ein Segelschiff.

Viermastbark Peking
Fertig aufgeriggt: Die Peking ist ein Viermaster, der höchste Mast ragt 51 Meter über das Deck auf © Stiftung Hamburg Maritim

Kaum Pläne erhalten

Konstruiert hat das alles die Holländerin Marijke de Jong. Sie musste fast noch einmal von vorn anfangen: Vom originalen Segelplan existieren nur noch sechs Detailzeichnungen der Werft Blohm & Voss. Der Rest ist bei der Sturmflut von 1962 – auch ein Stück Hamburger Geschichte – unwiederbringlich verloren gegangen.

So baute Marijke auch die Brasswinschen nach – historische Seilwinden, mit denen das An-den-Wind-Bringen der riesigen Rahsegel an tonnenschweren Rahen auch einer kleinen Mannschaft erst Ende des 19. Jahrhunderts möglich war.

Durch diese Entwicklung ließ sich damals Personal einsparen. Ein wichtiger Kostenfaktor im Wettbewerb mit den Dampfschiffen, die die Peking und ihre Schwestern erst in den 1930er-Jahren endgültig vom Markt verdrängten.

Viermastbark Peking
Unbeladen: Trug die Peking Fracht, war der weiße Wasserpass komplett untergetaucht © Stiftung Hamburg Maritim

Ingenieurin mit Boot

Ihrer neuen Aufgabe stellte sich Marijke mit hoher Motivation. Sie wohnte während der Bauzeit sogar mit ihrem Projekt Wand an Wand: Die Ingenieurin machte ihr eigenes Schiff, gemeinsame Heimat von ihr und ihrem Hund Tessi, monatelang neben der Peking fest. So hatte sie den kürzesten Weg zur Arbeit.

Ihr Resümee über die Herkulesaufgabe: „Die Takelage eines Schiffes ist ein organisches System. Was die Crew an einem Ort tut, wirkt sich auf einen anderen aus. Alles muss perfekt zusammenpassen. Erst Im Einsatz beim Segeln wird klar, ob dies erreicht wurde.“

Ob die Mühen von Marijke und zwei Dutzend weiterer Fachkräfte sich gelohnt haben, bleibt allerdings bis auf Weiteres offen: Die Peking ist gekommen, um zu bleiben. Sie hat keine Zulassung für Fahrten, weder unter Segeln noch unter Motor. Sonst wären die Instandsetzungskosten, mit 120 Millionen weit unter denen des Segelschiffs Gorch Fock, erheblich höher gewesen.

Aber in Hamburg warten neue Aufgaben auf sie! Welche ist die wichtigste?

Viermastbark Peking
Nur zwei Rahen – Bäume, an denen die Segel angeschlagen werden – waren erhalten, 18 weitere wurden rekonstruiert © Stiftung Hamburg Maritim

Traditionen erhalten

Vor allen anderen steht die Repräsentationsaufgabe: als schwimmendes Wahrzeichen für die Hansestadt. Da befindet sich die Peking bereits in guter Gesellschaft: Vom Stückgutfrachter Cap San Diego bis zum Lotsenschoner No. 5 Elbe, der derzeit in Dänemark instand gesetzt wird, erinnert in Hamburg bereits eine ansehnliche Flotte an die lange Seefahrtsgeschichte.

Auch an Bord der Peking sollen bald Besucher Bord gehen. Sie dürfen dann gebannt in die bis zu 51 Meter hohen Masten schauen und ihre Blicke im Spinnennetz der insgesamt mehr als 21 Kilometer Taue und Trossen verlieren. Das Schiff auf den Stand zu bringen, so wie es vor 100 Jahren im Hamburger Hafen mehrere Wochen im Jahr zwischen seinen Hin- und Rückreisen nach Amerika gelegen haben mag, ist gelungen.

Hans-Jörg Czech, Direktor der Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH), geht es vor allem um den Erhalt des immateriellen Kulturguts, dem Weitergeben traditioneller Handwerkskunst über alle Grenzen und Generationen. Denn zur Ausbildung des Seefahrers gehörte von jeher der handwerkliche Erhalt von Takelage und Schiff.

Viermastbark Peking
Drahtgewirr: Über 20 Kilometer stehendes und laufendes Gut stützen die vier Masten © Stiftung Hamburg Maritim

Alte Berufe erhalten

Bis zum tragischen Untergang der „Pamir“, die wie die Peking einst Teil der Handelsflotte von Ferdinand Laeisz, mussten in Deutschland ausgebildete Nautiker eine Zeit auf Großseglern gefahren sein. In Dänemark wirkt sich noch heute eine Fahrenszeit auf den Schulschiffen „Danmark“ oder „Georg Stage“ positiv beim Berufseinstieg aus.

