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Southern Ocean Expeditionsschiff im sturmumtosten Südpolarmeer © J. Data Imagery/NZAC (CC-BY-SA-2.0)
Wetter

Wo die Stürme zuhause sind

Warum im Southern Ocean extreme Wetterbedingungen herrschen. Und wie man am besten durchsegelt.

Sebastian Wache
von in
5 Minuten

Southern Ocean. Das Südpolarmeer. Der antarktische Ozean. Welchem Segler läuft es bei diesen Worten nicht kalt über den Rücken? Wer hier mit einem Schiff unterwegs ist, sollte genau wissen, was er tut, wenn er unbeschadet festes Land erreichen will. Und selbst erfahrene Seefahrer erleiden Schiffbruch, so rau und widrig sind die hier herrschenden Bedingungen.

Zuletzt erwischte es im südlichen Indischen Ozean gleich drei Teilnehmer des Golden Globe Race, deren Boote bei Windgeschwindigkeiten von 70 Knoten und Wellen bis zu 14 Metern Höhe mehrfach durchkenterten und entmastet wurden: Loic Lepage, Abhilash Tomy und Gregor McGuckin. Fans des Volvo Ocean Race, dessen Route ebenfalls durch das Südpolarmeer führt, werden sich mit Schrecken an den Tod des Seglers John Fisher erinnern. Bei der diesjährigen Edition des Rennens ging das Teammitglied von Sun Hung Kai/Scallywag in eben diesem Südpolarmeer in der Dämmerung über Bord und konnte nicht mehr geborgen werden.

Wetter im Southern Ocean

Im Südpolarmeer an Bord von Sun Hung Kai/ Scallywag © Konrad Frost/ Volvo Ocean Race

Viel mehr Meer auf der Südhalbkugel

Der Southern Ocean ist ein Band auf der Südhalbkugel der Erde, das sich zwischen dem 40. und dem 60. südlichen Breitengrad einmal um die Antarktis zieht – von keiner Landmasse unterbrochen. Das ergibt ein enorm großes Seegebiet südlich von Südamerika, Südafrika und Australien. Vergleicht man dessen geographische Lage mit den Gegebenheiten auf der Nordhalbkugel, finden sich dort Regionen mit eher gemäßigten klimatischen Bedingungen. London, Rom, Hamburg oder Stockholm liegen zum Beispiel zwischen dem 40. und dem 60. Breitengrad Nord.

In beiden Zonen, sowohl auf der Nord- als auch auf der Südhalbkugel, treffen immer wieder kalte Luftmassen mit polarem Ursprung auf wohltemperierte Luftmassen aus den Subtropen. Dadurch bilden sich regelmäßig Tiefdruckgebiete und die Voraussetzungen für die Entstehung von Sturm- oder auch Orkantiefs sind gut.

Wetter im Southern Ocean bei Wetterwelt

Kalte Luftmassen treffen auf warme © WetterWelt GmbH

Extreme Stürme entstehen

In zwei wesentlichen Punkten aber unterscheiden sich die südlichen Breiten des Southern Ocean von ihrem geographischen Gegenpart auf der Nordhalbkugel. Weil die Antarktis mehr Eis hat als die Arktis, finden sehr kalte Luftmassen weitaus häufiger den Weg nach Norden, um dort auf Zonen mit warmer Luft zu treffen. Temperaturen von unter -50 Grad Celsius sind dabei keine Seltenheit.

Diese starken Temperaturunterschiede befeuern die Tiefdruckbildung. Sie lassen Tiefs mit Sturmpotential in Serie entstehen, die sich – wie an einer Perlenschnur aufgereiht – um die Südhalbkugel ziehen. Zusätzlich wirkt sich das Fehlen von Landmasse aus: Einem Tief strömt die Luft immer vom Boden her zu. Bremst keine oder weniger Bodenreibung diesen ‚Auffüllprozess‘, so wie es über großen Wasserflächen der Fall ist, können sich Tiefs wesentlich länger halten und ungedrosselt austoben.

Wetter im Southern Ocean bei Wetterwelt

Sturmtiefs in Serie © WetterWelt GmbH

Wetter im Southern Ocean bei Wetterwelt

Roaring Forties, Furious Fifties und Screaming Sixties

Diese Namen sagen alles, man hört förmlich den Wind in unterschiedlicher Stärke im Southern Ocean toben. Oder rühren die Bezeichnungen gar von den Schreien der Seeleute her, die sich im Tosen des Windes zu verständigen versuchen? Segelt man von Norden kommend in Richtung Antarktis, trifft man zunächst auf die brüllenden Vierziger (40° S bis 50° S). Sie gehen über in die wilden Fünfziger, die Furious Fifties (50° S bis 60° S). Am Ende werden sie zu den heulenden Sechzigern, den Screaming Sixties (60° S bis 70° S). In diesen Breitengraden geht es zur Sache: Je südlicher man kommt, desto stärker werden Wind und Seegang. Alle drei Zonen unterliegen dem unmittelbare Einfluss von intensivem Tiefdruckdurchzug.

