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Rund 55.000 Frachtschiffe durchpflügen aktuell die Weltmeere. Wie viele ihr Altöl illegal entsorgen, ist nicht bekannt. © Venti Views
Schifffahrt

Wie Schiffe heimlich Öl verklappen

Ölverklappung ist auf vielen Schiffen offenbar üblich: Bei Nacht und Nebel wird ölhaltiges Bilgenwasser ins Meer gepumpt. Warum tun Seeleute so etwas?

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3 Minuten

Öl verseucht das Wasser. Seit Jahrzehnten ist es daher verboten, Öl aus dem Schiffsinnern ins Meer zu leiten. Doch wie eine aktuelle Recherche der Deutschen Welle jetzt glaubwürdig vermittelt, ignorieren tausende Seeschiffe jedes Jahr das internationale Verbot der Ölverklappung. Im Schutz der Dunkelheit, bei Sturm und Nebel pumpen Frachter diverser Reedereien verunreinigte Abwässer über Bord.

Die Redaktion des deutschen Auslandssenders hat monatelang recherchiert und dabei unter anderem mit fünf Seeleuten gesprochen, die anonym über die offenbar gängige Praxis der Ölverklappung Auskunft gaben. Anonym deswegen, weil sie Angst um ihre Anstellung hatten. Die Deutsche Welle zitiert einen jungen Schiffsingenieur, der seit längerem die illegale Öleinleitung von Bord seines Tankers beobachtet.

Anfangs habe ihn die bewusste Regelverletzung seiner Vorgesetzten belastet, inzwischen sei er resigniert. Die Verklappung von ölhaltigem Bilgenwasser ist einfach, weil es kaum nachgeprüft werden kann. Zwar kreisen Satelliten um den Erdball, deren Aufgabe die Entdeckung von Ölspuren im Meer ist. Doch offenbar fällt die Zuordnung bei schlechter Sicht schwierig, und die Spuren verschwinden schnell.

Ursache für die Straftaten ist Geiz. Die internationale Übereinkunft schreibt eine Reinigung des Abwassers durch Ölabscheider vor. Ölrückstände müssen die Crews im Schiff lagern und später im Hafen entsorgen. Um sich diese Prozedur zu ersparen, pumpt man es stattdessen ab. Eigentlich soll die Menge an Altöl zur Entsorgung in einem „Öltagebuch“ festgeschrieben werden. Doch dieses Protokoll sei leicht zu manipulieren, geben die Zeugen der DW-Recherche an.

Bei schlechtem Wetter haben sie gute Chancen

Die Deutsche Welle hat Christian Bussau, Meeresbiologe bei Greenpeace, dazu befragt: „Wenn man das zum Beispiel im Ärmelkanal bei schönstem Wetter am helllichten Tag machen würde, hätte man sofort die Wasserschutzpolizei am Hacken“, sagt Bussau, der sich seit mehr als 25 Jahren mit der Ölverschmutzung in Nord- und Ostsee befasst. „Wenn die Schiffe das aber bei schlechtem Wetter, bei Sturm oder nachts erledigen, haben sie gute Chancen, unbemerkt davonzukommen.“

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Containerfrachter auf großer Fahrt
Ölhaltiges Wasser entsteht täglich in großen Mengen an Bord durch Motor und Klimaanlage © CC0 pxhere.com

Ölverseuchtes Abwasser entsteht täglich in großen Mengen an Bord jedes Großschiffes. Das Öl gelangt aus Klimaanlagen, Motorkühlung und Nebenaggregaten in die Bilge, tiefster Punkt eines Schiffes, und vermischt sich dort mit dem Bilgenwasser, das zum Beispiel durch Kondensation aus Klimaanlagen entweicht.

Im Bilgenentöler lässt es sich so aufbereiten, dass Wasser mit einem Restölanteil von weniger als 15 ppm übrigbleibt. Das darf legal über Bord. In Schutzgebieten wie dem Wattenmeer darf sogar nur ein Ölanteil von 5 ppm im Bilgenwasser verbleiben, um es verklappen zu dürfen.

Satellitenaufnahmen zeigen verdächtige Spuren

Die Behörden schauen dem Treiben nicht tatenlos zu. So beobachtet die Europäische Agentur für die Sicherheit des Seeverkehrs (EMSA) auf Satellitenbildern den Schiffsverkehr und seine Spuren. Verdächtige Spuren im Kielwasser von Schiffen meldet sie den Mitgliedsstaaten zur weiteren Verfolgung.

Die nichtstaatliche Organisation SkyTruth aus den USA wertet ebenfalls Satellitenbilder weltweit aus und kombiniert sie mit den Bewegungsdaten von Frachtschiffen. Weltweite Schwerpunkte sind das Mittelmeer, der persische Golf sowie die Gewässer um Indonesien und Borneo.

Diese Detektivmethode hat Erfolg: Zwischen Juli 2020 und Dezember 2021 gelang es SkyTruth, mehr als 1.500 mutmaßliche illegale Ölverklappungen zu identifizieren. Das ist jedoch offenbar nur die Spitze des Eisbergs: Die Öldetektive haben hochgerechnet, dass bis zu 200.000 Kubikmeter (200 Millionen Liter) verseuchtes Bilgenwasser jährlich ins Meer gelangen könnte.

US-Whistleblower profitieren von den Geldbußen

Offizielle Ermittlungen verlaufen offenbar oft im Trüben. Obwohl die europäische Behörde EMSA seit 2007 auf rund 44.000 mögliche Öleinleitungen in europäischen Gewässern hingewiesen hat, reagierten Mitgliedsstaaten zu langsam auf die Meldungen. 2019 wurden nur 30 Prozent direkt vor Ort geprüft, davon wiederum nur fünf Prozent innerhalb von drei Stunden nach dem Fund. Diese schnelle Reaktion ist notwendig, weil Ölspuren sonst nicht mehr lokalisierbar sind.

Eine Ursache für das geringe Unrechtsbewusstsein sind aber auch die laxen Strafen. In Deutschland würden oft nur Geldstrafen um die 15.000 Euro verhängt. Amerika, so regt die DW-Recherche an, macht es besser. Dort werden Whistleblower, die Verstöße in den Hoheitsgewässern der USA melden, mit einer Beteiligung an den Bußgeldern belohnt. Und die sind beträchtlich: Sie können mehrere Millionen Dollar betragen.

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