Bei uns in Deutschland, wo es den Ausbildungsberuf Takler oder Schiffszimmerer nicht mehr gibt, möchten noch heute viele junge Leute, die eine Bootsbauer oder Segelmacher-Ausbildung absolvieren, diese Arbeiten lernen.

Matthias Krüger von der Bootsbauer Berufsschule Priwall hat seinen Schülern deshalb die Möglichkeit gegeben, bei der Peking mitzuarbeiten. Auch Seeleute wie Carla, Jan und Celine, die auf Traditionsseglern fahren, sind von dem altem Handwerk begeistert und nehmen das beim Restaurieren der Peking erworbene Wissen mit auf „ihre“ Schiffe, um es dort zu üben und weiterzugeben.

Noch vier P-Liner sind erhalten

Technisch sind mit den Laeisz-Seglern, deren Name sämtlich mit dem Buchstaben P beginnen und von denen es heute noch vier gibt („Pommern“ bei den Aaland -Inseln, die „Passat“ in Travemünde und die „Kruzenstern“ in Russland als das einzige noch segelnde Schiff), als Frachtsegler ausentwickelt.

Schnellere und effizientere Schiffe konnten nicht mehr konstruiert werden angesichts des technischen Fortschritts in Gestalt von Dampfmaschine und Dieselmotor. Auch wenn die Windjammer anfangs zumindest im Tempo mithalten konnten, wurden sie bald ausgemustert.

Bewegte Geschichte

Nur 32 Seeleute segelten die Peking von 1912 bis 1932 mit bis zu 17 Knoten rund Kap Hoorn nach Chile, um Industriegüter aus- und Salpeter einzuladen. Die Laeisz-Familie hat daran gut verdient: Bereits nach vier Fahrten war der Kaufpreis von 680.000 Goldmark zurück.

Nach dem ersten Weltkrieg saß die Peking in Chile fest, wurde dann als Reparationsleistung Italien zugesprochen. Reeder Laisz schickte seine Seeleute aufs Schiff, lud 4.000 Tonnen Salpeter und kaufte von dem Erlös der Fracht die Peking zurück. Zwischen 1928 und 1932 bildete die Reederei auf diversen Fahrten Offiziersanwärter aus, auch ein lohnendes Geschäft.

 

1932 wurde die Peking schließlich nach England verkauft und diente viele Jahre unter dem Namen „Arethusa“ bei Rochester in der Grafschaft Kent als Internatsschiff für schwer erziehbare Jugendliche. 1974 ersteigerte das Seaport Museum New York das abgetakelte Schiff. Seither lag es unter dem Namen „Peking“ vor der Skyline von Manhattan. Bis man keinen Platz mehr dafür hatte.

Viermastbark Peking
Schiff im Schilf: die Peking unmittelbar vor der Überführung von Wewelsfleth in Schleswig-Holstein nach Hamburg © Tommy Loewe

Mehrere Glücksfälle

Glück und Mühe haben die Rückkehr möglich gemacht: Eine Gruppe von Enthusiasten, der Verein „Freunde der Peking“, legte sich über Jahre ins Zeug, um das Schiff aus New York zu bekommen. Gemeinsam mit der Stiftung Hamburg Maritim, die bereits zahlreiche schwimmende Oldtimer erfolgreich restaurieren ließ, konnten sie das Schiff günstig erwerben. Es wechselte für nur 100 Dollar den Besitzer. Auch die öffentliche Förderung des Auftrags ist eine beachtliche Leistung.

Ironie des Schicksals: Auch ein unerfreuliches Problem erwies sich de facto als Fügung des Himmels, die Entdeckung von giftiger Bleimennige und Asbest im Inneren des Rumpfes. „So musste das ganze Schiff vollrestauriert werden. Und das passiert ganz selten bei alten Schiffen“, sagt Taklermeister Jochen Gnass. Er und Georg Albinus sind Leiter der Erneuerung der Takelage auf der Peking.

So kommt man hin

Nun gibt es also nach 88 Jahren endlich die Rückkehr in den Heimathafen in neuem alten Glanz. Wer das Schiff nach der Ankunft selbst sehen will: Die Peking wird zunächst am Bremer Kai auf dem Kleinen Grasbrook festgemacht. Vom Hauptbahnhof geht es per S-Bahn S3 nach Veddel, und dort mit dem Bus 256 bis Australiestraße (Hafenmuseum).

Ihren endgültigen Liegeplatz erhält die Peking später am Holthusenkai am neuen Hamburger Hafenmuseum im Hansahafen. Dort wird sie voraussichtlich im Frühjahr 2021 für Besucher freigegeben.

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