Wetter im Southern Ocean bei Wetterwelt

Segelroute um die Welt © Public Domain

Höchste Schwierigkeitsstufe für Wetternavigation

Wer segelnd den Southern Ocean bezwingen und die Antarktis von West nach Ost umrunden will, muss zwischen den Hochzentren auf etwa 30° S und den Tiefkernen bei ca. 60° S den optimalen Westwind finden. Gleichzeitig darf man dabei weder den Hochzentren zu nahe kommen, noch zu dicht an die Kerne der Tiefdruckgebiete geraten.

Die besten Bedingungen, eine solche Route zu verfolgen, liegen in der Regel zwischen dem 40. und dem 50. Breitengrad vor. Die Segler müssen sich also in den riskanten Roaring Forties bewegen, wo die Windgeschwindigkeiten groß und die Wellen schon enorm hoch sein können. Durchschnittliche Wellenhöhen von sechs, acht oder sogar zehn Metern sind hier keine Seltenheit.

Für die großräumige Navigation bei einer Route in östliche Richtung ergibt sich für den optimalen Kurs eine Art Wellenmuster – siehe die orangene Linie in der Abbildung unten. Denn Hochs und Tiefs wechseln sich in rascher Folge ab.

Wetter im Southern Ocean bei Wetterwelt

Hochs und Tiefs in rascher Folge © WetterWelt GmbH

Genau daraus resultiert auch die größte Schwierigkeit für Segler im Hinblick auf eine gute Wetternavigation im Südpolarmeer: Sie müssen die Windrichtungen der durchziehenden Hoch- und Tiefdruckgebiete optimal nutzen und zugleich den heftigsten Stürmen aus dem Weg segeln. Die schnellen Volvo-Ocean-Racer zum Beispiel haben hier einen enormen Vorteil gegenüber den langsameren 36-Fuß-Booten, mit denen das Golden Globe Race gesegelt wird.

In beiden Fällen sind verlässliche Wetterdaten und ein professioneller Modellvergleich unabdingbar, um möglichst sicher navigieren zu können. Ganz unberechenbar ist der Southern Ocean also nicht, dennoch bleibt er eine der größten Herausforderungen im Segelsport.

Mythos Kap Hoorn

Und warum ist gerade das Kap Hoorn so berühmt und berüchtigt für seine Gefahren? Die Südspitze des amerikanischen Kontinents ragt weit in die Furious Fifties hinein. Und gerade hier ist der Seeraum zwischen den Landmassen der Kontinente enger begrenzt als beispielsweise zwischen der Antarktis und Südafrika oder Australien: Gerade einmal 550 Seemeilen beträgt die Distanz zwischen dem Kap und dem antarktischen Festland.

Dadurch entsteht ein Nadelöhr, durch das die Luft- und Wassermassen mit der Westwinddrift geschoben werden. Eine Art Düseneffekt stellt sich ein. Zudem sorgt ein Kap-Effekt an den Landspitzen im Norden und im Süden für weitere Wind- und Strömungszunahme. Daraus ergeben sich bei einer ungünstigen Tiefdrucklage schnell zwei bis drei zusätzliche Windstärken für das Seegebiet südlich des Kaps – Westwinde in quasi Orkanstärke, die tage- oder gar wochenlang anhalten können.

Wetter im Southern Ocean

Ein Albatros segelt auf dem Wind © J. Data Imagery/NZAC

Die See vor Kap Hoorn wurde im Laufe der Geschichte unzähligen Schiffen und Seefahrern zum Verhängnis. Grobe Schätzungen gehen von mehr als 800 Schiffen aus, die hier gesunken sind und für mehr als 10.000 Seeleute zum Grab wurden. Zum Gedenken an diese ‚verlorenen Seelen‘ wurde 1992 ein Denkmal auf dem Kap errichtet, das einen stilisierten Albatros darstellt. Ein Gedicht der chilenischen Dichterin Sara Vial, das ebenfalls den Ertrunkenen gewidmet ist, findet sich auf einer Tafel in der Nähe:

Ich bin der Albatros, der dich erwartet
am Ende der Welt.
Ich bin die vergessene Seele der gestorbenen Seeleute
von allen Meeren der Welt,
die Kap Hoorn umschifften.
Aber sie starben nicht
in den tosenden Wellen,
sondern fliegen auf meinen Schwingen
in die Ewigkeit,
wo über tiefe Schluchten
die antarktischen Stürme brausen.

Unser Autor Sebastian Wache macht als Diplom-Meteorologe für WetterWelt Wetterberatung, Seminare, Gutachten, Törn- und Regattaberatung. float hat Wetter-Apps, die nach den unterschiedlichen Wettermodellen arbeiten, vor einiger Zeit ausführlich vorgestellt.

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